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„In Kasachstan sind die Schulen strenger“

Mit acht Jahren hat Alexandra Weber, heute 17, ihre Heimat verlassen und ist mit ihrer Familie nach Deutschland gezogen

Unter Alexandras ersten Diktaten stand: „Toll! Schon 30 Wörter richtig geschrieben!“ – jetzt spricht sie Deutsch fast besser als Russisch. Sie erinnert sich gern an ihre Kindheit. Aber in Kasachstan zu leben, findet sie heute unvorstellbar.

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Catharina Schreiner, 18

Alexandra sagen eigentlich die wenigsten, die meisten nennen sie Sascha. Der russische Spitzname für Alexandra ist das Einzige, woran man ihr die Herkunft anmerkt. Sascha besitzt einen deutschen Pass, fühlt sich als Deutsche, spricht perfekt Deutsch. Niemand würde auf die Idee kommen, dass sie bis zu ihrem achten Lebensjahr in einem Land gelebt hat, dass Deutschland kaum unähnlicher sein könnte: Kasachstan.

Artikelbild: Christine Faget erkundete Kasachstan als Journalistin Wo liegt eigentlich Kasachstan? Am Kaspischen Meer. Am Altai-Gebirge. An der Grenze zu Russland, China, Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan. Kasachstan ist das neuntgrößte Land der Erde. Heute leben viele Menschen mit kasachischen Wurzeln in Deutschland – aber das Land kennt hier kaum jemand. Die Tübinger Studentin Christine Faget ist als Journalistin hingefahren. Und die Tübinger Schülerin Alexandra Weber hat die ersten acht Jahre ihres Lebens in der Großstadt Almaty verbracht. Auf dieser Seite berichten sie über ihre Erlebnisse. Karte: lesniewski / Fotolia.com

Bevor sie ins heimelige Tübingen zog, wohnte sie in der Großstadt Almaty und führte ein ganz anderes Leben als jetzt. Da war auf der einen Seite das chaotische, lärmende Almaty, wo sie zur Schule ging. Die Sommerferien, die drei Monate lang waren, verbrachte sie aber immer mit der ganzen Familie auf der Datscha, der typischen Sommerresidenz auf dem Lande: Auf der Datscha liegt man im Gras und liest, man grillt, baut Gemüse an, lebt unbeschwert. Sascha und ihre Schwester Viktoria hatten dort einen Haufen Streunerkatzen, die ihnen zugelaufen waren, spielten mit den Küken des Nachbarn und ließen sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Obwohl es schon so lang her ist, kann sich Sascha noch genau daran erinnern.

Schöne Erinnerungen an die Datscha, Kritik an der kasachischen Politik: Alexandra Weber (der ... Schöne Erinnerungen an die Datscha, Kritik an der kasachischen Politik: Alexandra Weber (der deutsche Nachname kommt von ihrem Stiefvater) kennt zwei Länder – nun ist sie in Tübingen daheim. Bild: Schreiner

Als es dann 2003 nach Deutschland ging, war die Aufregung groß. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen und mit dem leicht beängstigenden Klischee der deutschen Sauberkeit, Ordnung und Pünktlichkeit im Kopf ging es in die Ferne. Was mochten diese Deutschen nur für Menschen sein? In der Schule herrschte erstmal Ausnahmezustand. Die fremde Sprache machte Sascha zu schaffen. Statt dem üblichen Fehler-Note-Prinzip stand unter ihren Diktaten: „Toll! Schon 30 Wörter richtig geschrieben!“ Das entspannte Lehrer-Schüler-Verhältnis überraschte sie besonders. „In Kasachstan sind die Schulen strenger.“

Mit deutschen Freunden, ihrem Umfeld und Intelligenz fand sie sich schnell ein und schaffte den Sprung aufs Gymnasium. Mittlerweile ist sie schon länger in Deutschland als in Kasachstan. Sie spricht Deutsch fast besser als Russisch, und von der Einstellung her würde sie nicht mehr nach Kasachstan passen, meint sie.

Je älter sie wird, desto mehr wandelt sich ihr Blick auf die Heimat von sentimental zu kritisch. „Die politische Lage und auch wie Politik gemacht wird, ist nicht gut. Die Mächtigen sind sehr auf sich bezogen. Das Volk ist arm und die Regierung korrupt“, stellt sie ohne Umschweife fest. Unterschiede zu Deutschland sieht sie vor allem in der Mentalität: Die Kasachen sind offener, man hat eher Kontakt zu den Nachbarn, ist stets gastfreundlich und überbordend herzlich. „Und wenn du jemand Neuen triffst, unterhaltet ihr euch eine Stunde, und danach kannst du ihm seine ganze Lebensgeschichte erzählen und er dir“, lacht sie. „Es wird sehr schnell Nähe untereinander geschaffen, das ist hier ja gar nicht so.“

Mit Identitätsfragen hat Sascha nicht zu kämpfen. Auch kann sie sich nicht vorstellen, später nach Kasachstan zurückzukehren, dafür ist sie hier zu fest verankert, Deutschland ist ihr Zuhause. Dass sie die Kulturen zweier Länder in sich verinnerlicht hat, macht sie zu dem, was sie ist. „Man wird weltoffener, toleranter gegenüber Neuem. Ich kann mich auch sehr gut in die hineinfühlen, die neu nach Deutschland kommen.“

Was sie aus all ihren Erfahrungen gelernt hat? „Als ich nach Deutschland kam, hatte ich nicht die Wahl. Ich musste mich einfach anpassen, was nicht immer leicht war. Insofern: Niemals aufgeben!“

11.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 04.03.2013 - 18:50 Uhr

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