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Auf falschem Weg

Weshalb die Bildungsproteste weiter gehen

Diesen Gastbeitrag hat ein Bildungsstreikender für AUDIMAX verfasst.

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Der Bildungsstreik im Juni hatte zwar große mediale Aufmerksamkeit für die Forderungen von uns Studierenden verursacht – umgesetzt wurde von diesen Forderungen bis dato aber so gut wie nichts. Dabei sind die Missstände akuter denn je. In Tübingen hat das Rektorat in vielen Fachbereichen, vor allem in der Neuphilologie, in blauäugiger Weise Zulassungsbeschränkungen aufgehoben – ohne das Lehrpersonal massiv aufzustocken.

Die Folgen sind völlig überfüllte Hörsäle und Seminarräume. Zum Beispiel zwängen sich 700 Anglistik-Studenten in den Hörsaal 25 des Kupferbaus. Außerdem blieben gerade die Probleme der Bachelor- und Master-Studiengänge ungelöst. Als sie eingeführt wurden, galt das Versprechen, die Mobilität der Studierenden erheblich zu erhöhen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. In einigen Studiengängen ist es schier unmöglich, ein Auslandssemester zu beginnen, da die vorgegebenen Studienpläne dies nicht zulassen.

Auch die Arbeitsbelastung hat sich erheblich erhöht. Der Studienplan eines Bachelor-Studiengangs erfordert 30 bis 35 Stunden in der Woche. Zuhause muss noch einmal das gleiche Pensum geleistet werden. So kommen 60 bis 70 Stunden pro Woche zusammen. Während der vorlesungsfreien Zeit soll ich ein zweimonatiges Praktikum absolvieren, um den durchaus zu begrüßenden Praxisbezug herzustellen. Gleichzeitig habe ich vier Hausarbeiten zu schreiben. Wie soll das ein Mensch schaffen, ohne dass gesundheitliche, aber eben auch zwischenmenschliche Probleme entstehen?

Wegen der hohen Lebenshaltungskosten in Städten wie Tübingen und den Studiengebühren von 500 Euro pro Semester sind viele Studierende auf Jobs angewiesen. Aber wie soll mensch diese Kosten aufbringen, wenn er aufgrund seiner Arbeitsbelastung keine Zeit mehr hat, nebenher arbeiten zu gehen? Viele junge Menschen mit Hochschulabschluss in Deutschland, welche es bisher geschafft hatten, durch das selektive Bildungssystem durchzukommen, werden nun von den sozial selektierenden Studiengebühren davon abgehalten, ein Studium zu beginnen.

Studien des Studentenwerks zeigen, wohin dieser Weg führt, den viele deutsche Universitäten und die Bundesländer beschreiten. Zahlreiche Abiturienten verzichten wegen der schlechten Bedingungen auf ein Studium. Eine signifikant wachsende Zahl von Studierenden nimmt wegen der übermäßigen Belastung im Studium die psychologischen Dienste in Anspruch.

Es läuft eine ganze Menge schief. Deshalb müssen wir für größeren Druck sorgen, als er durch „normale“ Demonstrationen entsteht.

Raphael Schwörer,

Student der Romanistik

und katholischen Theologie

an der Universität Tübingen

18.11.2009 - 08:30 Uhr

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