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Text trägt Theologie

Karl-Josef Kuschel hielt seine Abschiedsvorlesung

Eine Zäsur, noch kein Abschied – doch lag im übervollen Tübinger Kupferbau-Hörsaal Wehmut in der Luft, als Prof. Karl-Josef Kuschel seine letzte Vorlesung vor der Emeritierung hielt. Er bündelte seine theologischen Themen anhand der literarischen Texte, die ihn bewegt haben.

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Fabian Ziehe

Das Klopfen Hunderter Knöchel hebt an zum Rumoren: Karl-Josef Kuschel kommt herein. Den Kopf leicht gesenkt geht er die Reihen hinab, drückt vorne in der ersten Bank seinen Mentor Prof. Hans Küng, bevor er sich neben ihn setzt. Das hier am Mittwoch im Kupferbau-Hörsaal ist keine normale Abschiedsvorlesung: Es ist eine Verbeugung des Redners vor dem Publikum. Und umgekehrt.

Karl-Josef Kuschel spricht bei seiner Abschiedsvorlesung vor vollen Rängen. Unter den Zuhörern ... Karl-Josef Kuschel spricht bei seiner Abschiedsvorlesung vor vollen Rängen. Unter den Zuhörern links vorne lauscht dem Vortrag auch Inge Jens, deren Mann Walter Jens neben Hans Küng Kuschels Doktorvater ist. Bild: Ziehe

Manche sitzen im Gang, manche lehnen an der Wand. Auch in einen zweiten Hörsaal wird Kuschels Abschiedsvorlesung übertragen. Prof. Andreas Odenthal, Dekan der katholisch-theologischen Fakultät, spricht vom „großartigen Erbe“, das Kuschel hinterlässt: „Wir sind dankbar für deine spezielle Art der Theologie.“ 1969 kam Kuschel als Student nach Tübingen, seit 1995 lehrte er als Professor. Eine lange, bewegte Zeit.

„Kuschel, ja, Kuschel“, melde er sich am Telefon, gefolgt von: „Machen Sie es kurz, ich schreibe ein Buch.“ So berichtet es Prof. Bernd Jochen Hilberath, Direktor des Instituts für ökumenische und interreligiöse Forschung. Einen Mangel an Zeit, doch keinen an Ideen attestierte er dem Kollegen. Da ihm diese nicht ausgegangen sind, will Kuschel weiter Vorlesungen halten, auch fürs Studium Generale.

Das freut die Zuhörer, die jede Ehrung mit Klopfen unterstreichen. Die ausgelegten Handouts sind längst vergriffen – treue Zuhörer sammeln sie mit ihren Notizen. Die Vorlesungen des künftigen Emeritus haben Kultstatus.

Von „Kuschel-Verehrern“ spricht Prorektor Prof. Heinz-Dieter Assmann. Ein breit gefächertes Publikum besuche Kuschels Vorlesungen, von jungen Studenten bis zu Zuhörern, „die Abraham noch persönlich gekannt haben“. Kuschel sei ein „Aushängeschild“ der Uni, der trotz aller Lockrufe Tübingen treu geblieben ist. An der Stadt muss das nicht unbedingt gelegen haben: „Wer aus Bochum kommt, dem gefällt es überall“, witzelt Assmann.

Kein Abschied, sondern ein Dank

Es waren zuvorderst die Doktorväter Hans Küng und Walter Jens als Mentoren und Weggefährten. Seine „prägenden akademischen Lehrer“, nennt sie Kuschel. Für ihn ist es kein Abend des Abschieds, sondern des Dankes. An die Kollegen und Mitarbeiter des Instituts für ökumenische und interreligiöse Forschung und jenen des Weltethos-Instituts, an die Kooperationspartner etwa von den Islamwissenschaften, an seine „kleine Familie“.

Ein Abend, an dem der 64-Jährige die Dichter ehrt, die ihn begleitet und seine Arbeit kontrastiert haben. Literatur habe ihn mitgerissen durch „geistige Energie und ästhetische Schönheit“. Am Anfang standen die faustischen Angriffe auf den Glauben, die ihn als Schüler herausforderten. Als Student in Bochum, dann in Tübingen zwangen ihn Texte von Goethe und Camus sowie die Ideen Feuerbachs, sich mit Religion als Wissenschaft zu beschäftigen. Kuschels Fazit: „Auf rationaler Ebene sind weder Atheismus noch Gottesglaube beweisbar. Aber für beides gibt es gute Gründe.“

Schon in seiner Promotion von 1977 beschäftigte er sich mit den Jesus-Figuren in der Gegenwartsliteratur, etwa bei Hemingway und Huchel. Was zur Theodizee-Frage überleitete – und zur Rebellion: Das Anklagen Gottes sei alttestamentarisch üblich gewesen, dann aber verschwand es aus der Glaubenspraxis. Bei Heine und Hildesheimer entdeckte Kuschel es wieder.

Die Sprache als Schlüssel zu Gott

Auch für die Themen seines jüngeren Schaffens – ihn beschäftigten die Weltreligionen und das Weltgewissen – fand Kuschel Text-Anregungen. Die Literatur eröffnete ihm stets neue Zugänge zu theologischen Fragen. „Von Gott kann man nicht sprechen, wenn man nicht weiß, was Sprache ist“, sagt Kuschel.

Am Ende des Vortrags erklingt wieder das Rumoren wie zu Beginn. Ein Klopfen, das in Rauschen übergeht: Stehend applaudieren die Zuhörer. Kuschel steht da, den Kopf leicht gesenkt. Und lächelt.

08.02.2013 - 08:30 Uhr | geändert: 08.02.2013 - 16:44 Uhr

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