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Frischer Wind in der Gemeinde

100 Tage Steffen Heß: der Gomaringer Rathauschef über Einfluss, Ärger und mächtige Präsentkörbe

Seit Juli ist Steffen Heß neuer Bürgermeister in Gomaringen: 100 Tage Rampenlicht für den ehemaligen Hauptamtsleiter. Im TAGBLATT-Interview verriet der 34-Jährige, wann Kritik für ihn gut ist, wie viel Wind in erneuerbaren Energien steckt und wer im Rathaus die Spülmaschine einräumt.

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TAGBLATT: Herr Heß, seit 100 Tagen sind Sie Rathauschef in Gomaringen. Haben Sie schon eine schöne Wohnung gefunden?

Findet Kritik gut, wenn sie sachlich bleibt: Gomaringens Bürgermeister Steffen Heß. Bild: Franke Findet Kritik gut, wenn sie sachlich bleibt: Gomaringens Bürgermeister Steffen Heß. Bild: Franke

Steffen Heß: Ich wohne noch dort, wo ich während des Wahlkampfes und als Hauptamtsleiter auch gewohnt habe: in Pfullingen.

Und wo möchten Sie wohnen?

Ich möchte nach Möglichkeit fußläufig ins Rathaus kommen – sowohl ins jetzt bestehende als auch ins künftige.

Das akzeptieren die Stockacher?

Ich habe sie jetzt ehrlich gesagt nicht danach gefragt (lacht). Ich sehe das als eine Kerngemeinde, die wir miteinander haben. Ich mach’s nicht so wie das Europäische Parlament, wo man mal in Straßburg und mal in Brüssel ist.

Sie sind jetzt eine Person, mit der man sich gut stellen und vielleicht gewissen Einfluss ausüben möchte. Haben Sie solche Erfahrungen schon gemacht?

Nein. Teilweise habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass frühere Entscheidungen nochmal hinterfragt worden sind. Leute, auch Behörden, haben nachgehakt: Bisher ist es so gelaufen – könnten wir nicht zu einer anderen Regelung kommen? Teilweise ist das interessant. Manchmal denkt man: Die Zeit hätte ich gern anders genützt. Aber gut, dafür bin ich auch da. Das ist legitim.

Ist der komplette Kirchenweg zu Ihnen gekommen? Weil er sich über den Bauungsplan Jakobstraße ärgert?

Nein, bis jetzt nicht. Wir haben dort das Pech, dass die Fläche früher nicht gleich miterschlossen wurde. Wenn man da wohnt, ist man natürlich nicht begeistert über Baufahrzeuge. Das wird auch wieder ruhiger, und wenn man nette Nachbarn bekommt, ist das ja auch eine Bereicherung.

Es gab eine Situation, in der Sie sehr energisch wurden: Im Bauausschuss wollten sich Anwohner wegen eines Buswartehäuschens beschweren. Sie fürchten, dass sich dort künftig Jugendliche treffen und Lärm machen.

Ich habe gesagt, dass wir dafür die Fragestunde im Gemeinderat haben. Wir veröffentlichen die Tagesordnung – und wenn die Leute das am Wochenende im Gemeindeboten lesen, sollen sie am Montag anrufen, eine E-Mail schicken oder um einen spontanen Termin bitten.

Wieso keine Wortmeldungen?

So können wir’s nicht machen. Sonst sitzen, überspitzt gesagt, zu jedem Tagesordnungspunkt zehn Leute in der Sitzung. Wir behandeln im Ausschuss oder im Gemeinderat ein Thema, und dann kommen Zwischenrufe. Das ist ja auch ok – aber alles zu seiner Zeit. Und so musste ich damals, weil die Familie nicht eingelenkt hat, ein bisschen deutlicher werden. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn einem so etwas am Anfang passiert: Dann wissen gleich beide Seiten, woran sie sind.

Bei dieser Sitzung bekam man das Gefühl, dass viele Leute gar nicht wissen, wann sie sich zu Wort melden können. Das ist kompliziert für jemanden, der da nicht drinsteckt.

Wir haben öffentliche Ausschüsse. Es gibt Gemeinden, die das durchweg nichtöffentlich machen. Bei uns ist der Vorteil, dass man noch Strömungen mitbekommt. In der Vergangenheit kam es schon vor, dass die Entscheidung im Ausschuss anders war als hinterher im Gemeinderat. Und: Den Gemeinderat und die Bürgerfragestunde gibt es nicht erst seit gestern. Wir sind ja auch keine große Stadt, sondern eine Gemeinde, wo man sich kennt.

Müssen Sie nach so einer Gemeinderatssitzung noch eine Runde um den Block laufen?

Wir gehen, wenn es die Zeit erlaubt, noch zur Nachsitzung. Da kann man sich nochmal auf einer anderen Ebene austauschen. Wenn man weiß, woher die Leute kommen, welche Überlegungen sie haben, tut man sich leichter, eine Rückmeldung oder kritische Frage besser zu verstehen. Oft ist es schon so, dass man hinterher nicht gleich ins Bett gehen kann. Da beschäftigt einen schon das eine oder andere.

Hohes Bürgerinteresse gibt es auch bei der Windkraft. Gomaringen gilt im Steinlachtal als vergleichsweise gute Lage. Mit wie viel Wind rechnen Sie in der Sache?

Wir haben im Juli die Analyse in Auftrag gegeben, um als Gemeinde das Heft in der Heft in der Hand zu behalten. Die Frage wird sein: Macht es hier überhaupt Sinn? Wir haben ja die Solar-Gemeinschaft. Da könnte man das elegant mit dranhängen. Aber es braucht jemanden, der da Geld in die Hand nimmt. Ich halte wenig davon, Firmen von Außen reinzulassen, wenn aus der Bürgerschaft Interesse da ist, ein oder zwei Anlagen gemeinsam zu erwerben.

Wäre das für Sie mit Stolz verbunden? Gomaringen in der Sache vorangehen zu sehen?

Wir müssen alle unseren Beitrag leisten. Ob man da jetzt stolz drauf sein muss, weiß ich nicht. Es sieht zwar nicht so toll aus – aber man kann nicht das eine wollen und das andere dann nicht machen.

Hohe Dinge gibt es ja auch sonst in Gomaringen. Das Naturana-Hochhaus, das Kemmler-Haus...

Ja (lacht). Die drehen sich allerdings nicht.

Haben Sie schon einmal über ein Dienstfahrrad nachgedacht?

Ich hab mal so ein Fundfahrrad genommen vom Bauhof. Als Hauptamtsleiter. Über ein E-Bike wird nachgedacht, aber Gomaringen ist von der Fläche her überschaubar. Mittel haben wir nicht extra eingestellt. Und wenn man zum runden Geburtstag geht oder zur Goldenen Hochzeit – dann hat man eh größere Präsente dabei.

Was kriegt man denn so zu einem 90. Geburtstag?

Als Frau ein Blumenstöckle, als Mann zwei Flaschen Wein. Und wenn man es lange mit dem Partner ausgehalten hat, gibt es einen Geschenkkorb mit Bananen, Wurst oder einer Flasche Wein. Der ist schon relativ groß. Und es wär schade, wenn der runterfallen würde.

Wie geht es mit der Ortsmitte voran – der Sanierung der Schloss-Scheuer und der ehemaligen Kindlerschen Fabrik?

Es gibt immer Wunsch und Wirklichkeit. Wunsch wäre, morgen anzufangen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ende des Monats werden wir für beide Projekte die Förderanträge stellen. Mit der Schloss-Scheuer haben wir vor, 2013 zu beginnen. Das würde ungefähr zwei Jahre dauern – und wenn wir’s uns dann leisten können, ist die nächste Sache die Bahnhofstraße 8.

Auf welche Realitäten sind Sie in ihrem neuen Amt denn gestoßen?

Bei der Bahnhofstraße 8 waren wir unter der 7-Millionen-Grenze – und dann haben wir festgestellt: Wir haben ja gar keine Jalousien!

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Im Gemeinderat kommen oft gute Rückmeldungen, wo man denkt: Da hättest du auch selbst draufkommen können. Solange man anständig miteinander umgeht, sehe ich da gar kein Problem.

Hat sich Ihr Verhältnis zu den Rathaus-Mitarbeitern geändert, seit Sie Bürgermeister sind?

Ich bin sehr nett aufgenommen worden. Und ich habe immer darauf geachtet, dass ich nicht anders werde oder jemandem anders begegne. Ich tu’ mein Geschirr immer noch selbst in die Spülmaschine.

Wie sieht derzeit die Zusammenarbeit mit ihrer Wahlkampf-Konkurrentin Petra Rupp-Wiese aus? Sie ist ja weiterhin Sprecherin der Grünen Liste.

Nun, mal angenommen, Dietmar Bez hätte die Wahl gewonnen: Er Bürgermeister, sie Stellvertreterin, ich Hauptamtsleiter. Es wäre im höchsten Maß dumm gewesen, wenn wir alle einen Wahlkampf unter der Gürtellinie geführt hätten. Wir haben ein ganz normales, offenes Verhältnis. Frau Rupp-Wiese hat auch zuvor schon kritisch nachgefragt. Und ich denke, das wird auch in Zukunft so bleiben.

Wie oft haben Sie in den vergangenen 100 Tagen Ihren Vater angerufen – den Bürgermeister von Pfullingen?

Vielleicht vier, fünf Mal. Es ist nicht einfach, ihn zu erreichen – und andersrum auch. Letzten Samstag haben wir zusammen einen Zaun gemacht: Es war der dritte Anlauf, bis es mal geklappt hat, einen Termin zu finden.

Und die aktuellen Projekte?

Wir haben das Landratsamt Reutlingen kontaktiert und gebeten, Möglichkeiten zu prüfen wegen des Westbahnhofs. Was nachher rauskommt? Da müssen wir schauen, was technisch möglich ist und wie es finanziell aussieht.

Dann würde die Bahn an dem kleinen Bahnhöfle halten?

Zum Beispiel. Oder weiter vorne. Die Kinder, die auf den Höhnisch gehen, müssten dann nicht über die Straße. Und für die Unipro-Mitarbeiter wäre es auch ein vertretbarer Weg.

Wie geht es mit Unipro weiter?

Wir halten nichts davon, diese Flächen – sage ich mal platt – zu verramschen. Lieber steht es noch eine Weile frei.

Die Fragen stellten Eike Freese und Gabi Schweizer

Schreiner, Student, Bürgermeister: Steffen Heß
Steffen Heß, Jahrgang 1978, ist ausgebildeter Schreiner und Denkmaltechnischer Assistent. Seit 2006 ist er Diplom-Verwaltungswirt. Nach Stationen an der Hochschule Ulm, bei der Stadt Überlingen und auf dem Gestüt Marbach war er knapp zwei Jahre Hauptamtsleiter in Gomaringen. Am 29. April wurde Heß mit rund 65 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Manfred Schmiderer bestimmt. Heß‘ Themen im Wahlkampf: Sanierung der Ortsmitte mit Schloss-Scheuer und neuem Rathaus, Belebung des Ortskerns, Wirtschaftsförderung, Kinderbetreuung, Bürgerbeteiligung. 2014 möchte er für den Kreistag kandidieren – auf welcher Liste, ist noch unklar: „Das lasse ich noch auf mich zukommen.“


20.10.2012 - 08:30 Uhr

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