per eMail empfehlen


   

Schwaben-Sommer

Im Firmenpark von Marc Cain war Lesung

Bernhard Hurm und Uwe Zellmer, Theaterköpfe vom Melchinger Lindenhof, gaben am Samstagabend die schwäbelnden und Viertele schlotzenden Protagonisten von Ausgabe drei der „Lesegärten in Bodelshausen“.

Anzeige


 

Bodelshausen. Sorgsam getrimmte Rasenflächen, weiß erstrahlendes Gartenmobiliar, schnieke Teichanlagen mit Seerosenarrangements und routiniert plätschernden Wasserfontänen. Plus: imposanter Firmenprachtbau mit viel Glas und Stil und Höhenluft. Höchst gediegen, all das, und exklusiv. Dazu passt: Bertolt Brecht. Doch.

Dem sommernächtlich-andächtig lauschenden Publikum verlasen Hurm und Zellmer dessen Verse vom „blauen Mond September“, von Pflaumenbäumen und flüchtiger Liebe. Hört man gern in luftigen Dämmerstunden wie diesen.

Die Lesegärten-Reihe war Bodelshausens Beitrag zum landesweiten Projekt „Literatursommer 2012“. Motto im Jubiläumsjahr: „60 Jahre Literatur in und aus Baden-Württemberg“. So war, was die Melchinger Mimen im schönen Firmenpark-Flair aufsagten, Gereimtes von den großen Dichtern und Literaten des Ländles.

„Halt!“, mokieren Sie jetzt mit Recht, „Brecht als gebürtiger Augsburger war doch ein bayrischer Schwabe.“ Gezeugt aber, „sagat d‘Leit“ und Uwe Zellmer, sei er in Pfullingen geworden. Gilt also auch.

Raben-Krähen, Grillen-Gezirp und vorsichtiges Frosch-Quaken waren akustisches Schmuckwerk der gut zweistündigen abendlichen Terrassen-Dramaturgie. Rund 70 Parkbesucher lachten viel und laut und applaudierten häufig ob des rezitierenden und sinnierenden Duos vom Alb-Theater. Und lernten. Interkulturelle Kommunikation beispielsweise. Geschmeidig auf ein Bein gestellt, das andere darüber geschlagen, beisammen geführt die Hände, fertig ist die Tai-Chi-Pose. Jetzt noch konsequent Konsonanten austauschen, schon zündet Mörikes „Septembelmolgen“ auch auf den Bühnen Chinas – so demonstriert von Bernhard Hurm. Als gewiefter Übersetzer, der weit gereiste Schwabe weiß das, schlägt man sich ohnehin weltweit durch: „I know how the rabbit runs.“ Zwischendurch: kleine lokalpatriotische Seitenhiebe. Wie jener: „Liabr a Ratt em Bett wia an Salmadengr em Hausgang.“

Hurm und Zellmer ließen im erlauchten Dichterreigen aus dem Südwesten auch den Alemannen Robert Walser mitmachen und ihn vom Sommer reimen, ließen Uhland romantisieren, Sebastian Blau mittels „Hardcore-Schwäbisch“ davon erzählen, „wia’s herbschdalet“, Mörike und Härtling und Schwab je „a Hommäschle“ über die Schwäbische Alb verlauten.

Der Ober-Schwabe, Mundartkrösus und „Leib- und Magadichdr“ der beiden Akteure, Thaddäus Troll, fand in Form eines Exkurses über die Diversität hiesiger Ortsbestimmungen (nondr, rondr, hieba, dieba, drondr, driebr, nufzuas, nazuas) freilich auch Beachtung. Schiller sparte man aus taktischen Gründen bis zum Schluss auf (Hurm: „Mei Vadr hot emmr gsagt, mr ko d‘Leit au mit Gwalt he macha.“).

Und Uwe Zellmer philosohierte („Paulus schrieb an die Korinther, erst kommt der Sommer, dann der Winter“), gab Gegenwartsliteratur über Loch Ness’ Ungeheuer zum Besten, machte mit einigen Zeilen über Melchingen, den „seltsamsten Theaterort“, neugierig auf sein eigenes, diese Woche erscheinendes Werk: „Himmelsberg, Engelswies“.Kathrin Löffler

10.09.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 11.09.2012 - 15:35 Uhr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Bildergalerien und Videos

TSV Altingen – SGM Poltringen/Pfäffingen 4:1 Millipay Micropayment

Mobil ohne Auto 2014 im Neckar-Erlebnis-Tal

Umbrisch-Provenzalischer Markt in Tübingen 2014

Tübinger Erbe-Lauf 2014

Demonstration gegen Tierversuche

Primaten, Proteste, Palmer

Die drei Lieblingsorte der Kirchentellinsfurter Bürgermeisterkandidaten: Bernd Haug

Die drei Lieblingsorte der Bürgermeisterkandidaten: Petra Kriegeskorte

TV Derendingen schlägt SV03 Tübingen 4:1 Millipay Micropayment

Ammerbucher Fliegerfest 2014

Stadtfest in Mössingen: Erst feucht, dann fröhlich

Horst Raichle, Bürgermeisterkandidat Kirchentellinsfurt

Trailer zum Poltringer Fliegerfest 2014

SV Seebronn schlägt SV Hailfingen 5:1 Millipay Micropayment

Die Dirndlknacker in Hirrlingen

Walter Tigers präsentieren das neue Team

SSC Tübingen schlägt TSG II mit 5:1 Millipay Micropayment

Toter und Totalschäden: Ein Massencrash zum Üben

Anzeige


Nachrichten aus ...
ReutlingenWannweilPliezhausenWalddorfh�slachAmmerbuchT�bingenDettenhausenKirchentellinsfurtKusterdingenGomaringenDusslingenOfterdingenMössingenNehrenBodelshausenHirrlingenNeustettenRottenburgStarzachHorb
Anzeige


Die Woche im Rückklick
Auf solchen Booten kommen die Flüchtlinge nach Italien. Wer diese Fahrt überlebt, braucht dringend ...

Wissen, was war

Die Woche vom 13. bis 19. September: Flüchtlinge hinters Landratsamt und weiter Debatte um Tübinger Tierversuche

Aktive Singles auf
date-click
Anzeige


Zeitzeugnisse
Anton Schäfle in Uniform. Das Bild entstand Anfang Februar 1917.

„Ich habe nämlich erbärmlich Hunger“

Der 18-jährige Musketier Anton Schäfle hat seinen Eltern seit seiner Ausbildung zum Soldaten im November 1916 bis zu seinem Fronteinsatz im Juni 1917 Briefe und Feldpostkarten geschickt. Die Wannweilerin Claudia Treutlein hat die Texte entziffert, fehlende Informationen recherchiert, alles dem TAGBLATT für die Veröffentlichung überlassen. Briefe und Karten sind ein Zeugnis des Hungers, den die Soldaten im Ersten Weltkrieg an der Front erleiden mussten. Nicht nur deshalb konnte sich Anton Schäfle für den Ersten Weltkrieg nicht begeistern; der Hof daheim war ihm viel wichtiger.

Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion