Für die größte Investitionsruine im Landkreis ist ein Nachmieter in Sicht: Die Schelklinger Firma SWS-Steinwerk will zwei Hallen des stillgelegten Müllwerks in Dußlingen mieten. Ein Konzept für die Nutzung legte sie am Freitag im Abfall-Zweckverband (ZAV) vor. Bis das genehmigt ist, verhandelt der Verband mit keinen anderen Kandidaten.
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Matthias Reichert
In der ehemaligen Rottehalle (links) im Industriegebiet „Steinig“ soll künftig Streusalz gelagert werden, in der Sortieranlage (rechts) werden Baustoffe gemischt. Bild: Franke
Reutlingen/Dußlingen. Seit der Stilllegung 1992 suchte der Verband vergeblich Pächter oder Käufer. Die neuen Pläne betreffen die Halle, in der noch die ehemaligen verfahrenstechnischen Anlagen des ehemaligen Müllwerks stehen, die ehemalige Rottehalle, in der früher organische Abfälle verrotteten, und eine weitere Deponiefläche.
In der Verfahrenstechnik-Halle will die Schelklinger Firma SWS-Steinwerk eine Aufbereitungsanlage für mineralische Reststoffe sowie eine Mischanlage für Versatzbaustoffe einrichten. In diesen Anlagen sollen jeweils 150 000 Tonnen im Jahr bearbeitet werden. Mit den abgemischten Baustoffen sollen alte Stollen im Salzbergwerk Stetten der Wacker Chemie aufgefüllt werden.
Auf dem Rückweg soll dann Streusalz – die Rede ist von insgesamt 20 000 Tonnen – von Stetten nach Dußlingen gekarrt werden und in der einstigen Rottehalle von Frühjahr bis Herbst eingelagert werden. In der Aufbereitungsanlage sollen Bauschutt und Gleisschotter von der Bahn aufbereitet werden. Wie Florian Rombold, der Mit-Geschäftsführer des Schelklinger Familienbetriebs, erläuterte, werden die Steine „wieder marktfähig“ gemacht.
Zunächst schickt die Bahn eine Schadstoff-Analyse,. Nach Abgleich und Anlieferung werden Schutt und Steine zweimal gesiebt, gebrochen und gewaschen. Die ausgesiebten Schadstoffe will Rombold verwerten, die Endprodukte verkaufen. Einen Teil der Restdeponie möchte die GmbH zudem als Zwischenlager für die mineralischen Reststoffe nutzen – was zu Lärmproblemen für die Anlieger führen dürfte.
Ebenfalls auf 150 000 Tonnen im Jahr ist die Mischanlage für Versatzbaustoffe angelegt. Sie verwertet Abfälle wie Filterstäube aus der Rauchgasreinigung von Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen sowie feuchte Abfälle aus metallverarbeitenden Betrieben und Baustoffindustrie. Diese werden zu „Versatzbaustoffen“ abgemischt, mit denen das Salzbergwerk Stetten alte Stollen auffüllen will. Sie dürfen laut Frank Joppen, dem kaufmännischen Leiter des Bergwerks, nicht „reizend und staubend“ sein. Die detaillierte Liste hatte er nicht dabei. Der Zweckverband wird vor Abschluss eines Pachtvertrags über die fraglichen Stoffe informiert, sicherte der Tübinger Landrat Joachim Walter zu.
So funktioniert die Mischanlage: Zunächst analysiert laut Rombold ein Fachlabor die Stoffe. Dann begutachten externe Fachleute deren mögliche Vermengung. Erst, wenn die spezifische Rezeptur für die Mixtur vorliegt, folgt die Anlieferung. Die Stäube werden aus geschlossenen Lkw in zwei Silos eingeblasen, via Fließband gemischt und dann versandt.
Der Dußlinger Gemeinderat wurde nichtöffentlich informiert. Die Gemeinde will wirtschaftlich am Mehrnutzen beteiligt werden. Im ZAV pochte Bürgermeister Thomas Hölsch auf Einhaltung der immissionsschutzrechtlichen Vorschriften. Und der Transport solle „ab einem bestimmten Zeitpunkt über Schiene laufen“. Als ein Eckpunkt für den Pachtvertrag ist laut Sitzungsvorlagevorgesehen, einen Bahnanschluss einzurichten, wenn er für die SWS „wirtschaftlich tragbar“ sei.
Im Gremium wurde gefordert, dass sich der Zweckverband daran beteiligen solle. „Es klingt schizophren, dass Gleisschotter auf Lastwagen gefahren wird“, fand Sabine Kracht (Grüne). Auch Alfons Reiske (SPD) will den Gleisanschluss parallel zum Genehmigungsverfahren betreiben. „Nicht, dass wir dann noch fünf Jahre darauf warten.“ ZAV-Geschäftsführer Thomas Meyer-Knufinke sicherte zu: „Wir prüfen, ob wir das hinkriegen. Technisch geht‘s, die Frage ist: Wie wird das bezahlt?“
Zum Gesamtkonzept signalisierten alle Fraktionen Zustimmung. „Uns kann fast nichts Besseres passieren“, fand Helmut Vöhringer (CDU). Der Verband beschloss einen Exklusivitätsvertrag mit SWS-Steinwerk. Das bedeutet, dass bis zur voraussichtlichen Genehmigung in einem Jahr mit keinen weiteren Interessenten verhandelt wird.
Wenn sich die Genehmigung zieht, kann der Vertrag verlängert werden. Bei Abschluss eines Pachtvertrags wird die Firma die verfahrenstechnischen Anlagen erwerben und demontieren, eigentlich wollte der Verband die Arbeiten anderweitig vergeben. Ziel ist ein auf sieben Jahre angelegter Pachtvertrag mit SWS-Steinwerk für die Verfahrenstechnik-Halle und ein Pachtvertrag über fünf Jahre für die Rottehalle. Wenn nicht gekündigt wird, sollen sich diese Pachtverträge automatisch um jeweils ein Jahr verlängern.
Doch zunächst müssen die Anlagen genehmigt werden. Zuständig sind das Regierungspräsidium und – für das Streusalzlager – das Tübinger Landratsamt. Die Gemeinde Dußlingen kann im Genehmigungsverfahren Stellung beziehen.
Vom Bundesmodell zur Müllverbrennungs-Standortsuche
Rund zehn Jahre dauerte der Modellversuch, bei dem in Dußlingen aus Restmüll Wertstoffe sortiert und einer Wiederverwertung zugeführt wurden. Das Projekt war stets umstritten – nicht nur, weil der Bau der Rotte- und der Verfahrenstechnik-Halle mit den Rüttelsieben und Metallabscheidern „Im Steinig“ rund 50 Millionen Euro verschlang.
Von 1982 bis 1985 gebaut, wurde die Anlage bis 1991 betrieben. Dann erlosch die auf zehn Jahre befristete Betriebsgenehmigung. Sie wurde nicht erneuert, da aus Dußlingen massive Kritik am Gestank der organischen Abfälle kam. Aber auch, weil sich die industrielle Mülltrennung als kostspieliger Irrweg erwies.
Nach 1991 wurden die beiden Hallen noch jahrelang für die Bodensanierung und fürs Sortieren der gelben Säcke genutzt. 1995/96 erwog der Abfallzweckverband, die Sortieranlage zum Müllverbrennungs-Standort zu machen – auch daraus wurde nichts.