Vier Wochen Streik: Studierende leben im Kupferbau den Alltag im Ausnahmezustand
Im ganzen Land protestieren Studierende gegen das Bildungssystem. Auch an der Universität Tübingen ist ein Hörsaal im Kupferbau Tag und Nacht besetzt. Über den Alltag einer Uni-Besetzung.
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Jana-Marie Seifried
Im Foyer des Kupferbaus laufen die Fäden der Tübinger Studenten-Proteste zusammen. Bilder: Seifried
Tübingen. Es ist früher Abend. Im Foyer des Kupferbaus laufen die Vorbereitungen für das Plenum um 20 Uhr. In der Luft liegt der Geruch des Abendessens, heute gab es Kartoffeleintopf. Aus den Lautsprechern der Musikanlage erklingen ruhige Elektrotöne. Mit den viele Gesprächsfetzen im Raum verweben sie sich zu einer angeregten Geräuschkulisse. An der Tischreihe vor dem besetzten Hörsaal 21 sitzt Jan David Bakker. Konzentriert arbeitet er an seinem Konzept. Nachher wird er seinen Kommilitonen die Forderungen der Freiburger Studenten an die Landesregierung vortragen und sie darüber abstimmen lassen. Die Anspannung ist ihm ins Gesicht geschrieben. „Eigentlich habe ich kein Problem damit, vor vielen Menschen zu sprechen“, sagt er, „aber wenn ich einen komplizierten Sachverhalt möglichst einfach darstellen muss, ist das schon eine Herausforderung.“
Von Anfang an dabei: Jan David Bakker
Jan David ist 20, er studiert im ersten Semester VWL. Bei den Streiks und der Besetzung war er von Anfang an dabei. Um gegen Missstände im Bildungssystem zu protestieren und Solidarität mit anderen besetzten Universitäten zu bekunden, halten Tübinger Studenten seit dem 5. November einen Hörsaal im Kupferbau besetzt. Auch Jan David verbringt jede freie Stunde im Kupferbau. „Das besondere hier ist die Atmosphäre, ich habe das Gefühl, wir können hier etwas Großes bewegen“, erklärt er. Zeit für Privates bleibt da kaum, und auch das Studium erledigt er größtenteils über sein Notebook. Der Ausnahmezustand ist für Jan David zum Alltag geworden: „So wie andere abends in die Disco gehen, komme ich zum Reden, Diskutieren und Tanzen in den Kupferbau.“
Im Anschluss an das offene Plenum haben die Studierenden einen Künstler organisiert. Jakob Nacken ist Musikkabarettist. Im besetzten Hörsaal begeistert er sein Publikum mit brillantem Wortwitz, den er durch mal träumerische, mal dahin galoppierende Rhythmen und Melodien am Keyboard unterstützt. Nacken präsentiert irrwitzige Liedtexte, die er mit bekannten Melodien konterkariert. Erst nach zwei Zugaben lässt ihn das Publikum von der Bühne.
Tanzen und Diskutieren bis in die späte Nacht
Für seinen Auftritt nimmt Nacken kein Geld. Er hat selbst bis vor kurzem in Tübingen studiert und steht hinter den Protesten. Von der Stimmung im Kupferbau ist er überrascht: „Ich hatte eigentlich mit gewissen Ermüdungserscheinungen gerechnet. Nach so einer langen Besetzung wäre das wohl normal gewesen.“
Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht. Jan David und andere Studierende haben das Foyer zur Tanzfläche erklärt. Die Beats von Blumentopf und Fettes Brot schallen durch den Raum.
Kabarettist Nacken hat es sich mit Studierenden auf dem Sofa bequem gemacht. Er unterhält sich mit Raphael Schwörer, der sich um die Veranstaltungen während der Besetzung kümmert. „Mit solchen Auftritten ziehen wir auch Menschen an, die sonst eher nicht ins Plenum kämen“, erklärt der 22-jährige Lehramtsstudent. Raphael ist täglich hier, mindestens sieben Stunden am Tag. Jeden zweite Nacht verbringt er mit Schlafsack und Isomatte im Hörsaal 21. „Manchmal wird es mir aber schon ein wenig zu viel“, erzählt er grinsend. Eine Nacht im eigenen Bett wirke dann Wunder.
Gegen ein Uhr hat sich das Foyer ziemlich geleert. Eine Studentin mit braunen Locken und Hornbrille sammelt leere Becher und Flaschen ein. Laura Mega zählt zum harten Kern der Protestler. Sie hat die 72-Stunden Vorlesung mitorganisiert und erwidert auf die Frage, wie viel Zeit ihr momentan noch fürs Privatleben bleibe: „Das hier ist mein Privatleben!“ Laura studiert Biologie auf Diplom. Seit der Bachelor eingeführt wurde, kann sie viele wichtige Veranstaltungen nicht mehr besuchen. „Das neue Bachelor- und Mastersystem wurde viel zu schnell und chaotisch umgesetzt“, resümiert Laura. Dass ihr Schlafpensum bei all dem Engagement auf vier bis fünf Stunden pro Nacht gesunken ist, stört sie hingegen weniger: „Jetzt kann ich immerhin Powernappen“, sagt sie und wirft ihren Kopf lachend in den Nacken.
Besetzung soll bis Weihnachten dauern
Es ist halb drei. Etwa 20 Studierende halten die Stellung. Raphael hat sich einen Lappen geschnappt und wischt die große Tafel im Foyer des Kupferbaus. Mit Kreide trägt er die Raumverlegungen für den morgigen Tag ein. „Wenn wir uns darum nicht kümmern, müssten die Vorlesungen, die normalerweise im besetzten Hörsaal stattfinden, ausfallen“, sagt der Lehramtsstudent.
Im Foyer wird es ruhig. Auf dem Sofa blättern zwei Studierende noch in Fotografie-Bänden und George Orwells „1984“. Eine Studentin ist schon eingenickt. Auf den Toiletten putzt sich Jan David die Zähne. Und dann verabschiedet auch er sich zum Schlafen in den Hörsaal 21. Bis Weihnachten wollen Jan David und seine Kommilitonen die Besetzung auf jeden Fall durchhalten. Aber dann wird es schwierig – im Januar stehen für alle Prüfungen an.