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Land der Gegensätze

Christine Faget erkundete Kasachstan als Journalistin

Christine Faget studiert Ethnologie und Medienwissenschaft in Tübingen. Während ihres Praxissemesters arbeitete sie drei Monate bei der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ in Almaty, der größten Stadt Kasachstans.

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Die Fragen stellte Kerstin Strey, 17

FLUGPLATZ: Was fasziniert dich an Kasachstan?

Artikelbild: Christine Faget erkundete Kasachstan als Journalistin Wo liegt eigentlich Kasachstan? Am Kaspischen Meer. Am Altai-Gebirge. An der Grenze zu Russland, China, Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan. Kasachstan ist das neuntgrößte Land der Erde. Heute leben viele Menschen mit kasachischen Wurzeln in Deutschland – aber das Land kennt hier kaum jemand. Die Tübinger Studentin Christine Faget ist als Journalistin hingefahren. Und die Tübinger Schülerin Alexandra Weber hat die ersten acht Jahre ihres Lebens in der Großstadt Almaty verbracht. Auf dieser Seite berichten sie über ihre Erlebnisse. Karte: lesniewski / Fotolia.com

Das Land ist noch relativ unberührt vom Tourismus. Den meisten, denen ich von meinen Plänen erzählt hatte, kamen nur Borat und die Russlanddeutschen in den Sinn. Kasachstan hat eine unglaubliche Weite in der Steppe, das Land vermittelt irgendwie ein Gefühl von Freiheit, und die Kultur ist wahnsinnig spannend, da der Lebensstil so unterschiedlich von unserem ist.

Christine Faget Christine Faget

Gab es prägende Erfahrungen?

Ja sicherlich, viele – vor allem viele interessante Gespräche. Ich war etwas schockiert über den vielen Müll und Smog. Ein Kasache meinte jedoch, das sei ein Luxusproblem von uns Europäern. Viele der Leute in Kasachstan, vor allem auf dem Land, seien so bitterarm, dass sie erst einmal andere Probleme hätten, als sich mit der Umwelt, Presse- und Meinungsfreiheit und dergleichen zu beschäftigen. Die große Kluft zwischen Arm und Reich hat mich schockiert. In der Stadt gibt es viele Neureiche, was auch am Bau unzähliger Luxusmalls und fetten Autos deutlich wird. Dahingegen sieht man die Leute auf dem Land oft noch auf Eselskarren herumfahren und mit Plumpsklo im Garten.

Welchen Eindruck hast du von den Jugendlichen in Kasachstan?

Die Mädchen sind total hübsch. Während die Jungs in Autos investieren, investieren die Mädchen ins Aussehen. Für sie ist es enorm wichtig zu heiraten. Im Normalfall im Alter von 20 bis 25 Jahren. Auch beeindruckend war ein Ausflug mit kasachischen Studenten. Während die Schüler in Deutschland ihren MP3-Player herausholen, wurde dort im Bus gemeinsam gesungen.

Wie sehen das Leben und der Alltag der Jugendlichen aus?

Das kommt ganz auf die Jugendlichen an, wie in Deutschland eben auch. Aber insgesamt denke ich, dass man sich eher tagsüber zum Teetrinken trifft als abends zum Ausgehen. Insgesamt wird weniger Alkohol getrunken, da viele muslimisch sind.

Was haben sie für Chancen?

Ich habe viele Kasachen getroffen, die im Ausland studieren. Kasachstan ist das reichste Land in Zentralasien, ich denke, dass es gute Aussichten gibt, die Wirtschaft boomt.

Orientieren sich die Leute sehr am „Westen“ (USA etc.)?

Ja, sehr. Einige Kasachen haben sich bei mir beklagt, dass viele dächten, es sei cool, in Anzug und Krawatte herumzulaufen und dass sich die Leute so sehr an westliche Maßstäben hielten, obwohl der Westen auch Probleme hat. Immerhin gibt es keinen McDonalds.

Wie schätzt du die Beziehungen zwischen Kasachen und Deutschen ein?

Die engste Verbindung zwischen Deutschen und Kasachen sind die Wolgadeutschen, welche aus Russland deportiert wurden. Noch heute machen die Deutschen 1,1 Prozent der kasachischen Bevölkerung aus, und auch in Deutschland haben 1,1 Prozent der Bevölkerung einen kasachischen Migrationshintergrund. Ansonsten ist die deutsche Wirtschaft natürlich an den unzähligen Rohstoffen in Kasachstan, vor allem an dem Öl, interessiert.

Was für Spuren hat die Sowjetunion hinterlassen?

Noch heute haben viele der älteren Kasachen eine gewisse Sowjetnostalgie. Das war ja ein komplett anderes System, mit der Umstellung gab es natürlich viele Probleme, die Leute wurden anfangs erstmals in die Armut getrieben. In Almaty wurde seitdem viel gebaut, die Wolkenkratzer schießen nur so aus dem Boden. Es wird viel importiert.

Wie sieht es in Kasachstan aus mit der Pressefreiheit?

Naja, unsere Zeitung musste vorsichtig sein, da sie teilweise vom Staat finanziert wird. Aber da wir vor allem für und über die deutsche Minderheit und über deutsch-kasachische Beziehungen schreiben, waren wir davon nicht ganz so arg betroffen. Für Politik gibt es extra oppositionelle Blätter. Aber es ist schwierig, beispielsweise will keine Druckerei mehr das oppositionelle Blatt „Respublika“ drucken.

11.12.2012 - 08:30 Uhr

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