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Studenten fordern Bildung für alle

Tausende gehen in Universitätsstädten auf die Straßen

Tausende Schüler und Studenten sind gestern in den Universitätsstädten des Landes für ein besseres Bildungssystem auf die Straßen gegangen. 5000 junge Leute demonstrierten allein in Freiburgs Innenstadt.

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PETRA WALHEIM
Artikelbild: Tausende gehen in Universitätsstädten auf die Straßen Zu Tausenden gingen Schüler und Studenten in den Universitätsstädten des Landes auf die Straßen. Sie fordern Verbesserungen im Bildungssystem und die Abschaffung der Studiengebühren. Fotos: dpa/AP

Freiburg "Wir trauern um die freie Bildung". Ein Banner mit diesem Spruch ziert das Audimax der Uni Freiburg. Der größte Hörsaal der Uni, in dem rund 800 Menschen Platz finden, ist seit Montagabend besetzt. Unzählige Banner mit ähnlichen Sprüchen und Forderungen wie "Weg mit G 8" und "Bildung für alle" haben mehr als 5000 Schüler und Studenten gestern Morgen durch die Freiburger Innenstadt getragen. "Bildung für alle - und zwar umsonst", skandierten sie.

Mit dieser und allen anderen Demonstrationen im Land prangern die Studenten das "marode Bildungssystem" an und machen darauf aufmerksam, dass sie nicht länger bereit sind, die Missstände hinzunehmen. "Wir wollen lernen - aber nicht so", gaben sie zu verstehen und forderten "selbstbestimmtes Lernen und Leben".

Seit der Umstellung der Diplom- und Magister-Studiengänge, die in der Regel acht Semester dauerten, auf den Bachelor, der in sechs Semestern erreicht werden soll, sind nach Meinung der Studenten die Anforderungen in vielen Studienfächern nicht mehr zu erfüllen: Den gleichen Stoff in kürzerer Zeit durchzuarbeiten sei unmöglich. Hinzu kämen mehr Prüfungen. Vielen Studenten blieb kaum Zeit, sich politisch oder sozial zu engagieren, geschweige denn, ihr Studium zu finanzieren. Deshalb fordern sie auch, die Studien- und generell die Bildungsgebühren abzuschaffen. Auch die Kindertagesstätten sollten kostenlos und damit für alle zugänglich sein.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass nicht alle Studierenden zum Masterstudiengang zugelassen werden, es müssen vielmehr bestimmte Kriterien erfüllt werden, und die sind nach Meinung der Studenten oft nicht nachvollziehbar. Das alles schrien gestern Schüler und Studenten auch in Tübingen, Ulm, Karlsruhe und Heidelberg hinaus. Hörsäle mehrerer Unis wurden besetzt.

"Lasst Euch nicht kleinkriegen von politischer Ignoranz und Borniertheit", rief ein Vertreter der Initiative "Schule mit Zukunft" den Demonstranten zu. "Wir stehen voll hinter euch." Uta Adam, Vorsitzende des Bezirksvorstands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), machte den Demonstranten Mut. Es sei Zeit für eine Kehrtwende in der Bildungspolitik, sagte sie. Der Vater einer elfjährigen Gymnasiastin und Elternvertreter in einem Freiburger Gymnasium nickte zustimmend. Seine Tochter und alle ihm bekannten Schüler stöhnten unter der verkürzten Gymnasiumszeit, auch G 8 genannt, erzählte er. Viele hundert Schüler waren zur Demonstration gekommen und berichteten von teils verheerenden Zuständen an den Schulen. So falle zum Beispiel selbst der Unterricht in Pflichtfächern wie Deutsch regelmäßig aus.

Der Stress, der schon im Gymnasium durch die verkürzte Schulzeit ausgelöst werde, setze sich im Studium fort, sagte die 22-jährige Eva. Sie studiert Politikwissenschaft und Geschichte im fünften Semester und hat mit dem Bachelor-Studiengang keine guten Erfahrungen gemacht. Für sie ist das Studium viel zu eng angelegt. "Ich interessiere mich für viele andere Fächer, bekomme aber keinen Zugang dazu", klagte sie. Von den Studenten werde erwartet, dass sie den Studienverlaufsplan "abarbeiten" und nicht auch noch in andere Fächer reinschauen. "Da ist kaum Spielraum für ein interdisziplinäres Studium." Und das ist Eva zu oberflächlich.

Außerdem wollte sie für eine gewisse Zeit an die Uni Leipzig wechseln. Nachdem sie sich nach den Bedingungen erkundigt hatte, ließ sie es bleiben, weil die Uni ihr bisheriges Studium kaum angerechnet hätte. "Ich hätte vieles wiederholen müssen." Dabei ist ein Ziel des Bachelor, die Studiengänge bundesweit und auch innerhalb Europas anzugleichen, so dass die Studenten während des Studiums die Hochschulen wechseln können. Doch das funktioniert noch nicht einmal innerhalb Deutschlands.

Der Rektor der Uni Freiburg, Hans-Jochen Schiewer, verteidigte die Studiengebühren und Bachelor-Studiengänge, räumte jedoch ein: "Die Kritik an der mangelnden Studierbarkeit mancher Fächer trifft teilweise zu." Nicht alle Studiengänge dürften freilich über einen Kamm geschoren werden. Das Problem sei erkannt, seit längerem werde daran gearbeitet: "Die Reform der Reform läuft längst."

18.11.2009 - 08:30 Uhr

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