Alicia aus Amerika möchte gern Deutsch lernen. Sagt ein Mann namens Terry Evans. Pardon, Dr. Terry Evans. Sibylle aus Tübingen sucht einen Job – und findet über eine Internetagentur die Stelle. 600 Euro für ein paar Privatstunden, das klingt nicht schlecht. Mails wandern hin und her. Die beiden legen fest, wie viel Sprachunterricht Dr. Evans’ 17-jährige Tochter Alicia bekommen soll, ab welchem Level, ab wann. Bezahlen möchte der Mann unbedingt im Voraus und per Scheck.
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Am 20. Januar, so lässt Dr. Evans wissen, würde Alicia in Tübingen ankommen, nach einer langen Reise von New York über Madrid. Genaueres könne er leider noch nicht sagen. Denn ein sehr bedauerliches Missgeschick sei passiert: Statt der vereinbarten 600 Euro habe seine Mitarbeiterin einen Scheck über 3500 Euro ausgestellt: Den solle Sibylle doch bitte einlösen, davon 600 Euro plus weitere 100 für Spesen behalten und die überflüssigen 2800 Euro per Western Union zurücküberweisen. Und zwar an einen gewissen James Richy von einem Reisebüro in Madrid, das Alicias Deutschland-Trip organisiert hat.
Sibylle heißt eigentlich nicht Sibylle. Es ist ihr ein bisschen peinlich, dass sie erst zu dem Zeitpunkt merkte: Hoppla, da stimmt was nicht. Vor allem aber heißt Terry Evans höchstwahrscheinlich nicht Terry Evans, und dass er eine Tochter namens Alicia hat, darf ebenfalls bezweifelt werden. Der Scheck (der übrigens tatsächlich eintraf), so erfuhr Sibylle, wäre als Inkassoscheck ohne Probleme rückbuchbar – wenn das zugehörige Konto nicht gedeckt ist. Das zu prüfen kann Wochen dauern.
Das heißt: Im dümmsten Fall hätte Sibylle den Scheck eingelöst, 2800 Euro an „James Richy“ überwiesen, die 3500 Euro wären wieder abgebucht worden, und schon wäre Sibylle um 2800 Euro ärmer gewesen. Was per Western Union überwiesen wird, lässt sich eben nicht mehr zurückholen.
Nun, so weit kam es nicht. Denn sehr schnell kam der Tübingerin einiges merkwürdig vor. Wieso drängte Terry Evans so zur Eile? Wieso reist Alicia über Madrid nach Deutschland, wenn die Standardroute doch über London geht? Wieso ist „Dr. Evans“ nie auf die Frage eingegangen, in welchem Hostel seine Tochter wohnen werde und warum sie ausgerechnet nach Tübingen kommen möchte? Wieso macht ein Amerikaner so viele englische Grammatik-Fehler? Wieso kann ein Daddy, der seiner Tochter die Reise inklusive „Nanny“ und „Driver“ finanziert, die Fahrtkosten von Madrid nach Tübingen nicht vorstrecken?
Einmal rief er sogar an, mit der dringenden Bitte, wenigstens einen Teil des Geldes zu überweisen – seine Tochter sitze in Madrid fest und könne nicht weiter. „Die Mitleidsmasche“, sagt Sibylle. Dass der Scheck gefälscht war, überraschte sie nicht mehr.
Die Polizei hat herausgefunden, dass „Dr. Terry Evans“ seine Mails von Spanien aus verschickte – damit ist sie nicht mehr zuständig. Die meisten solchen Betrugsfälle enden an den Landesgrenzen, erklärt der Beamte Reinhold Scheufele. Gründe gibt es viele, die wichtigsten sind die Datenspeicherfristen und die Schadenshöhe (wenn kein Schaden entstanden ist, ermitteln manche Länder erst gar nicht).
Wird ein Fall an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, kann diese den entsprechenden Staat um „Rechtshilfe“ ersuchen. „Die Erfolgsraten sind nicht besonders hoch“, sagt jedoch Staatsanwalt Ivo Neher – meist erkenne man schon an den Formulierungen der Polizei, ob Ermittlungen aussichtsreich sind oder nicht. Von Sibylles Fall wusste er nichts.
Unbekannt ist die Masche bei der Polizei nicht: Sowas komme im Kreis Tübingen ein bis drei Mal im Monat vor.