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Rasiermesserscharfe Feuersteine

Ferienprogramm nahm Schulkinder mit in die Steinzeit

Wie die Steinzeitmenschen Werkzeuge schufen und wie man eine Höhle betritt, lernt man nicht in der Schule, sondern im Ferienprogramm der Gemeinde Kusterdingen.

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Caroline Haro

Flink wie die Wiesel laufen dreizehn Kinder über Steine und Äste im Bachbett. Weil dort nur ein Rinnsal fließt, lässt es sich gut auf den Steinen laufen. An einem bemoosten Baumstamm verlangsamt sich das Tempo der Schüler – nun müssen sie balancieren können.

Unter dem „Abri“, wie der Felsüberhang in der Sprache der Höhlenkundler heißt, haben nicht ... Unter dem „Abri“, wie der Felsüberhang in der Sprache der Höhlenkundler heißt, haben nicht nur die Teilnehmer des Ferienprogramms Platz. Jose Magalhaes (links) erklärt, dass hier vielleicht schon Steinzeitmenschen Unterschlupf gesucht haben, denn hier gab es Wasser und somit auch Tiere, die man jagen konnte. Bild: Haro

Beim Kusterdinger Ferienprogramm „Urgeschichte hautnah und Rulamanweg“ erkundeten Acht- bis Elfjährige die Natur auf dem Rulamanweg bei Bad Urach auf der Alb. Die wenigsten kannten den Jugendroman „Rulaman“ von David Friedrich Weinland, der vom Leben eines Steinzeitjungen an Schauplätzen in dieser Gegend handelt. Hier ging es vor allem um den Kontakt mit der Natur, der Tulkahöhle, um das Entdecken der eigenen Fähigkeiten. Begleitet wurde die Kusterdinger Schar vom Gemeinde-Jugendreferenten Swen Idahl, seinem Praktikanten Sönke Keding und dem Archäologen und Erlebnispädagogen Jose Carlos Borges de Magalhaes. Idahl und Magalhaes sind ein eingespieltes Team.

Hier ist Körpereinsatz gefordert

Zu Beginn der Wanderung erklärt Magalhaes den Abenteurern, dass sie in diesem Biosphären-Gebiet nicht vom Weg abkommen dürfen. Um sich für das Wandern aufzuwärmen, kriechen die wendigen Schulkinder durch ein Betonrohr. Dort wird normalerweise Regenwasser umgeleitet, doch heute ist es völlig trocken. Alle sind fit, also kann es weiter gehen. Sie wandern eine Weile den Rulaman-Weg entlang. Manche Kinder kennen sich bereits, denn sie sind schon bei anderen Ferienprogrammpunkten dabei gewesen oder spielen im gleichen Fußballverein. „Ich hab’ schon mal den Rulaman gemacht“, sagt Samuel, neun Jahre alt, aus Mähringen. Auch zwei weitere Teilnehmer waren schon in den Jahren davor mit dabei.

Ganz konzentriert schneiden Hanna, Carmen und Sonja (von links) Lederkreise für einen Beutel aus. ... Ganz konzentriert schneiden Hanna, Carmen und Sonja (von links) Lederkreise für einen Beutel aus. Das ist mit dem Feuerstein gar nicht so einfach. Bild: Haro

Einen metallenen Koffer, den er bei sich trägt, öffnet Magalhaes erst an der Feuerstelle. „Ich werde euch jetzt in die Archäologie einführen.“ Auf seine Frage, welche Steine die Steinzeitmenschen häufig genutzt haben: Schweigen. Magalhaes verrät schließlich die Antwort: Feuersteine waren es. „Sie sind sehr scharf, schärfer als eine Rasierklinge.“ Er veranschaulicht mit Geweihstücken aus dem Koffer, wie Feuersteine mit Horn bearbeitet wurden, um danach selbst als Werkzeuge zu dienen. Mit den aufgebrochenen Feuersteinen stellte man Speere her oder durchbohrte Muscheln.

Um selbst zu erleben, wie solch ein Stein schneidet, bekommt jedes Kind Schneidebrett, Lederstück, Feuerstein und Bastschnur. Daraus sollen Lederbeutel entstehen. Magalhaes warnt: „Ihr müsst aufpassen, weil die Steine scharf sind.“ Der achtjährige Johannes war aufmerksam. „Schärfer als ein Rasiermesser?“, fragt er sofort. Der Archäologe lächelt: „Genau.“

Die neun Jungen und vier Mädchen benötigen dazu viel Geduld. „Ich habe schon einmal einen Beutel gemacht, aber nicht aus Leder“, sagt Carmen. Die Sechstklässlerin schneidet konzentriert. Die ersten stöhnen schon. „Das dauert natürlich länger als mit heutigen Geräten, nicht nur ein paar Minuten“, gibt Magalhaes zu bedenken. „In der Steinzeit hatten sie aber auch mehr Kraft!“ ruft einer aus der Gruppe.

Trotz allem ist der Lederkreis bald ausgeschnitten, der Bast mithilfe der Mädchen geflochten, die Säckchen sind fertig. Währenddessen haben die Betreuer ein Feuer entzündet. Jetzt brutzeln Würstchen auf modernen Teleskopstangen und die Jungen klettern im trockenen Bachbett herum. Nach der Essenspause verlässt die Gruppe den Gehweg und wandert bergauf im Bachbett weiter. Dabei ist ihre Geschwindigkeit auf den bröckeligen Steinen erstaunlich schnell. Hier und da müssen die Begleiter eine Hand reichen, wenn es doch zu rutschig wird.

In der Tulkahöhle ist es rutschig

Weiter oben über dem Bachbett gelangen die Kinder zu einem großen Felsüberhang, den man „Abri“ nennt – französisch für Unterschlupf. Es sei möglich, dass der Fels in der Steinzeit den Menschen Schutz geboten habe, erklärt Magalhaes. Denn hier gab es auch Wasser und somit Tiere, die sie erlegen konnten.

Jetzt wird es für die unerschöpflichen Wanderer spannend. Über einen engen Pfad geht es zu einer Höhle, der Tulkahöhle aus dem „Rulaman“. Mit Helmen und Stirnlampen tasten sich die Abenteurer voran. Die Wände und der Boden sind von versickerndem Wasser, Lehm und Mineralien sehr feucht und klebrig. In der letzten Kammer der Höhle angekommen, löschen alle das Licht ihrer Lampen, auch die Betreuer. Und dann ist es eine Minute lang still. Nur ein paar Sportschuhe leuchten noch. Magalhaes steigert den Zauber der dunklen Höhle noch, indem er auf einer Flöte eine Melodie spielt.

Auf den Rückweg traut sich die Mehrzahl der Kinder ohne Licht. „Das war cool!“, jubelt Samuel. Erleichtert sind aber alle, als sie draußen sind. In der Höhle waren es 12 Grad, draußen ist es warm und hell.

Hell leuchtet auch das Gesicht von Johannes: „Ich fand es toll, dass ich einen Feuerstein bekommen habe“, sagt er und macht sich mit den müden und stolzen Lederbeutelbesitzern auf den Heimweg nach Kusterdingen.

Der Erlebnispädagoge mag die Arbeit in der Gruppe
Der Archäologe Jose Carlos Borges de Magalhaes, 45, der in Wankheim lebt, hat nach der Geburt seiner zwei Söhne eine Zusatzausbildung zum Erlebnispädagogen gemacht. Mit einer Kollegin bietet er seit neun Jahren unter anderem Schluchtquerungen, geologische und archäologische Exkursionen oder Vater-Sohn-Freizeiten an. Er begleitet auch Projekte mit „Brennpunktschulen“. Dabei versuche er, „Impulse zu geben, wenn es zu Konflikten kommt und Probleme zu formulieren“. Den gebürtigen Portugiesen fasziniert es, mit einer Gruppe gemeinsam etwas zu erarbeiten: „Dabei kommt immer etwas anderes heraus, und jeder geht mit dem Hergestellten anders um.“


11.08.2012 - 08:30 Uhr

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