Knapp eine Woche hielten Studierende den größten Hörsaal im Kupferbau besetzt. Wie auch in zahlreichen anderen Universitätsorten machten Demonstranten damit auf schlechte Studienbedingungen aufmerksam und verlangen Abhilfe. Mit der gestrigen Räumung ist weder das Thema vom Tisch, noch der Protest erloschen.
Aber die Gefahr besteht, dass sich unnötige Fronten bilden und verhärten. Die Adressaten für die Bildungspolitik sitzen in Berlin und Stuttgart. In Tübingen wird weder über Kredite für Not leidende Banken entschieden noch über soziale Umverteilungen. Im hiesigen Rektorat wird dagegen über das Forschungsprofil der örtlichen Universität entschieden und über Fächer-Strukturen. Auch die Gestaltung der Lehre fällt in die Hoheit der Uni.
Ursprünglicher Anlass für die Besetzung des großen Kupferbau-Hörsaals waren die Studienbedingungen. Massenveranstaltungen für Erstsemester, schlechte Betreuungsverhältnisse, überfüllte Sprechstunden, schlecht koordinierte Studiengänge, zu wenige Lehrveranstaltungen für manchen Pflichtstoff. Diese und noch weitere Kritikpunkte waren bis gestern an einer Wand des besetzten Hörsaals angeheftet und verschwanden hoffentlich nicht im Altpapier. Ansprechpartner dafür ist das Rektorat, speziell auch die neuerdings hauptamtlich für die Lehre zuständige Prorektorin. Wenn man fair urteilt, muss man anerkennen, dass sich die Universitätsleitung auf Kritik und Klagen nicht taub stellt, schon gar nicht bei Verbesserungsvorschlägen. Also muss man sich dort artikulieren.
Die Besetzer wären gut beraten gewesen, sich nicht durch basisdemokratische Modelle, die ins Unverbindliche führen, ins strategische Abseits zu manövrieren. Wer sich – wie im Besetzerplenum am Mittwochabend – in Details über einen „Antrag auf Abstimmung, ob eine verbindliche Abstimmung getroffen werden kann“ verliert, muss sich nicht wundern, wenn am Ende sogar der geduldige Diskussionsleiter verzweifelt ausruft: „Kommilitonen, ich find‘s megaschwer, ich weiß nicht, wie weiter- machen.“ Mit Recht mahnte hier der Rektor Verbindlichkeit an.
Er wiederum schadete seinem Dialog-Anliegen, weil er bei der Begründung der Räumung die im Kupferbau angesagte Partynacht des SWR 3 nannte und betonte, dass deren eventuelle Verhinderung „zu erheblichen Schadensersatzforderungen an die Universität geführt hätte“. Wäre es so gekommen? Der Südwestrundfunk weist dies zurück (siehe Tagesspruch). Zwischen Uni und Sender habe es während der Besetzung nicht einmal einen Kontakt gegeben. Schade. Daraus hätte sich ein Ansatzpunkt für einen konstruktiven Dialog mit dem SWR ergeben können.