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Stahleckeria seit 80 Jahren in der hiesigen Paläontologischen Sammlung / Schädelabguss für südbrasilianisches Museum

Prunkstück aus der Steinwüste

Vor 80 Jahren wurde in Brasilien von Tübinger Wissenschaftlern das größte fossile Reptil ausgegraben, das bis heute in Südamerika gefunden wurde. In Tübingen ist es eines der Prunkstücke der Paläontologischen Sammlung der Universität.

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Hans-Joachim lang
Tübingen/Sao Pedro do Sul. „Für Geologen ist so ein Gebiet ohne Pflanzendecke ein wahres Paradies“, schrieb Rudolf Stahlecker in einem 1933 veröffentlichten Bericht über eine folgenreiche Expedition nach Südbrasilien. Die paradiesischen Verhältnisse bezogen sich allerdings einzig und allein auf die Fossilienvorkommen. Denn Tag für Tag brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel, derweil der Tübinger Paläontologe Prof. Friedrich Freiherr von Huene mit dem Studenten Rudolf Stahlecker als sein Assistent in 2000 Meter Höhe durch eine weg- und menschenlose Gebirgswüste streifte, „in der Werkzeugtasche ein ordentliches Stück rohes Ziegenfleisch für den Spießbraten zur Mittagszeit“.

Der von Rudolf Stahlecker überlieferte Expeditionsbericht liest sich wie eine Abenteuererzählung. Von Huene war damals der führende Experte für fossile Reptilien in Europa, 53 Jahre alt, als er sich mit seinem Studenten auf den Weg machte. Anlass war, dass ein naturkundlich gebildeter deutscher Arzt, der nach Brasilien ausgewandert war, bei diversen Erkundungen des Geländes Fossilien gefunden und nach Tübingen geschickt hatte, eines Tages sogar Skelettreste. Zwar waren in jener Gegend schon wiederholt fossile Reste von Sauriern entdeckt worden, doch sie waren nicht zuordenbar. Die Sendungen aus Südamerika erschienen jedoch verheißungsvoll genug zu sein, um auf weiteres Material und neue Aufschlüsse hoffen zu können. Nur mit der Finanzierung haperte es, weshalb die Expedition in Minibesetzung ausrückte.

Gut zwei Jahre erforschten der Professor und sein Helfer das Gelände. Meist habe man anhand von herausgewitterten Bruchstücken entscheiden müssen, ob es sich wohl lohnen könnte, „in stunden-, oft aber auch wochenlanger Arbeit mit Hammer und Meißel, Pickel oder Sprengpatronen den Fund zu bergen“, so Stahlecker. „Und ihn nachher unter allerlei Schwierigkeiten zu verpacken und in einem viele Tage dauernden Transport mit Tragtieren und Ochsenkarren zur Bahnstation zu schaffen.“

Ein Rumpf wie

eine Tonne

Nicht immer lohnte die Mühe all die Arbeit. „Dann heißt es eben zäh sein“, kommentierte Stahlecker und erwies damit Qualitäten, die einige Jahre nachher unter anderen politischen Voraussetzungen überaus gefragt waren.

Doch zuvor kam – vor ziemlich genau 80 Jahren – der Fund. Der Tübinger Lehrersohn Stahlecker aus der Uhlandstraße hatte das Glück, in der Steinwüste auf etwas aufmerksam geworden zu sein, das sich nach der gemeinsamen Freilegung als ein prächtiger Säugetiervorfahre herausstellte: ein etwa drei Meter langes, schweres Tier, ein Pflanzenfresser, mit einem tonnenförmigen Rumpf. In Südamerika war man bis dahin noch nicht auf dergleichen gestoßen, nur in Südafrika.

Friedrich Freiherr von Huene hat das Riesentier bearbeitet und ihm, gemäß traditioneller Gepflogenheit, einen Namen gegeben. „Anomodont Stahleckeria potens“, kurz „Stahleckeria“, heißt nun das weit über 200 Millionen Jahre alte Tier nach seinem Finder. Das Skelett des Stahleckeria konnte bei den hiesigen Geowissenschaftlern nahezu vollständig zusammengesetzt werden und hat in der Paläontologischen Sammlung in der zweiten Etage des Geowissenschaftlichen Instituts eine neue Heimat gefunden.

Von Huene starb hoch betagt und weltweit anerkannt vor 40 Jahren. Stahlecker kam in der Wissenschaft nicht unter und fand sein Auskommen als Biologielehrer an einem Stuttgarter Gymnasium. „Der Führer will das Volk lehren, wieder biologisch zu denken, wir Naturwissenschaftler müssen hier seine ersten Mitarbeiter sein“, verbreitete er als seine Devise. Biologie in der NS-Zeit war Rassenbiologie, in der praktischen Konsequenz führte sie zu Massenmorden etwa an Juden. Rudolf Stahleckers Bruder Walter zeigte auf diesem Gebiet als SS-Brigadeführer und Befehlshaber der „Einsatzgruppe A“ besondere Effektivität. Derart tief war der Biologielehrer nicht involviert, aber nach der Entnazifizierung musste er einige Jahre als Pädagoge pausieren.

Vertraglich hatte sich das Expeditionsteam vor 80 Jahren verpflichten müssen, die Funde mit den Brasilianern redlich zu teilen. Nach welchen Kriterien geteilt wurde, ist nicht bekannt. Überliefert ist aber, dass Mitte der 1990er Jahre der Rektor der Pontificia Universidade Catolica, einer Tübinger Partneruniversität, zu Besuch in Tübingen war und mit Begeisterung vor dem präparierten Urtier aus Südbrasilien stand. Wenige Jahre später überraschten die hiesigen Geowissenschaftler ihre Partner, bei denen inzwischen sogar eine Außenstelle der Eberhard-Karls-Universität eingerichtet wurde, mit einem Duplikat, das die Lustnauer Präparatorin Astrid Preuschoft-Güttler in aufwändiger Kleinarbeit hergestellt hatte.

Nicht weit

von dem Jagdplatz

Vor kurzem war die Präparatorin noch einmal gefordert. Diesmal hatte sie den Auftrag, einen Schädelabguss des Riesensauriers herzustellen. Ihn hat Dr. Rainer Radke vom Brasilien-Zentrum der Eberhard-Karls-Universität dem Paläontologischen Museum von Sao Pedro do Sul überreicht. Nicht weit davon entfernt waren einst die beiden Tübinger als Fossilienjäger unterwegs.

Die Freude war groß, nicht nur bei den Brasilianern. Denn Claudio Einloft, Enkel des Fazendabesitzers, auf dessen Gelände das Fossil ausgegraben wurde, führte im Anschluss an die Feierlichkeiten eine Gruppe von 20 Tübinger Studierenden der Biologie, Geologie und Geoökologie an die Originalfundstelle bei Chiniquá. Er sprach dabei eine Einladung an die Tübinger Paläontologie aus, sich wieder aktiv an den Ausgrabungen auf seinen Ländereien zu beteiligen.

20.05.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 10.08.2009 - 17:19 Uhr

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