Kommentar
Stadt der schwieligen Radler-Hintern
Tübingen will Vorreiter sein im CO2-Reduzieren, und dazu gehört, dass die Leute ihrem Auto kündigen und umsteigen, zum Beispiel aufs Fahrrad. Das tun schon sehr viele, Tübingen ist zweifellos eine Radler-Stadt. Aber weit entfernt davon, eine Radler-freundliche Stadt zu sein. Daran ändert auch ein Oberbürgermeister nichts, der mit Helm und Hosenklammern wacker den Vortreter macht.
Seit kurzem werden Tübingen-Besucher wie in Amsterdam, Wien und anderen Weltstädten an mehreren Stellen der Innenstadt eingeladen, sich ein Leihfahrrad zu schnappen, um damit die Stadt zu erkunden oder dienstliche wie private Termine zu erreichen. Aber was erleben die Nutzer dieser Fahrräder, wenn sie durch die Altstadt wollen? Sie erfahren, dass sie sich als Fußgänger ohne Rad leichter täten, denn meistens müssen sie ohnehin schieben.
Nehmen wir nun aber an, jemand hat sich beim Bürger- und Verkehrsverein so ein Stadtrad genommen und ist bereit, die Fußgängerzonen zu umfahren. Um die Baustelle Mühlstraße zu vermeiden (der Begegnungsverkehr dort ist derzeit zumindest abenteuerlich, wenn nicht hochgefährlich), nimmt er den Fußgängertunnel, die fast einzige wirklich erfreuliche Fahrradtrasse Tübingens.
Doch das Vergnügen ist schnell vorbei. Am anderen Ende, auf der Haagtorseite, wird der Radlerhintern beim Holpern über fünf verschiedene Kopfsteinpflaster unsanft massiert, das Rad klappert wie ein uralter Göppel. In der Ammergasse (Radfahren erlaubt!) müssen trödelnde Fußgänger im Slalom umfahren werden, in der Schmiedtorstraße wird das Rad vom Stadtbus in die holprige Kandel gedrängt, der Popo grüßt. Der Radler atmet auf, wenn er die glatt geteerte Bachgasse erreicht hat.
Das Kopfsteinpflaster, eine Zumutung schon für viele ältere Fußgänger, macht es Radlern in der Altstadt auch dort schwer, wo sie fahren dürften. In der Hafengasse scheuern die Reifen in den Fugen, aber die Neue Straße darf nicht gegen die Einbahnrichtung befahren werden. Wo ist das Radler-freundliche, vernetzte, beschilderte Wegesystem? An der Wilhelmstraße weist ein Schild auf den Weg entlang dem Alten Botanischen Garten, aber die Anschlusswege durch den Park sind neuerdings Radler-Tabu, ebenso wie die Unterführung beim Nonnenhaus. Hoch zum Schnarrenberg? Auf den Österberg? Angeblich nehmen die Busse Räder mit. Aber wie oft schütteln die Fahrer den Kopf: Kein Platz.
Absteigen! Schieben! Rütteln! Ausweichen! Rattern! Holpern! Danke für das Leihrad, es war eine wirklich interessante Tour, aber nächstes Mal fahren wir doch lieber nach Derendingen oder Lustnau, ohne Rauf und Runter, ohne Holterdipolter und Klipperdiklapper. Nur, wo wäre dann da bitte die Abgabestation?
Ulrike Pfeil