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Trotz Zivilklausel

Vor dem Ethnologischen Institut steht eine Kanone

Vor Jahren hing ein riesiges Transparent an der Fassade, die das Tübinger Schloss als atomwaffenfreie Zone auswies. Was hat es zu bedeuten, dass jetzt eine Kanone im Hof steht?

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Hans-Joachim Lang

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TILLER COPP TÜBINGEN, steht auf einem Schild, das an der Kanone angebracht ist, und für sich betrachtet rätselhaft anmutet. Die Kanone steht im Schlosshof, als ob sie schon immer dort stünde, dabei hat sie erst gestern dorthin gefunden. Ein Kleinstlastwagen mit Balinger Nummernschild hat sie abgeliefert. Zurückgebracht muss man eigentlich sagen, denn auf dem erwähnten Schild steht auch noch Besitz anzeigend „Stadt Tübingen“. Und die Zahl 812.

Eine Kanone wurde gestern Morgen im Schlosshof angeliefert. Stadtmuseumshausmeister Helmut Gugel ... Eine Kanone wurde gestern Morgen im Schlosshof angeliefert. Stadtmuseumshausmeister Helmut Gugel (vorne links) und Museumsmitarbeiter Michael Strauch (vorne rechts) rollen das Ungetüm mit Hechinger Unterstützung an den neuen Standort. Bild: Metz

Damit ist bereits geklärt, dass es keineswegs so ist, wie Lästerzungen unken, nämlich dass die Kanone ein Geschenk der Bundeswehr wäre – zum Dank dafür, dass die Ethnologen einen Lehrauftrag an eine Oberstleutnantin vergeben haben. Dafür spräche, dass das Gerät am Eingang zum Ethnologischen Institut postiert ist.

Doch ehe Übereifrige den genauen Wortlaut der im Frühjahr von der Universität verabschiedeten Zivilschutzklausel nachblättern: Das Gerät ist im strengen Sinne keine Waffe, denn es handelt sich um eine Böller-Kanone. Was nicht heißt, dass der Umgang damit ganz ungefährlich ist. 1846 verlor ein städtischer Kanonier beide Arme, weil er beim Böllern zu früh nachgeladen hatte. Seine Arme soll man später in der Unterstadt gefunden haben.

Doch das ist Geschichte und muss auch nicht die Freunde der im Schlosskeller behausten Fledermäuse erschrecken . Denn mit der Kanone wird nicht nur nicht scharf geschossen, nicht einmal auf Spatzen, sie hat auch als Böller-Kanone ausgedient. Weder gibt heutzutage der Geburtstag einer württembergischen Königin noch ersatzweise der einer baden-württembergischen Ministerpräsidenten-Gattin Anlass, um freudig in die Luft zu ballern. Von Sedan-Feiern gar nicht erst zu reden.

Um also die Wahrheit der Ehre zu geben: Die Kanone ist so überflüssig, dass niemand wusste, wohin damit. Die Stadt Tübingen, der sie gehört, hatte sie zuletzt im Bauhof herumstehen und verlieh sie vor 47 Jahren nach Hechingen, wo sie das Museum für Garde- und Bürgerwehren beschützte. Nach dessen Schließung verschwand die Kanone ins Depot des Hohenzollerschen Landesmuseum. Weil dort der Platz zu knapp wurde, besannen sich die Hechinger darauf, dass die Leihgabe besser dem Eigentümer den Platz wegnehmen solle. Die Tübinger wiederum hatten den pfiffigen Einfall, das Trumm auf dem Schloss aufzustellen, wo es wahrscheinlich schon früher seinen Standort hatte.

Sarah Millner, Volontärin im Stadtmuseum, vermutet als früheren Eigentümer den 1908 gegründeten örtlichen Artillerieverein, dem 1909 erlaubt wurde, eine Salutkanone auf dem Schloss aufzustellen und abzufeiern. Ergänzt man die abgeblätterten Buchstaben auf dem Schild, kommt man auf den selben Befund: arTILLERieCOrPs. Die Zahl muss indes 1812 heißen und enthält die falsche Vermutung, die Kanone sei ein Überbleibsel vom Russlandfeldzug. Doch diese Annahme ist keinen Schuss Pulver wert.

30.06.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 30.06.2010 - 10:42 Uhr

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