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Nach dem Brand ihrer Häuser in Dettenhausen standen die Bewohner noch tagelang unter Schock

Das Lebenswerk ist zerstört

Der allergrößte Schock ist überwunden, und Unterschlupf haben die beiden Ehepaare, deren Häuser am Abend des 20. April ausbrannten, auch gefunden. Doch der Blick nach vorne fällt ihnen noch schwer.

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Sabine Lohr
Dettenhausen. Auf einer angekogelten Kommode, die mitten in einem Berg großer Holzkohlestücke steht, liegt ein unversehrter Schnuller. Als hätte ihn jemand dort kurz mal abgelegt, um ihn gleich wieder dem Kind in den Mund zu stecken. Doch für diesen Schnuller interessierte sich niemand mehr am späten Abend des 20. April.

Hans-Jürgen und Ibojka L. hatten Besuch an diesem Tag: Ihre Tochter und deren Mann waren da, samt den Zwillingen, knapp zwei Jahre alt. Die Kinder schliefen brav in ihren Bettchen, endlich war Zeit, ein spätes Abendessen einzunehmen. Nudelsalat, Schinken, Lachs und Käse tischte Ibojka L. auf, doch essen sollte das alles niemand. Beim ersten Bissen spürte Hans-Jürgen L. die Wärme an seinem Arm, schaute raus, entdeckte Flammen, schrie „Feuer!“. Alles rannte vom Tisch, die beiden Frauen stürzten nach oben, holten die Kinder aus ihren Bettchen. Raus, nichts wie raus!

Gerhard S. wollte sein Cabrio retten

Im Nachbarhaus brannte das Dachgeschoss bereits lichterloh. Dort ging das Ehepaar S. eben zu Bett, als es einen Knall hörte. Gerhard S. wollte im Zimmer nebenan nachschauen, machte die Tür auf – „da kam eine richtige Feuerwalze auf mich zu.“ Beide stürzten nach unten, doch während Rose S. sofort aus dem Haus rannte, hatte Gerhard S. nur einen Gedanken: Das Auto. Sein heißgeliebtes Cabrio in der Garage wollte er retten. Und schaffte es sogar ins Auto hinein. Aber kaum noch hinaus. Die Garage war voller Qualm, der das Atmen schwer machte und in den Augen brannte. Als der 65-Jährige versuchte, von der Garage ins Haus zu gelangen, zerrte ihn irgend jemand nach draußen. „Für mich war’s lebensbedrohlich“, sagt Gerhard S.

Seine Frau stand auf der Straße, barfuß und im Schlafanzug. Die Nachbarn mit Tochter, Schwiegersohn und den beiden kleinen Jungen daneben. Entsetzt und hilflos schauten sie zu, wie ihre Häuser abbrannten, wie die Feuerwehr zu löschen versuchte, wie es trotzdem immer weiter brannte.

„Irgendwie war auch die Feuerwehr machtlos“, sagt Hans-Jürgen L. Was nicht als Kritik gemeint ist. „Die haben wirklich aufopfernd geschafft und alles getan, was sie tun konnten.“ Im Amtsblatt von Dettenhausen haben sich beide Paare wenige Tage nach dem Brand bei den Feuerwehrmännern bedankt.

„Es war wie in einem bösen Traum. Ich habe zehn Tage gebraucht, bis ich realisiert habe, dass alles wirklich so passiert ist“, erzählt Ibojka L. Bei Gerhard S. kam der Schock am Tag nach dem Brand. Mit niemandem habe er reden wollen, „Ich hatte Angst, er bekommt einen Herzinfarkt“, sagt seine Frau. Hans-Jürgen L. ist zehn Tage nach dem Brand zusammengebrochen. „Weil ich einfach nicht weiß, wie es weiter geht“, sagt er.

Ein Brief im Schokoladenkuchen

Untergekommen sind er und seine Frau bei einem Nachbarn. Dessen Sohn bewohnt das Kellergeschoss, der Besitzer selber schaute nur noch ab und zu nach dem Rechten. „Jetzt komm ich halt seltener“, sagt er, Nachbarschaftshilfe sei das und ganz selbstverständlich.

Hans-Jürgen und Ibojka L. versuchen sich dort einzurichten, so gut es eben geht. „Wir haben ja praktisch nichts mehr“, sagt sie. Die Hose und den Pullover, den sie trägt, hat sie von Bekannten im Dorf bekommen, die alten Schuhe in einem unversehrten Kellerraum gefunden. „Die wollte ich aussortieren.“ Nahe und entferntere Nachbarn, Bekannte, Verwandte und Freunde haben das Ehepaar mit dem Nötigsten versorgt. Manche ganz rührend: Einmal stand ein Schokoladenkuchen vor der Tür, „Das ist eine Schatzkiste, vorsichtig essen“, stand auf einem Zettel. Im Kuchen versteckt war ein Umschlag mit einem klein gefalteten 50-Euro-Schein und einem Briefchen: „Für ein neues Haus wird es nicht reichen, aber vielleicht für ein neues Hemd.“ Hans-Jürgen und Ibojka l. rätseln immer noch, von wem der Kuchen kam.

Ein neues Haus, das ist genau das, was die beiden wollen. Der Sachverständige der Versicherung habe gesagt, man könne das abgebrannte Haus sanieren, erzählen sie. Der Dachstuhl müsse erneuert werden, aber das viele Wasser, mit dem die Feuerwehr löschen musste und das ins Isoliermaterial zwischen den Wandplatten gedrungen ist, das könne man aus den Wänden herausbekommen. Hans-Jürgen L. will das nicht so richtig glauben. „Das ist doch alles nass, die Decken, die Wände – und später schimmelt es dann.“ Er fürchtet auch, dass er das Haus, falls er es einmal verkaufen will, nicht mehr losbekommt, wenn es lediglich saniert ist. Ein Abriss bis auf den Keller und dann ein neues Haus drauf, das wäre ihm lieber. „Das darf gern dasselbe Haus sein, es war ein gutes Haus.“

Die Wäsche zerbröselt zu Staub

Ein wenig mehr Glück hatte das Ehepaar S.. Deren Haus ist massiv gebaut, der Schaden lässt sich richten. Bis aufs Dachgeschoss, bei dem nichts mehr zu machen ist. Alles dort oben ist verbrannt, die Betten, die Schränke, die Kleidung. Vom Schlafzimmerschrank hat es die Türen weggebrannt, in ordentlichen Stapeln liegt dort noch die Wäsche. Schwarz. Beim Anfassen zerbröselt sie. Von den Anzügen auf den Kleiderbügeln sind nur noch die Krägen und die Schulternähte übrig. Sie hängen noch immer auf der von der Hitze tief gebogenen Kleiderstange auf ihren Bügeln. Erst vor zwei Monaten hat das Paar das Haus renoviert, hat Böden gerichtet und Wände gestrichen, neue Möbel gekauft, einen schönen Teppich in den Flur gelegt. Jetzt ist alles Müll. Wenige Stücke hat das Paar retten können, und was den Brand überstanden hat, ist völlig verrußt und stinkt widerlich. „Aber die Versicherung“, sagt Gerhard S., „zahlt alles.“

Es soll wieder sein wie früher

Sein Haus ist inzwischen fast leer geräumt, auch die Einbaumöbel sind verschwunden, der verbrannte Hausrat weggebracht. Es wird in einen Rohbauzustand zurück versetzt und dann innen komplett neu ausgebaut. Es soll wieder aussehen wie vorher.

„Es soll überhaupt alles wieder so sein wie vorher“, wünscht sich Rose S. Alles im Haus hatten sie gerichtet, der Garten war fertig und schön, „wir wollten hier unseren Lebensabend verbringen und das Enkelkind genießen.“ Vor sechs Wochen erst ist sie Oma geworden. „Ja, die Enkel“, sagen alle. Und: „Was für ein Riesen-Glück, dass den beiden Kleinen nichts passiert ist.“ Darüber nachdenken, was hätte sein können, das haben sie sich verboten. „Wir müssen jetzt nach vorne schauen“, sagt Hans-Jürgen L. „Auch wenn’s schwer fällt.“
09.05.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 10.08.2009 - 17:15 Uhr

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