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Kommentar

Die Botschaften der Verschwiegenheit

Jetzt ist wieder Saison. Mit ihrer Einladung in den – für diesen Zweck tatsächlich zu kleinen – Ratssaal hat Barbara Bosch gestern den Reigen der Reutlinger Neujahrsempfänge eröffnet. Es folgen die Neujahrsveranstaltung Parteien, der Wählervereinigungen, Sozialinitiativen, Kammern und Ämter. Viele interessante Vorträge und Reden werden zu hören sein, bis die Jahreszeit der Jahresempfänge Ende April beendet sein wird.

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Mindestens ebenso spannend wird es in dieser Zeit aber sein, darauf zu achten, was dabei nicht gesagt wird. Das bewusste Schweigen ist letztlich nichts anderes als eine Art der nonverbalen Konversation. Gerade in politischen Festreden kann das Weglassen von Geschehnissen Informationen geben und Bedeutungen erzeugen.

Das weiß auch Barbara Bosch, die beim gestrigen Neujahrsempfang – gemessen an der Redezeit und der Publikumsgröße – einen ihrer eher größeren Auftritte auf heimischem Boden hatte. Jedenfalls hatte sie die Möglichkeit, in aller Ruhe zurückzublicken und in der Vorausschau ihre Prioritäten fürs angelaufene Jahr zu formulieren.

Beides tat sie. Bosch blickte mit Zuversicht und Hoffnung in die Zukunft der Stadt. Und sie schaute zurück auf Katastrophen und Unerwartetes – in Japan beispielsweise oder in Griechenland. Dass auch in Reutlingen einiges nicht nach dem Wunsch der OB gelaufen ist, konnte man allenfalls ahnen, als sie in ihrer Rede formulierte: „Auch im neuen Jahr wird das Eine besser und das Andere schlechter gelingen. Grad so, wie das im richtigen Leben ist.“

Das musste reichen für die Realitäten im Reutlinger Rathaus. Kein Wort zum oberbürgermeisterlichen Geeier um die Führungsstil-Schwierigkeiten ihrer Stellvertreterin Ulrike Hotz, kein Takt zum singenden Finanzbürgermeister und Isny-Wochenendpendler Peter Rist. Anders als in den Vorjahren wurden ihre Beigeordneten – und Verwaltungsmann Robert Hahn wurde vom Rat immerhin einstimmig wiedergewählt – erst gar nicht erwähnt.

Das kann Zufall sein. Muss aber keiner sein. Zumal heuer auch der sonst übliche öffentliche Dank an die Rathaus-Mitarbeiter/innen ausblieb. Die Verwaltungschefin erwähnte zwar das städtische Personalentwicklungskonzept und formulierte Anforderungen („Ich erwarte aus meinem Haus 2012 die Ergebnisse aus der Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans.“), von engagierten und oft gestressten Beschäftigten war aber keine Rede.

Schade! Barbara Bosch hätte gestern nämlich auch einfach sagen können, dass sie ihr erstes Jahr als Städtetagspräsidentin sehr in Anspruch genommen hat, dass im Rathaus beileibe nicht alles glatt gelaufen ist, und sie hätte verraten können, dass sie im Vorfeld der Stuttgarter OB-Wahlen inzwischen sowohl von der SPD als auch von CDU und Freien Wählern als Kandidatin angefragt wurde, dass sie aber hierbleiben und mit viel Lust und Energie das kommende Jahr angehen will. Und das im Vertrauen auf die Belegschaft. Weshalb man sich jetzt auch besonders um das Betriebsklima im Rathaus bemühen wolle.

Das wäre ein Aufbruchsignal fürs Jahr 2012.

Matthias Stelzer

07.01.2012 - 08:30 Uhr

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