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Beim Tauschen finden sich Freunde

Seit zwei Jahren besteht das Härtennetzwerk

Eine neue Form von Geld wurde vor zwei Jahren auf den Härten mit der Gründung eines Tauschrings entwickelt: Härtenviertel. Diese virtuelle Währung untersteht ganz eigenen Regeln und hat sich mittlerweile mehr als bewährt. Sie unterliegt keinem Finanzmarkt, sondern baut hauptsächlich ein soziales Netzwerk auf.

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Laura Esser

Es sei eine Art Nachbarschaftshilfe, „bloß ist es jetzt eine große Nachbarschaft“, sagt Beate Pömmerl über das Härtennetzwerk. Pömmerl (auf dem Foto nebenan Vierte von links), Michael Stadelmann, Graeme Nicholson (ganz links), Renate Mitzkat (Dritte von rechts) und Heinz Volkmer (Mitte hinten) gehören zum Kernteam.

Das sind Mitglieder des Härtennetzwerks, die jeweils für das stehen, was sie zum Tausch anbieten: ... Das sind Mitglieder des Härtennetzwerks, die jeweils für das stehen, was sie zum Tausch anbieten: Schnee schippen, Hunde ausführen, Wäsche mangeln, Fahrräder reparieren, Blumen umtopfen, vorlesen, musizieren.Bild: Jäger

Die Idee dazu entstamme dem Gedanken der Nachbarschaftshilfe, erklärt Volkmer. Jemand braucht Hilfe beim Schneeschippen, beim Einkaufen, bei der Computer-Reparatur und muss nicht erst verzweifeln, bis ihm geholfen wird. Auf den Härten hilft man sich gegenseitig.

Mittlerweile besteht das Härtennetzwerk aus 87 Mitgliedern. „Das sind ein Prozent der Härtenbevölkerung“ stellt Mitzkat lachend fest. Das Netzwerk erstreckt sich inzwischen über alle fünf Teilorte – also Kusterdingen, Wankheim, Mähringen, Immenhausen und Jettenburg – und sogar bis nach Reutlingen und Gomaringen.

Von Brotbacken bis Tiersitting

Im Juni 2010 wurde das Härtennetzwerk im Alten Schulhaus in Kusterdingen von einer Interessengruppe mit ungefähr 30 Personen gegründet. Dass das Konzept erfolgreich ist, sieht man an den 2500 Härtenvierteln, die dieses Jahr getauscht wurden. Ein Härtenviertel entspricht 15 Minuten Arbeit, das heißt, dass bei 2500 Einheiten dieser individuellen Währung 625 Arbeitsstunden erbracht wurden. Nicht nur beim Tauschen nehmen die Zahlen zu. Mit 18 neuen Mitgliedern gab es dieses Jahr einen Beitrittsrekord. Das Kernteam ist sehr zufrieden mit der Entwicklung.

Die Mitglieder bieten im Internet, im sogenannten „Netzwerkspiegel“, verschiedenste Arbeiten an. Aber man kann auch Suchanzeigen aufgeben. Im Netzwerkspiegel finden sich Angebote von Brotbacken und Hilfe bei Behördengängen über Tiersitting, Blumenumtopfen, Wäschemangeln, Fahrrad-Reparaturen, Energiesparberatung bis hin zum Werkzeugverleih. Interessiert man sich für eine Sache, nimmt man Kontakt zur anbietenden Person auf. Dann wird ausgehandelt, wie viele Arbeitsstunden benötigt werden. Diese werden dann in Härtenviertel umgerechnet und dem Anbieter überwiesen. „Das funktioniert wie Online-Banking, nur ohne Geld“, sagt Nicholson.

Jede Arbeit ist gleich viel wert

Da nicht alle Menschen Zugang zum Internet haben, bilden sich Partnerschaften. Hier übernimmt ein Mitglied mit Internet die Aufgabe, ein Mitglied ohne Internet über die Angebote zu informieren.

Die Angebote im Netzwerkspiegel werden durch Kategorien übersichtlich dargestellt. So gibt es zum Beispiel die Kategorien Essen, Urlaub, Haus, Heimwerken und vieles mehr. Welches Tauschangebot am meisten genutzt wird, ist saisonabhängig. „Zur Zeit sind Walnüsse am gefragtesten“, sagt Pömmerl.

Bei dem Netzwerk geht es, so Nicholson, im wesentlichen um Dienstleistungen. Der Mehrwert, der daraus entsteht, sind die sozialen Verbindungen, aus denen oft auch Freundschaften erwachsen. Dabei betont Nicholson, dass unabhängig von den Härtenvierteln, die für ein Angebot ausgehandelt werden, jede Arbeit gleich viel wert sei. Das Leistungsversprechen ist nicht von finanziellem Erfolg geprägt, sondern von einer ganz neuen Art der Nützlichkeit, welche die Mitglieder durch ihre Fähigkeiten verbindet.

Der Aspekt des sozialen Netzwerks ist ihnen dabei am wichtigsten. Deshalb veranstalten sie zweimal im Monat einen Stammtisch, bei dem sich auch die Mitglieder kennenlernen, die nicht durch ein Tauschgeschäft in Verbindung treten. Es ist ein Forum, bei dem es Platz zum Diskutieren gibt und Vorträge gehalten werden, so Nicholson.

„Über das Netzwerk hat man die Möglichkeit, Dinge kennenzulernen, von denen man gar nichts wusste“, sagt Mitzkat. „Die Vielfalt, die sich auf den Härten gut versteckt, entdeckt man erst durch das Netzwerk“, ergänzt Christopher Schmidhofer. So findet man nun also in einem schwäbischen Dorf Anleitungen für chinesisches Kochen oder für exotische Tänze wie Bachata und angolanischen Tango.

Aber auch für große Feste hat das Netzwerk etwas zu bieten: Schmidhofer hat vor kurzem geheiratet und kann dank des Härtenrings auf ein gelungenes Fest zurückblicken. Über den Netzwerkspiegel suchte und fand er Technik und Musik für die Abendbeschallung sowie Kuchen- und Tortenbäcker.

Als nützlich hat sich das Netzwerk auch schon für Leute erwiesen, die erst kürzlich in die Gegend gezogen sind und so viel schneller Anschluss finden. Für nahezu alles gibt es eine Lösung auf den Härten. Sogar wenn der Besuch einer Reporterin ansteht, hilft der Netzwerkspiegel. Nicholson hat eine Suchanzeige aufgegeben: „Mitwirken bei einem Zeitungsinterview nächsten Mittwoch um 20 Uhr vom SCHWÄBISCHEN TAGBLATT“.

Betrachte man die Entwicklung der letzten zwei Jahre, „ist das Härtennetzwerk den Menschen mittlerweile ein Begriff“, sagt Pömmerl. „Vieles läuft dabei über Mundpropaganda“, so Volkmer. Für die Zukunft wünschen sie sich noch mehr Mitglieder – und dass „passive Mitglieder“ im Netzwerkspiegel aktiv werden. 

Info: Wer Kontakt zum Härtennetzwerk aufnehmen möchte, findet die Ansprechpartner im Internet unter www.haertennetzwerk.de

06.12.2012 - 08:00 Uhr | geändert: 06.12.2012 - 08:13 Uhr

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