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Kommentar

Mediale Rudelbildung in der Causa Wulff

Ich kann es nicht mehr hören: Dieser seit nunmehr vier Wochen vielfach zu vernehmende Stoßseufzer drückt ein doppeltes Unbehagen in der Bevölkerung aus - den Verdruss über einen Bundespräsidenten, der überwiegend aus eigenem Verschulden nicht aus den Schlagzeilen kommt, und das Missfallen an einer Medienlandschaft, aus der frei nach Schiller der schrille Ruf nach Vergeltung schallt: "Da rast der See und will sein Opfer haben." In der Debatte, die mit Zorn und Eifer sowohl öffentlich wie im privaten Umfeld geführt wird, steht nicht allein die Glaubwürdigkeit Christian Wulffs zur Disposition, sondern in gleicher Weise das Vertrauen in einen Journalismus, der sich zum Sittenwächter der Nation aufschwingt. Der Presse wird vorgeworfen, bei der Wahrnehmung ihrer grundgesetzlich garantierten Kontrollfunktion zur skandalisierenden Rudelbildung zu neigen und eine kollektive Kampagne gegen das Staatsoberhaupt zu organisieren, wenn nicht gar zur Hetzjagd auf Wulff zu blasen.

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SWP

Dass ausgerechnet die "Bild"-Zeitung durch das Ungeschick des Präsidenten in das Gewand der verfolgten Unschuld vom Boulevard schlüpfen darf und der Springer-Verlag zum bedrohten Sturmgeschütz der Pressefreiheit aufsteigt, verstärkt die allgemeine Unzufriedenheit nur noch. Niemand fühlt sich wohl bei der Vorstellung, dass Chefredakteur Kai Diekmann und Vorstandsboss Matthias Döpfner an Wulff exekutieren, was sie zum Markenzeichen ihres Massenblatts erhoben haben: "Wer mit der ,Bild-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, fährt auch im Aufzug mit ihr nach unten."

Die Affäre eignet sich also einerseits zur weiteren Entfremdung zwischen Elite und Bürgerschaft, sie erzeugt zugleich Frustrationen bei Zeitungslesern und Fernsehzuschauern, die in den Medien weniger den unabhängigen Vermittler und Meinungsbildner erkennen, sondern einen Teil ihres wachsenden Problems mit dem politischen System.

Das ist für eine Demokratie, in der die Medien einen prägenden Einfluss haben sollen, ein ebenso bedenklicher Befund wie ein Bundespräsident, an dessen Wahrhaftigkeit und Integrität anhaltend gezweifelt wird. Dieses Amt symbolisiert wie kein anderes unser Gemeinwesen nach innen und außen. Sein Inhaber soll die wichtigsten Werte der Gesellschaft und ein möglichst ungetrübtes Selbstbild der Republik verkörpern, Autorität ausstrahlen und Respekt verdienen.

Nun haben auch die Vorgänger von Christian Wulff diesem Idealbild auf sehr unterschiedliche Art entsprochen. Die Verschmelzung von Geist und Macht, Würde und Moral ist nicht jedem Bundespräsidenten so eindrucksvoll geglückt wie Richard von Weizsäcker. Horst Köhler war zwar äußerst beliebt beim Volk, am Ende aber dem Amt nicht gewachsen. Insofern müssen wir uns fragen, ob unser Anspruch an eine makellose Reputation des Staatsoberhaupts nicht unrealistisch ist, ob dieser sich insbesondere verträgt mit der Forderung nach dem "gläsernen Präsidenten", der uns letzte Auskunft selbst über sein Privatleben zu geben hat.

Nein, auch Christian Wulff darf Fehler machen und sich irren. Doch er muss jeden Anschein vermeiden, verführbar zu sein oder anmaßend mit den Privilegien eines nur auf Zeit vergebenen Amtes umzugehen. Ehrlich und unbestechlich - so wünschen wir uns den ersten Mann im Staat, wenn er seine Stimme in unserem Namen erhebt. Wir wollen keinen Präsidenten, der in den nächsten Wochen als Motiv die Faschingsumzüge beherrscht und den Büttenrednern Futter liefert. Er muss frei sein für seine Rolle als gutes Gewissen und glaubwürdiger Mahner. Sonst schadet er nicht nur sich selbst, sondern auch dem Amt. GUNTHER HARTWIG.

14.01.2012 - 08:30 Uhr

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