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Reutlingen ließ Peter Rist im Stich

Er meint es ernst, wirkt trotz etwas einstudierter Schlager-Handbewegungen authentisch: Peter Rist (Bild) hat am Samstagabend den ersten Schritt ins Leben nach dem Rathaus getan. Der 42-jährige Reutlinger Finanzbürgermeister lud zur Präsentation seiner CD „Willkommen im Leben“ in die Listhalle. Als Reutlinger Heimspiel wollte Peter Rist das Konzert gewertet wissen. Doch die Stadt, in der er seit 2005 Bürgermeister ist, tat ihm diesen Gefallen nicht.

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Artikelbild: Reutlingen ließ Peter Rist im Stich

Nur gut 300 Leute waren gekommen. Die Einheimischen, mit denen er als Politiker zu tun hat, machten sich rar. Eine Situation, die Rist selbst offenlegte, als er in seinem ersten Set das Publikum per Abfrage zuordnete. Gut, die Reutlinger behielten gerade noch so die Oberhand über die aus Rists Allgäuer Heimat Isny angereisten Fans. Aber schon bei der Suche nach Politikern im Publikum fand der Musiker weniger Hände, als er sich wohl erhofft hatte.

Gerade mal zwei von 40 Stadträten hatten den Weg in die Listhalle gefunden: Julius Vohrer von der FDP und Erich Fritz, der zusammen mit seiner Frau und Altstadtrat Karl Schall nebst Gattin immerhin eine Freie-Wähler-Schunkelrunde bildete. Spätestens auf die Publikums-Frage nach Bürgermeister-Kollegen hätte Peter Rist in der Moderation aber am besten ganz verzichten sollen. Denn sie offenbarte endgültig die mittlerweile fortgeschrittene Isolation des „singenden Bürgermeisters“.

Von seinen drei Kolleg(inn)en der Reutlinger Rathausspitze war niemand gekommen, und auch die Bürgermeister der Nachbarstädte und -Gemeinden, mit denen Rist immerhin einige Zeit im Kreistag saß, fehlten. Das muss man als Misstrauensvotum mit den Füßen verstehen.

Darüber kann auch der Listhallen-Besuch des Reutlinger Wirtschaftsförderers Christoph-Michael Pfefferle, des Feuerwehrkommandanten Harald Hermann und des Presseamtsleiters Wolfgang Löffler nicht hinwegtäuschen. Der selbsternannte Unterhalter hat sein altes Leben als Finanzbürgermeister schon weiter hinter sich gelassen, als er sich selbst eingestehen will. Das kommunalpolitische Reutlingen hat Peter Rist bereits ausgeschwitzt und duldet ihn nur noch, weil arbeitsrechtlich nichts zu machen ist.

Da tut es dann fast schon weh, wenn man den naiv-glücklichen Allgäuer auf der Bühne beobachtet: Wie er dem Sinn des Lebens nachspürt, seinem Kindheitsidol Peter Alexander huldigt, jodelt und von seinen Allgäuer Bergen träumt. Die Wandlung des Finanzbürgermeisters zum Volksmusik-Künstler barg in der Listhalle jedenfalls reichlich Fremdscham-Potenzial.

Vor allem, weil man merkt, dass Peter Rist anders ist als die zynische Branche. Der 42-Jährige geht nicht auf die Bühne, um mit glückseligem Lächeln Geld zu verdienen. Er will die Menschen wirklich glücklich machen. Eine Tatsache, die den Zuschauer bei – den eigentlich genreüblichen – Kitschszenen zum unfreiwilligen Eindringling in Rist Privatsphäre macht. Und Peter Rist schon fast zu einer tragischen Figur, die heute zwischen 17 und 20 Uhr in der Reutlinger Müller-Galerie für Autogramme zur Verfügung steht.

Matthias Stelzer

21.11.2011 - 08:30 Uhr

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