Seit Einstein wissen wir: Das mit der Zeit ist relativ. So sieht das auch eine Freundin von mir. Vor etlichen Jahren, als sie neu in Tübingen war, gerade angekommen aus Alexandria, wollte ich mich mit ihr verabreden. Wir hatten einen gemeinsamen Termin, sollten um 17.15 Uhr dort sein.
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„Wir treffen uns um fünf Minuten vor Fünf beim TAGBLATT“, sagte ich zu ihr. Sie bog sich vor Lachen. „Fünf vor Fünf!“ prustete sie – wo war sie da nur gelandet? In einem Land, in dem man sich auf die Minute genau verabredete?
So ist es. Viel schlimmer noch: Hierzulande verfügt jeder Zweite über einen Radiowecker, der täglich mit der Braunschweiger Atomuhr synchronisiert wird (sicher zu einer genau definierten Uhrzeit), damit man keine Nanosekunde zu spät aufwacht.
Nun muss auch ich zugeben, dass mir eine gewisse Pünktlichkeit anerzogen ist. Vor einiger Zeit verfiel ich auf die Idee, meine Küchenuhr um fünf Minuten vorzustellen. Damit ich Spielraum und Zeit gewann. Damit ich nicht zu spät kam, wenn ich zwar pünktlich aus dem Haus wollte, mir dann aber auf der Türschwelle noch einfiel, dass ich vergessen hatte, den Schlüssel einzustecken und ich dann anschließend vier Minuten hektisch auf der Suche nach diesem verdammten Schlüsselbund durch die Wohnung jagte.
Die Küchenuhr ging also fünf Minuten vor; irgendwann stellte ich die Uhr im Wohnzimmer nach der Küchenuhr. Diese hinkte aber mittlerweile – es war ein billiges Modell – wieder um eine oder zwei Minuten der eingestellten Uhrzeit hinterher. Wie viel Uhr war es jetzt? Ich holte mein Handy heraus – und hatte jetzt noch eine dritte Uhrzeit. Resigniert schaltete ich das Radio an. Wartete auf die stündlichen Nachrichten und stellte alle Uhren auf pünktlich.
Seit ich dem einen oder anderen Bekannten von meinem versuchten Selbstbetrug erzählte, weiß ich: Etwa die Hälfte aller Deutschen (empirisch nicht exakt ermittelt) stellt die Uhren absichtlich falsch. Witzigerweise schwören die ohnehin Pünktlichen: „Es hilft!“ und die ohnehin Unpünktlichen resignieren: „Es hilft nicht die Bohne!“
„Und was ist mit dir?“ fragte ich neulich einen Bekannten, dessen südländisches Naturell sich mitunter in freundlich-zerknirschtem, aber dennoch deutlichem Zuspätkommen offenbart. „Stellst du deine Uhr eigentlich auch vor?“ Er schaute auf die Armbanduhr. „Ja“, sagte er. „Oder halt: Nein. – Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.“