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Der Vater aller Butzis

Mit den Wassergeistern begann die Fasnacht im Steinlachtal

Vor 35 Jahren gründete Grundschullehrer Wolf-Dieter Kopf die Narrenzunft Butzi. Er ersann eine Legende über die Wasserbewohner im Butzensee, formte eine schlammfarbene Maske und komponierte einen Narrenmarsch.

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Susanne Mutschler
Artikelbild: Mit den Wassergeistern begann die Fasnacht im Steinlachtal Wolf-Dieter Kopf, Erfinder der Butzis, inmitten seiner Masken. Franke

Bodelshausen. Gruselig ist am Wassergeist Butzi allenfalls die moorgrüne Gesichtsfarbe und der unreine Teint, auf dem man beim genauen Hinsehen noch winzige Wortfetzen entziffern kann. Er wohnt auf dem Grund des schlammigen Butzensees, den er nur einmal im Jahr zur Fasnet verlässt. Der Bodelshäuser Narr mit seiner runden Nase und dem erstaunt offenstehenden Mund sei ernsthaft und gutmütig, erklärt Wolf-Dieter Kopf, Schöpfer und erster Zunftmeister der Butzis. Weil die Maske nicht übergestülpt, sondern vorne am Gesicht angepasst wird, verleihe sie ihren Träger eine bescheidene, fast demütige Kopfhaltung.

Moorgrüne pickelige Gesichter: So sahen die Butzis schon aus, als sie erstmals dem Bodelshäuser ... Moorgrüne pickelige Gesichter: So sahen die Butzis schon aus, als sie erstmals dem Bodelshäuser Butzensee entstiegen – harmlose Wassergeister mit schuppigem Gewand. Archivbild: Franke

Das ist genau im Sinne ihres in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht groß gewordenen Erfinders. Fasnacht sei weder eine wilde Narretei noch eine Form der individuellen Selbstverwirklichung, betont Kopf. „Man stellt eine Figur aus der Landschaft dar und schlüpft in ihre Rolle“. In seiner Zunftordnung hat er für die freundlichen Geister aus dem Bodelshäuser Fischweiher, die zum bunten, Glöckchen behängten Schuppenkleid einheitlich schwarze Schuhe und Handschuhe tragen, genaue Benimmregeln aufgeschrieben.

Schinkenwurst und Gürkle statt Alkohol

Dazu gehört etwa das Verbot von Alkohol im Umzug. Stattdessen verteilen die Butzis Schinkenwurstvesper und Essiggürkchen. Eben so wenig dürfen sie mit den von Stangen hängenden Schweineblasen nach den Köpfen der Zuschauer zielen. „Mit den Saubladern schlägt man den Rhythmus zum Narrenmarsch“, erklärt Kopf.

Die Melodie für Handharmonika, Teufelsgeige und Waschbrett stammt von ihm, der Text von Karl-Heinz Wach. Dass die diesjährige Fasnet die erste sein wird, bei der Kopf seinen Butzis nicht mehr harmonikaspielend den Takt für ihre Hüpfer vorgeben wird, kommt ihn hart an. Er traue es sich gesundheitlich nicht mehr zu, bedauert er.

In seiner Bubenzeit in Rottweil habe er den Narrensprung vom Straßenrand aus verfolgt, erinnert sich der ehemalige Grundschullehrer. Die schönen Kleidle seien für seine Familie unerschwinglich gewesen. Erst als er 1956 nach Oberndorf umzog, wurde er als „Hansel“ ein aktiver Narr. Die erste selbstgemachte Maske schnitzte er für seine Freundin Carmen, die später seine Frau wurde.

Sie habe damals dasselbe Gymnasium besucht wie ihr Mann, sei aber evangelisch aufgewachsen, erzählt sie. In Oberndorf fühlte sie sich deshalb fast wie „eine Bürgerin mit Migrationshintergrund“. Erst als sie den Narrenkatechismus auswendig konnte und an der Fasnacht teilnahm, habe sie im katholischen Umfeld Fuß gefasst. Endgültig zur Närrin geworden sei sie aber erst durch ihren Mann.

Auch als beide Kopfs längst Lehrer an der Bodelshäuser Steinäckerschule waren, versäumten sie keine einzige Fasnacht in Oberndorf. „Das Häs hat verpflichtet“. Es dauerte bis 1977, bis sie sich zum ersten Mal in der nagelneuen Butzi-Verkleidung im Bodelshausen sehen ließen. Neben den Kopfs und ihren Kindern zog damals nur die Familie von Renate und Sieger Nill durch das Dorf.

Das erste Butzi-Kostüm und die erste Maske hat Wolf-Dieter Kopf aufbewahrt. An den bunten, wie Fischschuppen übereinander genähten Flecken könne man die Musterpalette der damaligen T-Shirt-Mode rekonstruieren, sagt er. Sämtliche Stoffreste für das Häs ebenso wie die Wollfäden für die geflochtenen Zöpfe der Butzi-Zottelhaare stammten aus dem Textilbetrieb der Nills.

Mit Bohr-Strickliesel und dem TAGBLATT

Kopf weiß noch gut, wie er eine mechanische Strickliesel an seine Bohrmaschine anschloss, um in Hochgeschwindigkeit kilometerweise bunte Seile für den närrischen Zopfschmuck zu stricken. Die erste Familienausstattung der bunt besetzten Overalls nähte seine Frau. In den Folgejahren, als die Butzis rasch Anhänger im Ort bekamen, habe man den Leuten nur noch den Papierschnitt mitgegeben, erzählt sie.

Als günstiger Grundstoff für die Narrenlarve diente das TAGBLATT. Pro Maske brauchte der findige Fasnetsmacher mindestens eine Ausgabe. Er schredderte die Tagesneuigkeiten im Aktenvernichter zu feinen Streifen und weichte sie ein.

Dass sich die Qualität des Zeitungspapiers ständig verbessert hat, ist ihm gar nicht recht. Früher habe sich das Papier einfach im Wasser aufgelöst, inzwischen müsse er die Masse mühselig mit dem Stabmixer geschmeidig quirlen. Beim Trocknen wird der mit verschiedenen Leimen vermischte Pappmachébrei steif und stabil. Nur wenn die Larve hart sei wie Holz, werde der Klang der Stimme unkenntlich, fand Kopf heraus. Die Urmaske formte er über einem Gipsmodell. Sie war als Hohlform anschließend Vorlage für alle späteren Masken. Im Laufe der Jahre habe er so rund 80 „tupfengleiche“ Larven hergestellt. „Außer mir kann das niemand“, ist er sicher.

Die kleine Gruppe der Butzi-Pioniere, die 1978 erstmals bei der TSG-Fasnacht mit einem Auftritt im Häs überrascht hatte, war schon zwei Jahre später auf 28 Erwachsene und 19 Kinder angewachsen. Seit 1983 ist die junge Zunft ein eingetragener Verein und eine Institution im Dorf. Zu den grünlichen Wassergeistern sind vor zehn Jahren 20 Waschweiber mit geschnitzten Holzmasken hinzugekommen. Zunftmeisterin über die rund 50 aktiven Bodelshäuser Narren ist Sonja Oesterle.

31.01.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 31.01.2012 - 14:45 Uhr

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