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Beim Hockey könnte jeder Torschützenkönig werden

„Die Behinderung ist bei uns zweitrangig“

Im Jahr 1979 gründete die Turn- und Sportgemeinschaft Reutlingen ihre Behindertensportabteilung, die mittlerweile die zweitgrößte in Deutschland ist. FLUGPLATZ hat Abteilungsleiter Martin Sowa und Geschäftsführer Albrecht Tappe zur Situation des Behindertensports in Deutschland und ihre eigenen Umsetzungsmöglichkeiten bei der TSG befragt.

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Welche Möglichkeiten gibt es für Menschen mit Behinderung überhaupt, Sport auszuüben?

Besonders beliebt bei der TSG: Hockey. Hier spielen die Reutlinger (im blauen Trikot) gegen die ... Besonders beliebt bei der TSG: Hockey. Hier spielen die Reutlinger (im blauen Trikot) gegen die Ulmer: Lore Miller (links) ist schon über 80 Jahre alt; rechts neben ihr Holger Hautzinger.Bild: Dietmar Czapalla

Albrecht Tappe: Die Behinderung ist bei uns zweitrangig. Wir haben das Ziel, jedem Mensch, ob mit oder ohne Behinderung, der bei uns Sport machen will, ein Angebot zu schaffen. Das sind teilweise schwerst- und mehrfach Behinderte, Rollstuhlfahrer und Kinder bis hoch zu Senioren, die schon 90 Jahre alt sind. Da gibt es von unserer Seite aus keine Richtlinien.

Also gibt es gar keine Grenzen?

Martin Sowa: Nein. Das ist auch das Kennzeichen unserer Abteilung, dass wir überhaupt keine Grenzen haben. Wir schauen als Erstes immer darauf: Wer ist da vor uns? Dementsprechend gestalten wir dann das Sportangebot. Das heißt, wir müssen die Grenzen eigentlich immer überwinden und ständig etwas Neues erfinden, um das Sportangebot für möglichst viele Menschen machbar zu machen.

Welche Sportangebote gibt es bei Ihnen?

Albrecht Tappe: Klassische Sportangebote wie Fußball, Schwimmen, Judo, Basketball, Leitathletik, Tischtennis, Triathlon. Ein anderes ganz großes Angebot richtet sich nach keiner Sportart. Da richten wir das Sportangebot nach den Sportlern, die in der Halle sind.

Ist es schwerer für Menschen mit Behinderung, überhaupt eine Sportart zu erlernen?

Albrecht Tappe: Es ist insofern schwerer, als ein nicht behindertes Kind oft schon früh anfängt. Bisher ist das bei Menschen mit Behinderungen nicht so der Fall. Oft kommen sie erst mit zehn oder zwölf zu uns und fangen also auf einem ganz anderen Stand an. Das andere ist, dass sie motorisch in vielen Fällen natürlich auch gehandicapt sind und ihnen bestimmte Bewegungsabläufe schwer fallen.

Martin Sowa: Das heißt auch, dass wir dann, wenn es nicht möglich ist, zum Beispiel Fußball, Handball oder Basketball zu spielen, nach Alternativen suchen müssen. Wie können wir die Sportart so abändern, dass sie für alle wieder spielbar wird?

Was ist die beliebteste Sportart von ihren Angeboten?

Albrecht Tappe: Das ist nicht leicht zu sagen. Aber es gibt schon so einen Favoriten, und das ist Hockey. Ein Spiel, das wir selber erfunden und für unsere Sportler angepasst haben. Es hat ein bisschen andere Regeln und auch ein anderes Spielfeld.

Wie wird denn gerade bei Hockey eine Chancengleichheit hergestellt, wenn alle Spieler andere Voraussetzungen mitbringen?

Martin Sowa: Es spielen zwar alle im gleichen Feld, aber nicht alle in der gleichen Zone. Es gibt drei Zonen. So spielen zum Beispiel diejenigen im Mittelfeld, die kaum motorische Beeinträchtigungen haben, und in den kleineren Zonen an den Toren stehen jeweils die Spieler, die sehr stark eingeschränkt sind. Kommt der Puck in ihre Zone, können diese Spieler in aller Ruhe auf das Tor schießen. Und so werden die eigentlich Schwächsten Torschützenkönige ihrer Mannschaft.

Wie ist das Verhalten im Spiel, wird gefoult oder herrscht eine harmonischere Stimmung als im Sport der Nichtbehinderten?

Albrecht Tappe: Das ist ziemlich ähnlich. Der Wettkampfgedanke ist bei ganz vielen genauso ausgeprägt. Bei den Schwächeren aber eher nicht so, da ist dann manchmal gar kein Wettkampf-Gedanke.

Martin Sowa: Das geht auch bis hin zum Schlägerwegschmeißen, da ist alles drin, wie in jedem Sport.

Warum ist diese spezielle Art von Engagement so wichtig?

Martin Sowa: Das Wichtigste ist die Steigerung von Lebensqualität. Für die meisten ist die TSG so etwas wie eine Ersatzfamilie geworden. Manche kommen in vier Gruppen pro Woche. Und wenn man sich ansieht, egal ob beim Hockey, beim Tischtennis oder beim Altstadtlauf, mit welcher Begeisterung und innerer Freude das gemacht wird, dann geht einem schon das Herz dabei auf. Und das hält dann auch uns dabei, immer weiter zu machen. Solche Freude sieht man bei nicht behinderten Menschen nur ganz, ganz selten.

Die Fragen stellte Jael Gerloff, 17

Info: Viele weitere Infos unter www.martin-sowa.info. Unter anderem Spielregeln und Spielfelder der abgeänderten Spiele.

05.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 04.03.2013 - 18:41 Uhr

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