Gründungsfeier der organisierten Medienwissenschaft
Die Tübinger Universität hat ein neues Institut mit vier Lehrstühlen und sichtbarem Rückhalt auch in der Studentenschaft. Zur Gründungsfeier war der Festsaal in der Neuen Aula voll besetzt.
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Hans-Joachim Lang
Tübingen. Die Ouvertüre setzte eine „Harmoniemusik“ zur „Entführung aus dem Serail“, vorgetragen vom Tübinger Bläseroktett. Die nächsten Sätze folgten verbal und weniger beschwingt: drei mittellange Grußworte, eine Einführungsansprache, drei akademische Antrittsreden.
„Normalerweise beginne ich mit dem Beginn meiner Rede“, sagte Rektor Bernd Engler anfangs geheimnisvoll. Dekan Jürgen Leonhardts erster Satz bezog sich darauf, dass das neue Institut für Medienwissenschaft nicht aus dem Nichts entstanden sei. Geschäftsführender Direktor Bernhard Pörksen hub damit an, dass am Dienstag erst 27 Anmeldungen für die Feier vorlagen. „Die Medienwissenschaft befasst sich mit vielen Dingen, die uns offenkundig sind“, stimmte Jürg Häusermann ein, der bereits altgediente Professor für Medienanalyse.
„Ich freue mich außerordentlich darüber, dass ich heute hier stehe“, bekannte vorweg Susanne Marschall, erste Antrittsrednerin und Professorin mit dem Schwerpunkt Audiovisuelle Medien, Film- und Fernsehen. Bernhard Pörksen übernahm als zweiter den Stab der Antrittsreden mit einem Mut machenden: „Ich hoffe, Sie können noch!“ Mit dem Anfangsbuchstaben „Z“ im Nachnamen hatte Guido Zurstiege den Schwarzen Peter des letzten Antrittsredners gezogen. Der Professor für Empirische Medienforschung brach zunächst eine Lanze gegen Gewohnheiten: „Das Ende werde ich an den Anfang stellen, erst kommt mein Dank, dann der Vortrag.“
Freude und Motivation
Gewaltige Wortsalven wurden auf das geduldige Auditorium gefeuert, erstaunlicherweise nur Worte, obwohl die Medien-Professoren nicht nur in ihren Schwerpunkten Visuelles erforschen. Und sie redeten nicht, sondern sie lasen vor. Und wie schnell sie vorlesen konnten! Leider.
Freude über den Gründungsakt und hohe Motivation war allen anzumerken. Freude auch darüber, dass so viele gekommen waren wie sonst selten bei akademischen Ereignissen, zumal wenn Erscheinen nicht Pflicht ist. Für Rektor Engler war dies Anlass, nicht mit dem geplanten Beginn seiner Rede anzufangen, sondern mit einem Jauchzer angesichts des vollen Saals.
Engler wie Leonhardt beschrieben die Chronologie des neuen Instituts, dem Vorlesungen, Seminare und Forschungsprojekte des Linguisten Erich Straßner bereits in den 1970er Jahren vorausgegangen sind. Es folgten ein Studiengang und die ersten Professuren, vielfältige Verbindungen mit anderen Fächern. Weil die Universität in ihrer strategischen Ausbauplanung einen Schwerpunkt auf die Medien legt, kamen weitere Professuren dazu, zur Institutsgründung im vergangenen Herbst waren es bereits vier Lehrstühle, ein fünfter soll zum kommenden Herbst besetzt werden.
Der Geschäftsführende Direktor Bernhard Pörksen präsentierte das Institut als eine Anregungsarena, um spezialisierungsfähige Generalisten auszubilden. Die Lehrstühle sind eng vernetzt, deren Inhaber weniger Harmoniker als vielmehr Reibungstheoretiker. Wie der französische Schriftsteller Raymond Queneau in seinem Buch „Stilübungen“ eine fiktive Begebenheit in 99 stilistischen Variationen wiedergibt, so experimentierfreudig und breit gefächert muss man sich laut Pörksen das Institutsprogramm vorstellen.
Kleine Werkstattberichte lieferten die drei neuen Professoren in ihren Antrittsreden. Susanne Marschall („Kunst – Kino – Kommerz – Quo vadis Filmtheorie?“) zog mit vielen selten gehörten Fachtermini Verbindungen zwischen aktueller Filmästhetik und der Universalpoesie der Frühromantiker, wie sie Friedrich Schlegel vor über 200 Jahren formulierte. Bernhard Pörksen beschrieb („Enthüllung und Empörung im digitalen Zeitalter“) eine „radikale Demokratisierung der Enthüllungspraxis“ durch neueste Medien, als deren Intitiatoren nicht die professionellen Gatekeeper (Journalisten) auftreten.
Ein weites Feld für die Medienwissenschaft. Guido Zurstiege („Die zwei Kulturen – Theorie und Praxis der Werbeforschung“) widmete seinen Beitrag Ernst Dichter, dem „Erfinder der Motivforschung im Dienste der Werbung“. Zurstieges Forschungen kreisen um die Frage, wie kreative Entscheidungen in der kommunikativ hochgradig komplexen Arbeitsumwelt von Werbeagenturen zu Stande kommen.