Katastrophenschutz und Rettungskräfte probten in Dußlingen den Ernstfall
Dunkle Wolken über Dußlingen: Ein Flugzeug ist im Industriegebiet auf die Firmenhalle eines Chemie-Konzerns gestürzt – so das Szenario bei der Rettungsübung der Katastrophenschützer des Landkreises.
Dußlingen / Tübingen. Rund 100 Einsatzkräfte von Feuerwehr, DRK, Polizei und THW waren am Samstag vor Ort im Einsatz, um den fingierten Unglücksfall zu proben: Ein Flugzeug vom Typ CRJ 100/200 mit maximal 50 Sitzplätzen bekommt beim Landeanflug auf Stuttgart Probleme mit dem Motor und der Steuerung. An Bord befinden sich zwei Besatzungsmitglieder. Das Flugzeug gerät außer Kontrolle, kommt ins Trudeln und stürzt auf das Dach des Gebäudes 12 der Firma CHT R. Beitlich GmbH. Die Folge: Ein Großbrand entwickelt sich, riesige Rauchwolken ziehen gen Dußlingen, mehr als 60 Verletzte müssen geborgen und versorgt werden.
Katastrophenschutzübung bei der CHT Dußlingen: Der Krisenstab im Einsatzleitungsbus der Feuerwehr Reutlingen organisiert die Brandbekämpfung. Bild: Rippmann
Die Übungslagenbeschreibung liest sich wie ein echtes Horrorszenario. Dabei sehen die Proben zum „größten angenommenen Ernstfall“ eigentlich ganz harmlos aus: Es qualmt nirgends wirklich, nicht mal präparierte Schein-Verwundete laufen oder sitzen an den vom DRK zahlreich eingerichteten Verletztensammelstellen und am Behandlungsplatz – ganz unten auf dem Firmengelände Richtung Mülldeponie – herum. „Die Blaulichtkolonnen rollen nicht, es geht nur alles über Papier“, erklärt Kreisbrandmeister Karl Hermann.
Ein großes Planspiel – auf dem Papier, am PC
Ein großes Planspiel – auf Papier, aber natürlich auch am Computer. Die Feuerwehr hat einen Bus geschickt, der als Einsatzzentrale dient: Geschäftig wuseln die Führungskräfte der Brandbekämpfer hinaus und hinein, besprechen das weitere Vorgehen. Im Zelt daneben hat die Polizei ihr Lagebesprechungszentrum. „Nur keine Hektik, es brennt ja nicht wirklich“, scherzt Thomas Lauria, Pressesprecher der Mössinger Wehr. Kein beißender Rauch liegt in der Luft, dafür vernebeln massenhaft umherfliegende Pusteblumen-Samen die Sicht.
Produktive Hektik herrscht auch im Landratsamt Tübingen: Hier wird der Katastrophenfall koordiniert, hier laufen alle Fäden zusammen. „Es geht darum, welche Aufgaben der Verwaltungsstab im Krisenfall zu bewältigen hat“, sagt Ordnungsleiter Karl-Heinz Meier. Die EDV muss einwandfrei funktionieren, außerdem kommt es darauf an, permanent Kontakt zur Einsatzleitung zu halten.
Ein Presseinformationszentrum muss eingerichtet werden, und die fachgebietsübergreifende Zusammenarbeit muss stimmen – etwa die mit dem Verwaltungsteam derjenigen Gemeinde, die unmittelbar vom Schadensfall betroffen ist. Analog zur angenommenen Ausnahmesituation ist das Dußlinger Bürgermeisteramt am Samstag mit zwei Mann besetzt. „Im Mittelpunkt steht bei der Katastrophenschutzübung die Kommunikation zwischen den Führungskräften“, erklärt Meier. Deswegen wurden von jeder Organisation eigentlich auch nur die vor Ort entsandt, die das Sagen haben.
Rund 100 „echte“ Kräfte von Feuerwehr, DRK, Polizei und THW helfen, den angenommenen Großbrand auf dem Gelände der Chemiefabrik unter Kontrolle zu bringen. Wäre die Übung Realität, müssten etwa 250 Helfer mit 80 Fahrzeugen anrücken. Auch der Krisenstab des CHT und die betriebseigene Feuerwehr unter Aufsicht von Geschäftsführer Bernhard Hettich sind dabei – der „externe Gefahrenabwehrplan“ der Firma soll auf Schwachstellen geprüft werden.
„Normalerweise würde das Löschen etwa zweieinhalb Tage dauern“, sagt Karl Hermann. Mit der Rauchwolke, die aufgrund von Nordwind Richtung Dußlingen zieht, hat man imaginär zu kämpfen: „Auch Nachbargemeinden werden in solch einem Fall gewarnt, die Schadstoffkonzentration in der Luft muss gemessen werden“, informiert der Kreisbrandmeister. Zur Warnung der Bevölkerung wird im Ernstfall eine Sirene ausgelöst, über Lautsprecher werden die Bürger aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen. Bürgermeister Thomas Hölsch berichtet, dass auf dem Höhnisch, unlängst selbst Brandort, ein Betreuungszentrum eingerichtet wurde. Um Unmengen Löschwasser Herr zu werden, wird dieses in der Kläranlage gesammelt und später kontrolliert abgeleitet.
Alles hat wie am Schnürchen geklappt
Ein Großteil der über 60 Verletzten ist drei Stunden nach Übungsbeginn bereits in Krankenhäuser gebracht worden, fasst Thomas Lauria zusammen; zwei Personen werden noch vermisst. Am DRK-Behandlungsplatz stehen Ärzte und Notfallseelsorger bereit. „Das Verletztenmuster war bei dieser Katastrophenschutzübung bunt gemischt“, berichtet Rainer Wizenmann, Rettungsdienstleiter des DRK-Kreisverbands Tübingen. Die „rote Karte“ gab‘s für 15 Personen: „Rot bedeutet schwerstverletzt“, erklärt Wizenmann, der „sehr zufrieden“ ist, dass bei der Übung alles wie am Schnürchen klappt.
Innerhalb der ersten halben Stunde waren vier Rettungshubschrauber im Einsatz, das ist aus den Unterlagen ersichtlich. „Bei einem echten Notfall könnten Helikopter im Pendelverkehr Verletzte in Kliniken bringen“, sagt der Tübinger Rettungsdienstleiter.
online
Auf unserer Homepage www.tagblatt.de im Internet gibt es ein Video von der Katastrophenschutzübung.