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Nanuq grüßt aus Alaska

Bei Gisela Hoheisel dürfen Stoffbären auch mal blau sein

Erst die Gedankenarbeit, dann der Griff zur Häkelnadel. Statt zu reisen, schuf sich Gisela Hoheisel aus Altingen eine ganze Stofftierwelt.

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Mario Beisswenger
Gisela Hoheisel häkelte sich mit ihren selbst geschaffenen Stoffbären einmal um die Welt. Rechts ... Gisela Hoheisel häkelte sich mit ihren selbst geschaffenen Stoffbären einmal um die Welt. Rechts neben dem Album, das sie in der Hand hält, sitzt der Bär Hadwin (mit dem Wikingerschild). Im Album steht sein Namen in Runenschrift. Ganz rechts außen thront Bjørn Blåfossen aus Norwegen, rechts von ihrer Schulter Citronella aus Sizilien. Bilder: Metz

Altingen. „Eg er bjandyr.“ Das ist isländisch und heißt: „Ich bin ein Bär.“ Gisela Hoheisel wurde zwar noch nicht zur Bärin, aber mit ihrem Hobby, Stoffbären zu häkeln, tauchte sie tief ein in deren Welt. Sie hat eine kleine stoffene Völkerkundeausstellung geschaffen mit Bären aus aller Herren Ländern, jeder einzelne sorgfältig in einem Album dokumentiert. Zum Beispiel Hadwin, der Wikinger-Bär, der isländisch spricht. Oder Alvar Aalto, ein Bär mit Troddelmütze wie ein Rentierzüchter, benannt nach dem finnischen Architekten. Ein Berufskollege von ihrem Mann Reiner. Hoheisel häkelte aber auch Bärinnen, etwa Citronella, ein quietschgelbes Stofftier, angenommene Heimat: Sizilien.

Artikelbild: Bei Gisela Hoheisel dürfen Stoffbären auch mal blau sein

Von allen Kontinenten hat die Altingerin Bären auf ihrem Sofa versammelt. Quian Long ist ein Chinese, gekleidet wie ein Hofbeamter mit Drachenhut. Pachacutec aus Peru hält eine Knotenschnur, an der Kenner das Datum seiner Herstellung ablesen können. Nanuq steht für Alaska. Nanuq heißt Eisbär in der Sprache der Eskimo – oder besser der Inuit. Beim Bärenhäkeln begnügt sich Hoheisel nicht damit, ein Tier zum Knuddeln zu schaffen. Sie grenzt sich vom Wirbel um Eisbären-Junge aus dem Zoo ab: „Ich wollte keinen Knut-Eisbären, sondern etwas Gescheites.“ Das ist Nanuq auch geworden. So trägt er zum Beispiel einen Anorak. Das ist ein Wort aus der Sprache der Inuit. Anuuraaq heißt übersetzt „etwas gegen den Wind“. Solche Informationen trägt die 60-Jährige, die in Handarbeit in der Schule nur eine Vier hatte, in einem Album zusammen. Jeder Bär hat da eine Doppelseite. Neben der Bären-Dokumentation finden sich bei Nanuq auch Wale. Die hat Hoheisel mit der Papierfalttechnik Origami nachgebildet.

Artikelbild: Bei Gisela Hoheisel dürfen Stoffbären auch mal blau sein

So viel Liebe zum Detail wendet sie auch auf die Accessoires der Bären auf. Der Schottenbär hat einen Rock mit genau 25 Falten, wie es sich für einen Kilt gehört. Der Ursus Serenus Minor (der kleine zufriedene Bär) ist ein römischer Senator und darf deshalb die Purpur-Schärpe tragen. Auf seiner Schriftrolle steht, dass er „in oppido antiquo“, einem alten Dorf, also Altingen, geboren wurde. So geht es fort bis zur Fidschi-Insel-Bärin mit Muschelkette.

Artikelbild: Bei Gisela Hoheisel dürfen Stoffbären auch mal blau sein

„Ich habe so viel Wissen angesammelt, ich wollte dem Form geben“, sagt sie über ihr Projekt das Handarbeit mit Völker- und Landeskunde verbindet. „Mir gefällt dabei die Gedankenarbeit.“ Für Bjørn Blåfrossen, den Namen des norwegischen Fischerbären, hat sie zum Beispiel in einem Internet-Wörterbuch nachgeschaut. Bjørn heißt Bär, Blåfrossen blau gefroren. Der blaue Bär trägt selbstverständlich knallgelbe Regenkleidung.

Angefangen hat die weltumspannende Bärenhäkelei im Herrenberger Nähladen. Hoheisels Blick fiel auf „Andrea kreativ“, eine Handarbeitszeitschrift, die ein Sonderheft über Kuschelbären herausbrachte. Das war ganz nett, aber die Ausführung gefiel ihr nicht. „Eine Ausstattung mit Brille, Dirndl oder Schulranzen war mir zu langweilig.“ Ihre erste Kreation dagegen war „Miss Polarbär 2008“. Eine weiße Schönheit mit Ohrwärmern, die sie in Grönland ansiedelte.

Bei dieser Bärin ist die Schnauze noch nicht so richtig bärig, doch Arme und Beine sind schön knuffig. „Das sieht nicht nur aus wie eine Kartoffel mit zwei Paar Spargeln.“ Schon gar nicht der zweite Bär. Da begann es mit der „rocky-mountain-braunen“ Flauschwolle. Im Familienrat wurde bestimmt, dass daraus ein Cowboy-Bär werden sollte. Mit Sheriffstern und selbstgenähtem Stetson-Hut entstand Jim The Bear Brown.

Unvermeidlich war, dass es auch einen deutschen Bären geben sollte. Einzige Vorgabe: Kein Bayer in Lederhosen. Stattdessen schuf sie eine Schwarzwaldmädel-Bärin in Erinnerung an den Operettenfilm aus den 1950ern. Ob das nicht vielleicht doch ein ganz kleines bisschen in Kitsch abdriftet? „Freilich ist das Kitsch“, sagt die Könnerin mit der Häkelnadel, die für die Tübinger Textil-Künstlerin Alraune Siebert schwärmt. Aber andererseits: „Der Bruch mit dem Kitsch beginnt da, wo es klar wird, dass es solche Bären nicht gibt.“

Es gehört eine gewisse Distanz dazu, ein Stofftier nach Euterpe, der griechischen Muse des Flötenspiels zu nennen. Hoheisel brauchte eine Erklärung, warum ihre Bären nicht einfach braun sind. Sie schrieb ein Entstehungsmythos in strenger Reimform und legte ihn Euterpe in den Mund. „Oh Götter“, ruft die Muse im Gedicht, „was soll diese lahme traurige Farbe.“ Und sie bekam eine „göttliche farbenwogende Schenkung“.

Den Abschluss des Reigens nach zwei Jahren Bärenhäkeln schuf Hoheisel diesen Sommer. Es ist ein blaugrüner Neptun. Das sei ihr Schutzbär sagt sie, denn ihr Sternbild sind die Fische. Die Arbeit an den enzyklopädischen Bären, wie sie ihre Menagerie nennt, ist damit abgeschlossen. Doch Hoheisel häkelt weiter. Die Anregung holte sie sich aus englischen Handarbeitsbüchern. „Die haben super Ideen“, empfiehlt sie allen, die sich mit den englischen Wörtern für Luftmasche und Feste anfreunden können.

„Ich hab jetzt mit Törtchen angefangen. Das ist kalorienausgeglichen, nur leider etwas wattig im Geschmack.“ Häkeln muss sein, denn Hoheisel bewältigt mit der Handarbeit auch ihren Alltag, von dem hier nicht die Rede sein soll. Häkeln ist für sie auch eine kleine Flucht. „Beim Maschenzählen muss man an nichts Schlimmes denken.“

21.08.2010 - 08:30 Uhr
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