Zu viele Studienplätze, zu wenig Kurse: Die Zahnmedizin quillt über
Zu viele Studenten, überfüllte Seminarräume – diese Probleme hat die Tübinger Zahnmedizin schon lange. Doch weil die Medizinische Fakultät die Zahl der Studienplätze erhöht hat, hat sich in diesem Semester die Lage zugespitzt. Die Studenten protestierten kürzlich mit einer spektakulären Aktion, das Dekanat verspricht Abhilfe.
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Die Qualität der Lehre nimmt unglaublich ab. Fachschaftssprecherin Larissa
Die Zahnmediziner protestierten kürzlich gegen die Studienbedingungen und verlegten ihre Laborarbeit für anderthalb Stunden ins Dekanat ihrer Fakultät. Die Qualität der Lehre leide unter der beengten Situation, sagt die stellvertretende Fachschaftsvorsitzende Larissa Stockinger.Bild: Faden
Tübingen. Es war ein Anblick, der Larissa Stockinger und ihre Kommilitonen von der Fachschaft der Zahnmedizin ärgerte: Am ersten Tag des Wintersemesters drängten sich vor dem Hörsaal 103 Studenten. Sie wollten alle einen Platz im ersten zahnmedizinisch-technischen Kurs (TPK), der verpflichtend für das Vorphysikum ist. Platz war jedoch nur für 40 Studenten. „Das war unglaublich“, erinnert sich Stockinger. „Die haben die Einschreibung mit Megafonansagen draußen gemacht, weil das Gebäude überfüllt war.“
Überfüllte Vorlesungssäle, zu wenige praktische Übungsmöglichkeiten in Laboren, zu wenige Plätze auch in Kursen für die höheren Semester und dadurch längere Wartezeiten: Die Fachschaftssprecherin sieht die gute Ausbildung in der Zahnmedizin gefährdet. „Erstsemester haben mir erzählt, dass sie sich jetzt schon nach einem anderen Studienort für den zweiten, klinischen Studienabschnitt umsehen, weil sie die Situation hier abschreckt“, sagt sie. Die Ängste der Studenten würden in der Fakultät ignoriert. Beim Tag der Lehre im Frühjahr machten die angehenden Zahnmediziner bereits auf die prekäre Lage aufmerksam, eine Reaktion sei nicht gekommen, so Stockinger.
Mit ihren Kommilitonen protestierte sie deshalb vor kurzem erneut: Im Dekanat simulierten sie Laborarbeit und packten Zahnmodelle und Modelliermasse aus. „Hier haben wir mehr Platz als bei uns im Labor“, sagte eine Studentin trotzig.
Der Grund für den großen Andrang: Die Zahnmedizin hat seit dem Wintersemester 2009/10 ihre Studienplatzkapazität erhöht. 17 Studenten mehr pro Jahr sollten im ersten Studienabschnitt, der Vorklinik, aufgenommen werden. Die Vorgabe zum Ausbau sei vom Land gekommen, erklärt Prof. Siegmar Reinert, Studiendekan der Zahnmedizin. Trotz der bekannten Kapazitätsprobleme habe man entschieden, die Forderung des Wissenschaftsministeriums umzusetzen, so Reinert. Denn: „Jedes Semester haben sich zu unseren 31 regulären Studenten in der Vorklinik weitere acht bis zehn Studenten eingeklagt.“ Wenn man sie schon zusätzlich aufnehmen müsse, könne man die Plätze auch regulär ausbauen und damit mehr Fördermittel des Landes erhalten, erklärt Reinert die Entscheidung.
Doch eines habe man nicht ausreichend berücksichtigt, gesteht der Studiendekan ein: Auch in den höheren Fachsemestern stieg die Zahl der Studenten an, denn die Studienplatzerhöhung galt auch für sie. Zahlreiche Quereinsteiger von anderen Unis drängten nach Tübingen. Weil vielen unter anderem noch der TPK-Kurs der Vorklinik fehlte, kam es zu dem großen Ansturm bei Semesterbeginn. Die hohe Zahl der Quereinsteiger habe man so zunächst nicht absehen können, sagt Reinert. Und findet: „Der Protest der Studenten ist verständlich.“ Dennoch nehme man ihre Sorgen ernst und bemühe sich um Besserung. So hätten Studenten, die keinen Platz in einem Vorklinik-Kurs bekämen, die Möglichkeit, naturwissenschaftliche Kurse vorzuziehen.
Als sich im Frühjahr das Problem für das Wintersemester abgezeichnet habe, sei man gleich auf das Wissenschaftsministerium zugegangen, erklärt Dekan Prof. Ingo Autenrieth: „Jetzt haben wir das Signal bekommen, dass die Zulassungszahlenverordnung wieder korrigiert werden soll.“ Soll heißen: Ab dem Wintersemester 2011/2012 gilt wohl wieder die alte Studienplatzzahl.
Um die aktuellen Probleme zu lösen, beschloss die Studienkommission, die beiden Kurse der Vorklinik mit der größten Nachfrage – darunter der TPK-Kurs – doppelt beziehungsweise anderthalbfach zu belegen. Die bisher ganztägigen Kurse finden nun halbtags statt, mit erhöhter Betreuung, wie Reinert erklärt – so können rund 70 Studenten mehr teilnehmen. „Das ist ein Kompromiss, der dem Bedürfnis der Studierenden Rechnung trägt“, sagt Prodekan Prof. Stephan Zipfel. Auch er kann den Unmut nachvollziehen.
Um die Überzahl an Studenten gut durch die weiteren Semester zu bekommen, habe man zusätzliche Mittel der Medizinischen Fakultät für wissenschaftliche Mitarbeiter und Material zur Verfügung gestellt. Wer als Quereinsteiger neu dazu gekommen sei, dürfe sein Studium trotz der geplanten Rückkehr zum alten System hier auch beenden, sichert Zipfel zu. Ganz generell werde man das Curriculum der Zahnmedizin reformieren, kündigt der Prodekan der Medizinischen Fakultät an.
Larissa Stockinger kann mit der Lösung leben: „Wenn die Aufstockung zurückgenommen wird, haben wir zwar jetzt eine schlimme Situation. Aber wir haben zumindest den Lichtblick, dass nicht immer neue Berge an Studenten nachkommen.“ Zufrieden ist sie auch mit der Ankündigung, Quereinsteiger künftig besser auszuwählen.