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Kommentar

Alles Bosch in Reutlingen!

So oft wie in Reutlingen wird der Name Bosch wohl landauf landab nicht genannt. Das liegt zum einen an der hiesigen Oberbürgermeisterin Barbara, zum anderen aber auch am Stuttgarter Weltkonzern (von Robert).

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Matthias Stelzer

In Reutlingen gehen derzeit immerhin 6700 Leute zum Bosch, um ihr Geld zu verdienen. Der Konzern, der weltweit über 280 000 Beschäftigte hat, ist damit der bedeutendste industrielle Arbeitgeber der Region Neckar-Alb. Allenfalls der Betrieb eines anderen großen württembergischen Gründertypen kann da mithalten: der Daimler. Also, alles Automobil – was die großen Industrie-Arbeitgeber angeht. Gerade auch in Reutlingen sind Firmen, die im engsten oder weiteren Sinne mit dem Bau von Autos zu tun haben, in die Lücke gesprungen, die der Niedergang der Textilindustrie einst gerissen hatte. Geradezu beispielhaft für diesen Strukturwandel ist die Geschichte von Bosch in Reutlingen. Der Automobilzulieferer aus Stuttgart ließ sich 1964 nämlich in den ehemaligen Räumen des Leinenherstellers Ulrich Gminder in der Tübinger Straße nieder.

Dort, in unmittelbarer Nachbarschaft zum denkmalgeschützten Backstein-„Türmlesbau“, wird heute Horst Köhler eine der modernsten Halbleiterfabriken der Welt eröffnen. Zusammen mit dem ebenfalls neuen Bau für die Endkontrolle der Halbleiter(-platten) lässt sich Bosch dieses Kompetenzzentrum für Chips und Sensoren 600 Millionen Euro kosten. Das ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Konzerns.

Viel Geld steckt Bosch in die Zukunft der mikromechanischen Bauelemente und der intelligenten elektronischen Halbleiter. Ausgaben, die außer dem Firmenprofit auch ganz unmittelbar den Standort in Reutlingen stärken sollen und Hoffnungen machen. Dass der Weltkonzern seine Wafer-Fabrik mitten in die baden-württembergische Lohntopografie und nicht in ein so genanntes Niedriglohnland pflanzte, kann – gerade in Wirtschafts-Krisenzeiten – als positives Signal für die Region gewertet werden. Überall dort, wo sich Kompetenz und Erfindungsgeist zusammenfinden, lohnt sich offensichtlich auch wieder eine Fertigung mit mitteleuropäischen Lohnstandards.

Besonders erfreulich für Reutlingen ist dabei, dass die Bosch-Niederlassung spätestens mit der aktuellen Investition am Siegerpodest der größten drei deutschen Firmenstandorte kratzt. Sollte sich das Geschäft mit den (Leistungs-)Halbleitern für die Autoindustrie und den Sensoren für Handys, Laptops und andere (Konsum-)Elektronikanwendungen so entwickeln, wie es das Bosch-Management erwartet, könnte Reutlingen in nicht allzu ferner Zukunft mitarbeitermäßig zu den Bosch-Werken in Bamberg und Homburg aufschließen, wo jeweils über 7000 Leute arbeiten.

„Für Bosch hat die Investition eine riesige Bedeutung, deshalb ist sicher, dass es sich um eine langfristige Stärkung des Standorts Reutlingen handelt“, sagt Bosch-Pressesprecher Andreas Kempf. Mittelfristig soll die neue 200-Millimeter-Halbleiterfabrik etwa 800 Boschler beschäftigen – darunter jene 450 Mitarbeiter, die im Sommer vom aufgegebenen Rommelsbacher Werk in die Stadt zogen.

Deren Oberhaupt, Barbara Bosch, wertet die Inbetriebnahme der Wafer-Fabrik in der Tübinger Straße als „mutiges Zeichen“ in unsicheren Zeiten. „Die Stadt ist stolz auf ihre Firma Bosch und dankbar für die Investition in Arbeitsplätze“, sagt die Oberbürgermeisterin.

Barbara, die selbst immer wieder gerne mit der Namensgleichheit spielt, wird sich langfristig wohl damit abfinden müssen, dass sich die Zahl der Bosch-Nennungen zu Gunsten von Robert verschieben wird. Aber am heutigen Eröffnungstag, zu dem außer dem ersten Mann im Staat auch der erste Mann im Land erwartet wird, zählt ja ohnehin nur eines: Alles Bosch!

18.03.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 18.03.2010 - 08:37 Uhr
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