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Kulturwissenschaftler Gottfried Korff über Schokomärkte, Museums-Wildwuchs und das Hauptstadt-Leben

Nicht auch noch ein Uhland-Museum

Am Nikolaustag feierte das Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschaft den 70. Geburtstag seines ehemaligen Institutsleiters Gottfried Korff – verspätet zwar, aber mit gewichtiger Festschrift. Das TAGBLATT traf ihn vor der Feier.

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Angelika Brieschke

Tübingen. Als Gottfried Korff zur nachgeholten Institutsfeier zu seinem 70. Geburtstag aus Berlin anreiste, war das wie eine Punktlandung. Der Kulturwissenschaftler, der schon immer eine deutliche Meinung zu neu erfundenen Events wie Schokoladenmärkten oder Fasnetsumzügen in evangelischen Städten hatte, traf in Tübingen ein, als die Chocolart in vollem Gange war. Korff erzählte dann auch gleich mit leichter Ironie, dass seine Frau schon im Flugzeug gesagt hatte: „Hoffentlich ist nicht wieder irgendein Markt in Tübingen.“

Mit dem Uhland-Museum wird‘s ohnehin nichts. Da muss sich Uhland mit einer Statistenrolle im ... Mit dem Uhland-Museum wird‘s ohnehin nichts. Da muss sich Uhland mit einer Statistenrolle im vorweihnachtlichen Massenspektakel abfinden. Immer kommerzieller und beliebiger werden städtische Feste und Events, kritisiert der langjährige Leiter des Ludwig-Uhland-Instituts, Gottfried Korff. Archivbilder: Sommer

Dass städtische Feste sich hin zu Events verändern, die immer beliebiger und vor allem kommerzieller werden, ist für den ehemaligen Professor des Ludwig-Uhland-Instituts schon lange offensichtlich. Aber dass „es so schlimm werden würde“, habe er sich nicht vorgestellt. Und meint damit vor allem auch die rasch wachsende Anzahl dieser Events.

Gottfried Korff Gottfried Korff

„Urbane Festkultur“ war nur einer von Korffs vielen Schwerpunkten während seiner langjährigen Tätigkeit als Professor für Empirische Kulturwissenschaft (EKW). Im Mittelpunkt seines Schaffens standen „Museumsdinge“. Genau so heißt auch die Anthologie zu seinem 60. Geburtstag.Trotzdem wünscht sich Korff keineswegs noch mehr Museen, auch kein Ludwig-Uhland-Museum in Tübingen. Der schwäbische Dichter, der in Tübingen geboren und gestorben ist, hat auch den größten Teil seines Lebens hier verbracht. Da braucht es eigentlich kein Jubiläum, wie dieses Jahr der 150. Todestag, um über eine museale Würdigung nach zu denken.

Es gebe nichts, was gezeigt werden könne, bemerkt Korff dazu knapp. Und findet, dass der literarische Nachlass von Uhland im Deutschen Literaturarchiv in Marbach bestens aufgehoben ist. Dass es keine „dingliche Hinterlassenschaft“ von Ludwig Uhland gibt, weiß der Kulturwissenschaftler aus eigener Forschung. Denn selbstverständlich habe sich das Ludwig-Uhland-Institut immer wieder mit seinem Namensgeber beschäftigt. Vor 25 Jahren zum Beispiel, zum 200. Geburtstag des Dichters, gab Gottfried Korff auf Wunsch des damaligen Universitätspräsidenten Adolf Theis einen Kalender zu Uhland heraus. Und an der Studium-Generale-Vorlesung zu Uhland im Sommersemester 1987 waren mehrere EKW-Lehrende beteiligt. Natürlich auch Gottfried Korff.

Ganz nebenbei erzählt er dann auch, wie es zu dem Namen für das Volkskunde-Institut kam: Carlo Schmid war’s! Der deutsche Politiker, der maßgeblich an der Wiedereröffnung der Tübinger Universität nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt war, wollte für das Institut, das sich mit Kultur und Lebensweise des Volkes befasst, einen würdigen Namen. Da war Ludwig Uhland als aufrechter Demokrat mehr als geeignet, war er doch auch in Frankreich sehr populär. Grundsätzlich ist Gottfried Korff der Meinung, dass man gar keine neuen Museen brauche. Besser wäre es, die bestehenden „gut zu behandeln“, sie also finanziell gut auszustatten, damit sie vernünftige Arbeit machen können.Der Südwesten Deutschlands sei mit Museen mehr als ausreichend bestückt: Er gilt als die museumsreichste Region in Deutschland. Wenn nicht gar in Europa, wie Korff ausgerechnet hat. In Baden-Württemberg gibt es genauso viele Museen wie Gemeinden. Und obwohl Korff selbst als einer der wichtigsten Protagonisten des Museumsbooms gilt, hat er eben diesen „Wildwuchs“ schon immer kritisiert. Vergeblich, wie er selber nüchtern zugibt.

Ähnlich zwiespältig sieht Korff auch auf die Fasnetsforschung am Institut. Zwar hat er selbst prognostiziert, dass es solche Events wie Fasnachtsumzüge in Städten ohne entsprechende Tradition mehr und mehr geben wird. Aber er befürchtet, dass er das Thema „analytisch nicht in der Griff“ bekommen hat.

Als Museumsexperte war und ist Korff auch nach seiner Emeritierung gefragt. In Berlin, wo er seitdem wohnt, war er fünf Jahre lang als Kurator für den Hauptstadtkulturfonds berufen. Dieser Fonds, der kulturelle und künstlerische Projekte Berlins fördert, wird von Experten beraten, die aus verschiedensten Bereichen kommen, wie zum Beispiel Theater, Philharmonie oder eben Museum. Korff denkt sehr gerne an diese Tätigkeit zurück: „Der Kulturbegriff war da sehr breit gefächert. Und vor allem die Streitkultur habe ich sehr genossen.“ Ein Schauspieldirektor knallt schon auch mal eine Tür zu.

Überhaupt fühlt sich Korff, der 34 Jahre lang in Tübingen gelebt hat, sehr wohl in Berlin, auch wenn er leicht irritiert feststellen musste, dass dort „niemand Tübingen kennt“. Selbstironisch bemerkt er, dass man als Tübinger ja grundsätzlich der Meinung sei, alle Welt kenne diese Stadt. Seine Erfahrungen in Berlin sind da anders. Das mag man ihm allerdings fast nicht glauben, denn während er erzählt, fallen ununterbrochen Namen ehemaliger Tübinger/innen, die in Berlin wohnen: zum Beispiel Brigitte Russ-Scherer (ehemalige Oberbürgermeisterin), Adolf Theis (ehemaliger Uni-Präsident) oder Christoph Müller (ehemaliger Chefredakteur des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs). Ganz zum Schluss gibt Gottfried Korff doch zu, dass auch die Hauptstadt so kuschelig-kitschig sein könnte wie Tübingen: „Eine Chocolart wäre auch in Berlin möglich. Schließlich gibt’s da 47 Weihnachtsmärkte.“

Wissenschaftler und Ausstellungsmacher
Gottfried Korff, geboren am 9. Mai 1942 in Düsseldorf, studierte Geschichte, Ethnologie und Kunstgeschichte in Köln, Bonn und Tübingen. Danach war er an Museen in Bonn und Berlin tätig. Von 1978 bis 1982 wirkte er als Generalsekretär der großen Preußenausstellung im Berliner Gropiusbau. Von 1982 bis zu seiner Emeritierung 2007 war Gottfried Korff Professor für Empirische Kulturwissenschaft/Volkskunde an der Universität Tübingen am Ludwig-Uhland-Institut (LUI).
Korff ist vor allem durch seine Groß- Ausstellungen bekannt: „Berlin, Berlin“ (Gropiusbau Berlin, 1987), „Feuer und Flamme“ (Gasometer Oberhausen, 1994), „mittendrin. Sachsen-Anhalt in der Geschichte“ (Kraftwerk Vockerode Dessau, 1998) und „Sonne, Mond und Sterne“ (Zeche Zollverein Essen, 1999). Die Festschrift zu seinem 70. Geburtstag, die auch der Grund für die Institutsfeier war, heißt „Simplizität und Sinnfälligkeit“. Darin sind 28 Aufsätze Korffs aus vier Jahrzehnten zu Bräuchen, Ritualen der Moderne, Erinnerungskultur, Volkskunst, Dingen, Ost und West und Berlin versammelt.


12.12.2012 - 08:30 Uhr

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