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Schamane, Schriftsteller

Galsan Tschinag aus der Mongolei füllt viele Rollen aus

Ein Schamane aus der Mongolei – das klingt sehr exotisch. Und wenn dieser Schamane in einem Stuhlkreis sitzt, in dessen Mitte Steine, Blumen, eine Kerze, Früchte ausgebreitet sind, dann liegt auch der Esoterik-Verdacht nahe. Aber dann kontert Galsan Tschinag mit bester europäischer Aufklärung. Ja, Galsan Tschinag will heilen.

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Tinnitus zum Beispiel. Den saugt er aus dem Ohr, erklärt er. Aber im 30-köpfigen, überwiegend weiblichen Kreis, der sich am Sonntag im Zentrum in der Au in Pfäffingen um ihn versammelt hat, hat niemand Tinnitus – oder möchte das gerade nicht zum Thema machen.

Ein Mittler zwischen den Kulturen: Galsan Tschinag aus der Mongolei war zu Gast im Pfäffinger ... Ein Mittler zwischen den Kulturen: Galsan Tschinag aus der Mongolei war zu Gast im Pfäffinger Zentrum in der Au. Bild: Faden

Schon zum dritten Mal hat Renate Hornberger den 68-Jährigen zu einem Seminar eingeladen, um mongolische Heilkunst zu demonstrieren. Die hat Galsan Tschinag als Angehöriger des Tuwa-Volkes gelernt.

In den Bergen des Altai ist er aufgewachsen. Ein Hirtenkind im Kommunismus – so war nämlich das politische System der Mongolei damals. Und so griff die Weltpolitik, es waren die 60er Jahre, in den Lebenslauf eines jungen Mongolen ein. Die DDR, von der Bundesrepublik noch nicht anerkannt, suchte diplomatischen Rückhalt, wo sie ihn kriegen konnte – also auch in der Mongolei. Zur Festigung dieser Beziehungen wollte die DDR auch den Deutschunterricht in der Mongolei fördern. Nur: Dort gab es keinen einzigen Deutschlehrer. Es war der junge Galsan, gerade fertig mit der Schule, auf den dann die Wahl fiel: Du gehst nach Leipzig und studierst Deutsch.

Was nicht so selbstverständlich ist: Galsan Tschinag sog die Sprache und auch die deutsche Kultur regelrecht auf. Und publiziert bis heute vornehmlich auf Deutsch: 34 seiner 40 Bücher sind seiner Wahlsprache erschienen – auch, weil er nach seiner Rückkehr in die Mongolei immer wieder bei den Autoritäten aneckte und seine Gedanken eher in der fremden, unverstandenen Sprache verstecken konnte.

„Ich will ein Leuchtturm sein“, sagt er im Saal des Zentrums. Das ist ein Zitat von Wolfgang Borchert („Ein Schande, dass dieser Autor völlig vergessen ist“) – passt aber auch ganz gut zum Wirken Tschinags. Besonders öffentlichwirksam war eine Aktion im Jahr 1995: Da hat er Angehörige des Tuwa-Volkes aus Sibirien in einer 2000-Kilometer-Karawane zurückgeführt in die heimatlichen Weidegebiete des Altai. „Zum Glück kaufen die Leser meine Bücher“, sagt er, „und ich kann von den Erlösen mein Volk unterstützen.“ Und seiner Rolle als Stammesoberhaupt gerecht werden.

Jüngstes Projekt ist die Wiederaufforstung der Mongolei. Eine Million Bäume möchte er pflanzen, 300 000 sind bereits gesetzt, sagt Wilma Brüggemann. Sie leitet den Förderverein Mongolei, der die Galsan-Tschinag-Stiftung unterstützt, die all die Projekte finanziert. Die Wiederaufforstung ist ein Versuch, dem Raubbau an der Mongolei Einhalt zu gebieten. Waren vor 30 Jahren noch zwölf Prozent des Steppenlandes bewaldet, sind es mittlerweile nur noch drei Prozent. Da helfen nicht nur Worte. „Wenn man nur im Stuhlkreis sitzt, das ist Esoterik“, sagt Galsan Tschinag in den Kreis hinein. Er ist fürs Handeln wie mit dem Baumprojekt.

Und dem Tinnitus möchte er auch rationeller zu Leibe rücken. Anstatt ihn persönlich auszublasen könne er das auch durch eine Maschine erledigen lassen. Galsan Tschinag hat schon bei Schweizer Konstrukteuren vorgefühlt. Eine Zuhörerin fand das eine zu unpersönliche Art der Behandlung. „Haben Sie was gegen Maschinen?“, fragte Tschinag zurück. Er nicht. Und hat deshalb in der mongolischen Hauptstadt eine Regenmaschine aufstellen lassen, ein Gerät, das aussieht wie eine Stalinorgel und den Himmel akupunktieren soll. Ergebnis: „Es hat nie soviel geregnet wie im letzten Jahr.“

Galsan Tschinag hat Zeit, das zu erzählen, denn das Publikum hält sich zurück mit Wünschen nach Heilbehandlungen. Also plädiert Galsan Tschinag fürs Handeln auch im persönlichen Bereich: Etwa mit Freundlichkeit den Mitmenschen gegenüber. Seine Ethik ist überhaupt eine des friedlichen Miteinanders – da scheint das Erbe der Aufklärung deutlich durch. Deshalb schickt er auch Hilfesuchende manchmal direkt weiter zum Schulmediziner: „Natürlich können die bestimmte Krankheiten viel besser heilen. Der Fortschritt der Naturwissenschaft ist doch eine gute Sache.“ Wolfgang Albers

06.11.2012 - 07:30 Uhr | geändert: 06.11.2012 - 07:30 Uhr

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