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War er Antisemit? Sympathisant der Nationalsozialisten?

Eschenburg, das Dritte Reich und die Juden

Spurensuche in Berlin: Theodor Eschenburg, nach dem Krieg der erste Lehrstuhlinhaber für Politikwissenschaft an der Tübinger Eberhard-Karls-Universität, kam kürzlich bei einem deutschlandweiten Kongress seiner Fachkollegen in Verruf. Anlass ist ein Aktenfund im Bundesarchiv, der für das Jahr 1938 seine Beteiligung als Wirtschaftsvertreter an einem „Arisierungsverfahren“ belegt.

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Von Hans-Joachim Lang

Das Leben Theodor Eschenburgs umspannte fast das gesamte vorige Jahrhundert, einschließlich dreier politischer Systemwechsel. Während des Kaiserreichs am 24. Oktober 1904 in Kiel geboren, durchlebte er republikanische Studien- und erste Berufsjahre in Tübingen und Berlin, die Zeit der NS-Diktatur verbrachte er als Syndikus mittelständischer Industrieverbände ebenfalls in Berlin, in Tübingen fungierte er nach der Befreiung zunächst als Ministerialbeamter in Württemberg-Hohenzollern, danach als Professor und Inhaber des hiesigen Lehrstuhls für Politikwissenschaft. Gerühmt, mit höchsten Orden ausgezeichnet, starb der Tübinger Ehrenbürger am 10. Juli 1999.

Theodor Escheburg Theodor Eschenburg. War er ein Antisemit? Ein Sympathisant der Nationalsozialisten? Archivbild: Heiss

Auf Theodor Eschenburgs späte Karriere als Politikwissenschaftler hatte über vier Jahrzehnte hinweg nichts hingedeutet. Er selbst, ein studierter Historiker mit staatsrechtlicher Zusatzqualifikation, sah sich zunächst auf dem Weg zu einem Berufspolitiker, ganz auf Linie mit seinen großbürgerlichen Lübecker Vorfahren, von denen zahlreiche Vertreter, zuletzt sein Großvater, als Ratsherren und Bürgermeister amtierten.

Im Gegensatz zu seinem Vater, einem Seeoffizier der Kaiserlichen Marine, der auch nach der Revolution der Monarchie ergeben blieb, begann der Student, sich für die Republik zu positionieren. Schon früh hatte ihm Außenminister Gustav Stresemanns Politik eines Ausgleichs mit Frankreich eingeleuchtet, während der Recherchen für seine Doktorarbeit über die Parteiengeschichte des frühen 20. Jahrhunderts lernte er den nationalliberalen Politiker der Deutschen Volkspartei (DVP) persönlich kennen und wurde auch Parteimitglied.

Intensiver Kontakt zu Stresemann

Stresemann half dem Doktoranden bei der Quellensuche, vertiefte sich mit ihm ins Thema, schrieb ihm für die 1929 gedruckte Fassung sogar ein Vorwort. „Ich fühlte mich, als hätte ich den Ritterschlag erhalten“, erinnerte sich Theodor Eschenburg mehr als ein halbes Jahrhundert später.

Diese Nobilitierung des jungen Akademikers durch den Friedensnobelpreisträger von 1926 wurde bis in höchste politische und gesellschaftliche Kreise Berlins registriert. Sein Kontakt zu Stresemann intensivierte sich und erweiterte sein Netzwerk zum Vorteil für die Karriereplanung. Mit Gleichgesinnten gründete er einen politischen Club, die „Quiriten“: etwa zwanzig bis dreißig Leute, zumeist am Anfang der Berufslaufbahn. „Die parteiliche Spannweite reichte von linken Deutschnationalen bis zur Mitte der SPD“, schrieb Eschenburg in seinen Memoiren. Alle ein, zwei Monate traf sich der Zirkel in einer Weinstube zum Abendessen und lud dazu mehr oder weniger prominente Gäste zum Vortrag ein.

Einer der ersten, die zusagten, war Stresemann. „Die Anteilnahme und mehr und mehr auch die Beteiligung an der Politik haben mein Denken und Handeln damals weitgehend bestimmt“, schreibt Eschenburg, er empfand die Zeit als „ungeheuer aufregend, atemberaubend und spannungsreich“, immer auch von „Erwartungen und Spekulationen“ unterlegt, „worauf das alles hinauslaufe“.

Theodor Eschenburg mit Außenminister Gustav Stresemann (rechts) und dem Gesandten Ulrich Rauscher (links) 1929 in Heidelberg. Theodor Eschenburg mit Außenminister Gustav Stresemann (rechts) und dem Gesandten Ulrich Rauscher (links) 1929 in Heidelberg. Privatbild

Doch am 3. Oktober 1929 starb der Außenminister, erst 51 Jahre alt, an einem Schlaganfall. Nachdem die von Hermann Müller (SPD) geführte Große Koalition gescheitert war, ließ sich Eschenburg im Sommer 1930 als Mitglied der neu gegründeten Deutschen Staatspartei gewinnen, für die er, ebenso wie Theodor Heuss, als Reichstagskandidat Wahlkampf machte. Doch im Gegensatz zu Heuss ohne Erfolg. Die großen Gewinner waren die Nationalsozialisten, die ihre Abgeordnetenzahl von zwölf auf 107 erhöhten und hinter der SPD als zweitstärkste Fraktion einrückten. Heinrich Brünings Minderheitsregierung, die sich nur noch mit Notverordnungen halten konnte, leitete den Abgesang der Demokratie ein.

Fortan hielt sich Eschenburg aus der Parteipolitik heraus. Er hatte im November 1929 ein Angebot der Spitzenorganisation der Maschinenbauindustrie erhalten und die Stelle eines politischen Referenten in deren Grundsatzabteilung angenommen. Alexander Rüstow, der heute zu den Ideengebern der Sozialen Marktwirtschaft gezählt wird, hatte ihn angeworben. 1931 stieg Eschenburg zum Geschäftsführer eines „Bundes für freie Wirtschaftspolitik“ auf, in dem liberal eingestellte Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer Konzepte für mehr Marktfreiheit und freien Außenhandel entwickelten und dafür warben. Solche Vorstellungen entsprachen weder der deutschen Schwerindustrie noch den Nationalsozialisten, beide forderten wirtschaftliche Autarkie.

Die Präsidialkabinette setzten sich fort, auf Brüning folgte Franz von Papen, als letzter scheiterte Kurt von Schleicher. Schließlich delegierte Reichspräsident Hindenburg die Macht an Hitler – eine Konstellation, die Eschenburg zunächst nicht für möglich gehalten, dann als eine vorübergehende Fortführung der zahlreichen Regierungswechsel gesehen hatte. Bis der Reichstag brannte. Und mit der am 28. Februar 1933 unmittelbar folgenden Verordnung „zum Schutz von Volk und Staat“ die Bürgerrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt wurden. Der Bund für freie Wirtschaftspolitik begann sich aufzulösen, für seinen Geschäftsführer zeichnete sich Arbeitslosigkeit ab. Zu seinem großen Glück öffnete sich gerade noch rechtzeitig eine neue Tür. Sie führte in das Büro eines Kartells von Verbänden der Kleinindustrie.

Alle Reisepässe mit rotem „J“ gestempelt

Mit Theodor Eschenburgs Verhalten in der NS-Zeit setzt sich ein für die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) ausgearbeitetes Gutachten auseinander. Es kommt zu dem Ergebnis, „dass er von 1933 bis 1945 als industrieller Geschäftsführer reibungslos funktioniert hat und offenbar keine Schwierigkeiten hatte, sich den Erfordernissen der NS-Diktatur anzupassen“. Eschenburg müsse im weitesten Sinne als Mitläufer des NS-Regimes betrachtet werden. Ausgangspunkt ist ein gegen den jüdischen Unternehmer Dr. Wilhelm Fischbein gerichtetes Enteignungsverfahren, in der Terminologie der Nazis „Arisierung“ genannt. Fischbein besaß mit seinem Bruder Bernhard in Köln eine Firma, die bereits 1936 „arisiert“ wurde. Danach war er als Inhaber geführt, das Unternehmen firmierte als „Wilhelm Runge und Co“.

Mit spitzen Fingern ging das Reichswirtschaftsministerium 1938 gegen ein weiteres Fischbein-Unternehmen vor, die Lozalith AG, die Kunststoffprodukte herstellte. Weil dort Fragen des Exports betroffen waren, eine englische Bankengruppe in die Firma investiert hatte und internationale Patente eine Rolle spielten, konnten die „Arisierer“ nicht völlig nach Belieben verfahren. Für ihre Überlegungen zogen sie Theodor Eschenburg hinzu. Entscheidungsbefugnisse hatte er keine. Überliefert wird in Gesprächsprotokollen des Wirtschaftsministeriums, er habe sich am 1. November 1938 dagegen ausgesprochen, dass Fischbein seinen Pass zurückerhalte.

Alle Reisepässe deutscher Juden waren am 5. Oktober 1938 für ungültig erklärt worden. Ihre Inhaber wurden verpflichtet, sie der Passbehörde innerhalb von zwei Wochen einzureichen, die dann ein großes rotes „J“ hineinstempelte. Ohne Pass wäre für Fischbein, der emigrieren wollte, die legale Ausreise nicht möglich gewesen.

Am 4. November 1938, geht aus den Akten hervor, revidierte Eschenburg seine drei Tage zuvor gegebene Empfehlung: gegen Fischbeins Ausreise habe er keine Einwände.

Eigene Schwächen und Ängste

In dem kurz nach Eschenburgs Tod erschienenen zweiten Teil seiner Memoiren, die mit dem Dritten Reich einsetzen, fehlt diese Episode. Die anekdotenreiche Erzählung hoppelt ohnehin über vieles hinweg, das zum besseren Verständnis wichtig gewesen wäre. Überzeugend wirken dagegen jene Passagen, in denen der Autor über eigene Schwächen, auch Ängste vor dem Terror der Nazis, Rechenschaft ablegt und Auskunft gibt über erwartete und voreilig gegebene Anpassungsleistungen.

Liest man, geschärft durch die Lektüre des DVPW-Gutachtens, nochmals in den Eschenburg-Memoiren, weil man sich über das Jahr 1938 weitere Aufschlüsse erhofft, lässt einen die Stelle innehalten, wo der Autor mitteilt, dass er „eine anmutige Villa erworben“ habe, zweigeschossig, mit acht Zimmern und Garten. „Sie lag in Zehlendorf, am Böckelweg, einer Sackgasse.“ Das wollten wir nun genauer wissen. Die Berliner Adressbücher der Jahrgänge 1938 und 1939 bezeichneten einen Rechtsanwalt Dr. E. Wolff als Villen-Eigentümer, erst 1940 steht an der Stelle Theodor Eschenburg. Im Adressbuch von 1940 findet man, Verwechslungen sind ausgeschlossen, Wolff als Eigentümer eines Anwesens in der Parallelstraße aufgeführt, dort mit dem eingeklammerten Zusatz: „England“.

Theodor Eschenburg (mit Hut) 1964 mit seiner Familie vor der Villa in Berlin-Zehlendorf, die er 1938 Ernst Wolff abkaufte. Theodor Eschenburg (mit Hut) 1964 mit seiner Familie vor der Villa in Berlin-Zehlendorf, die er 1938 Ernst Wolff abkaufte. Privatbild

Diese Adressangaben gewinnen eine gewisse Dramatik, liest man sie in Akten des Berliner Entschädigungsamtes in Verbindung mit einer Aufstellung, die ein Rechtsanwalt Georg Maier im Juni 1942 für den Berliner Oberfinanzpräsidenten erstellte: „Dr. Ernst Israel Wolff, letzte inländische Wohnung: Bln Zehlendorf, Böckelweg“. Daraus lässt sich kombinieren, dass Theodor Eschenburg seine „anmutige Villa“ von einem jüdischen Rechtsanwalt erworben hat, der vermutlich 1939 nach England emigrierte. Zieht man nun noch das oben angeführte „Arisierungsverfahren“ gegen Wilhelm Fischbein heran, keimt ein bald an Gewissheit grenzender Verdacht auf, wie das noble Haus in Eschenburgs Besitz gekommen sein könnte.

Ernst Wolff, 1877 in Berlin geboren, zählte Ende der 1920er Jahre zu den bedeutendsten Berliner Anwälten, von 1929 bis zum Machtantritt der Nazis war er Präsident der Berliner Rechtsanwaltskammer und Vorsitzender der Vereinigung der Vorstände der deutschen Anwaltskammern. Seine Kanzlei residierte an prominenter Adresse: am Pariser Platz 1, unmittelbar am Brandenburger Tor. Wolffs Mutter Therese von Simson war die Tochter Eduard von Simsons, des ersten Präsidenten des Reichsgerichts. Ihr Bruder August hatte die Sozietät gegründet, dessen Sohn Robert führte sie weiter, unter anderen Kollegen mit seinem Bruder Walter und seinen Vettern Ernst und Bernhard Wolff. Alle aus jüdischen Familien großbürgerlicher Herkunft, die sich im Berlin des 19. Jahrhunderts assimiliert hatten.

Unmittelbar nach ihrem Machtantritt hatten die Nationalsozialisten den protestantisch getauften Wolff wegen seiner jüdischen Abstammung als Kammerpräsident abgesetzt, 1935 als Notar entlassen und am 30. November 1938 die Zulassung als Anwalt entzogen. „Bei den Verfolgungen nach der Ermordung des Gesandtschaftsrats von Rath und den sich anschließenden antisemitischen Verfolgungen in Berlin war ich gewarnt worden und hielt mich einige Tage verborgen“, schrieb Wolff in einem Lebenslauf nach dem Krieg. „In dieser Zeit kamen zwei Polizeibeamte nach meinem Hause in Zehlendorf, Dessauer Weg 9 [das war der Böckelweg vor der NS-Umbenennung], um mich zu verhaften, was infolge meiner Abwesenheit misslang. Ich beschloss dann auszuwandern und siedelte, nachdem ich meinen Reisepass wiedererhalten hatte, im Januar 1939 nach London über.“

Von dem in Berlin geborenen Rechtsanwalt Georg Maier-Reimer kann man heute erfahren, wohin sich Ernst Wolff 1938 in seiner Not gewandt hatte: „Ernst Wolff und seine beiden Brüder Bernhard und Walter haben – nicht zufällig – die Pogromnacht bei meinen Eltern verbracht.“

Maier-Reimer ist der älteste Sohn der nach dem Krieg in Tübingen lebenden Landgerichtsdirektorin Hedwig Maier und des Rechtswissenschaftlers Georg Maier, eines unerschrockenen Regimegegner, der nach justizkritischen Äußerungen in der liberalen „Vossischen Zeitung“ 1934 für sechs Wochen ins KZ Sachsenhausen eingesperrt und nach weiteren herausfordernden Artikeln in der „Frankfurter Zeitung“ im Jahre 1936 Zielscheibe von zwei fast ganzseitigen Angriffen einer SS-Zeitung wurde. Er hatte daraufhin seine akademische Karriere beenden müssen und war Rechtsanwalt geworden.

„Zähne ziemlich ausgeschlagen“, berichtete Theodor Eschenburg in einem Interview, wie die SS den Juristen im KZ eingeschüchtert hatte. „Ich kannte ihn und hatte ihm auch öfter Anwaltsaufträge gebracht, einfach weil er so gescheit war.“ Eschenburg war durch Hedwig Maier auf ihn aufmerksam geworden, die er in seinem Büro als Syndica eingestellt hatte, nachdem die Nazis die junge Amtsrichterin ab April 1936 nicht mehr bei Gericht weiterbeschäftigen wollten. Berufstätige Mütter passten nicht ins ideologische Weltbild.

In der Pogromnacht untergetaucht

Eschenburg wohnte zu der Zeit noch in einem Mehrfamilienhaus in der Parallelstraße des Böckelwegs, das ebenfalls Ernst Wolff gehörte. Dessen Bruder Bernhard war mit einer Schwester Hedwig Maiers verheiratet, was zugleich erklärt, warum die Brüder Wolff im November 1938 bei den Maiers Unterschlupf fanden – und Eschenburg über alle Einzelheiten unterrichtet war. Dies übrigens genau zu der Zeit, als das gegen Wilhelm Fischbein angestrengte „Arisierungsverfahren“ lief. Nachvollziehbar also, dass sich Eschenburg gegenüber Wolff in jeder Hinsicht korrekt verhielt. „Ich hatte von dem (. . .) Rechtsanwalt Wolff ein Haus gekauft, ganz ordnungsgemäß, ohne einen Pfennig zu drücken“, bekundete Eschenburg in einem Interview, dessen Wahrheitsgehalt Georg Maier-Reimer jetzt bestätigt. Jenes Interview durch Jobst Siedler und Joachim Fest diente als Grundlage für die Memoiren und befindet sich als Abschrift im Tübinger Universitätsarchiv.

Nach der Befreiung kam Ernst Wolff, ebenso wie sein Bruder Bernhard, aus der Emigration nach Deutschland zurück, wo ihn die Briten in ihrer Zone als Präsidenten des Obersten Gerichtshofs einsetzten. Er lebte in Köln, starb 1959 in Tübingen und wurde auf dem Bergfriedhof in einem Grab beigesetzt. Bernhard Wolff – zuletzt in Karlsruhe Bundesverfassungsrichter – folgte ihm 1966 und 2006 die im Alter von 101 Jahren gestorbene Hedwig Maier. Sie alle blieben mit Eschenburg zeitlebens verbunden und nahe auch über den Tod hinaus: Sein Grab ist nur zwei Meter entfernt.

Quasi als „arisches“ Aushängeschild

Eigenartigerweise wird weder im DVPW-Gutachten noch in den anderen in jüngster Zeit entstandenen Publikationen über Eschenburg dessen 1933 in der Kreuzberger Zimmerstraße bezogenes Büro näher beschrieben. Als „Verbandsbüro Dr. Eschenburg & Dr. Cohn, Geschäftsführung wirtschaftlicher Verbände“ firmiert es im Berliner Adressbuch von 1935. Rechtsanwalt Berthold Cohn war Jude und hatte mit dem Rechtsanwalt Dr. Erwin Michel, ebenfalls Jude, als wirtschaftliche und juristische Betreuer die „Kartellverwaltung Dr. Michel & Dr. Cohn“ gegründet. Wie Cohn in einem Lebenslauf schreibt, wurde Michel nach der Machtübernahme der Nazis verhaftet und im zweiten Quartal 1933 gezwungen, aus der Sozietät auszuscheiden. Michel emigrierte sofort nach Großbritannien.

Berthold Cohn, Sozius von Theodor Eschenburg Berthold Cohn, Sozius von Theodor Eschenburg Archivbild

Cohn, der im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft hatte, durfte einstweilen noch berufstätig bleiben. Auf Empfehlung eines in seinem Büro beschäftigten jüdischen Mitarbeiters, der in Eschenburgs „Quiriten“-Club Mitglied war, fragte Cohn den liberalen Wirtschaftsfunktionär, ob er gleichberechtigter Sozius und – quasi als „arisches“ Aushängeschild, Geschäftsführer der Sozietät werden wolle. Während andere schon den Bürgersteig wechselten, um alten jüdischen Bekannten aus dem Weg zu gehen, sagte Eschenburg bedenkenlos zu.

Das politische Klima in Berlin änderte sich merklich, erkennbar nicht nur an den öffentlichen Aufmärschen, Hetzreden, Verboten, Verhaftungen, sondern auch an der Selbstzensur. Eschenburg über die Quiriten: „Erst luden wir diejenigen nicht mehr ein, die zu den Nazis übergegangen waren; denn das konnten wir unseren jüdischen Mitgliedern nicht zumuten. Dann begannen wir, politisch heikle Themen zu meiden. Als nächstes blieben, aus Angst und Rücksichtnahme, die Freunde weg, die fürchteten, uns Ungelegenheiten zu machen, Felix Gilbert zum Beispiel.“ Am Ende habe man die Juden nicht mehr eingeladen, weil man nicht auffallen wollte.

Das Büro betreute über zwanzig Verbände, etwa den Verband der Deutschen Wäscheknopfindustrie und den der Perlmuttknopffabrikanten, die Internationale Sicherheitsnadel-Union und den Internationalen Stecknadelverband, die Patenttreuhandgesellschaft der Reißverschlussfabrikanten und den Reichsverband der Batterie-Industrie. Das Büro schlichtete Streitigkeiten unter den Betrieben, überwachte Preise, Rabatte, Patentrechte und zog ausstehende Forderungen ein, weil die betreuten Kunden – kleinere und mittlere Betriebe – keine dafür spezialisierte Verwaltung hatten.

Berthold Cohn lud in sein Landhaus ein

Eschenburg blieb seinem Sozius verbunden, auch privat trafen sie sich, nicht selten in Cohns Landhaus in Papenberge an der Havel. Mulmig war ihm dennoch. Auf der Suche nach Sicherheit, kam er im Frühjahr 1934 nach Beratung mit Freunden auf die Idee, in die Motor-SS einzutreten. Am 30. Juni 1934 heiratete Eschenburg die Remstäler Fabrikantentochter Erika Kempf, die er bei Robert Kaufmann, dem Direktor der Berliner Städtischen Gas und Elek trizitätswerke kennengelernt hatte. Er war, als Jude verfolgt, inzwischen ebenso emigriert wie der vehemente Nazi-Gegner, Journalist und Stresemann-Biograph Rudolf Olden, den Eschenburg als einen seiner engsten Berliner Freunde bezeichnete.

Ernst Wolff, Präsident der Berliner Anwaltskammer Ernst Wolff, Präsident der Berliner Anwaltskammer Bild: Georg Maier

Als Trauzeugen hatte Eschenburg seinen Bruder Harald und den Verleger Ernst Rowohlt verpflichtet, Berthold Cohn lud die kleine Hochzeitsgesellschaft „zum Gabelfrühstück“ in sein Landhaus ein. Eschenburg: „Dass ein Mitglied der SS seine Hochzeitsfeier im Hause eines Juden abhielt, war sehr leichtsinnig.“ Im Spätsommer 1934 trat er aus der SS wieder aus. „Es war eine Episode, nicht sehr rühmlich, aber ich fühlte mich durch sie auch nicht sehr belastet.“

Getrübt wurde die Bürogemeinschaft mit Cohn nicht durch zwischenmenschliche Probleme, sondern durch die politischen Verhältnisse. Cohn, aktiver Zionist, wäre gerne nach Israel emigriert, wo er bereits eine Orangenplantage gekauft hatte. Stattdessen flüchtete die Familie im Januar 1936 in die USA. Gary (früher Gerhard) Behrendt, Stiefsohn Cohns, 89 Jahre alt, wohnt in Florida. Mit zwei Geschwistern und vier Stiefgeschwistern erlebte er die fluchtartige Ausreise seiner Familie und wuchs im Haus von Berthold Cohn auf, der in zweiter Ehe mit Garys Mutter, einer geborenen Pringsheim, verheiratet war. „Ich erinnere mich, dass in Berlin Eschenburgs bei uns daheim eingeladen waren. Meiner Erinnerung nach handelte es sich um anständige Leute.“ Behrendts in Kalifornien lebende 90-jährige Schwester Irene bestätigt diese Angaben.

Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“

Berthold Cohn, der in Berlin ein großes Vermögen besaß, das nach seiner Emigration beschlagnahmt wurde, kämpfte nach dem Krieg etliche Jahre lang um die Rückgabe. Hinweise auf eventuelle Forderungen gegen Eschenburg finden sich weder in den Akten des Berliner Landesarchivs noch in den Dokumenten des Berliner Entschädigungsamts.

Rudolf Olden, Journalist und Stresemann-Biograph Rudolf Olden, Journalist und Stresemann-Biograph Bild: Deutsche Nationalbibliothek

Im selben Gebäude in der Zimmerstraße, in dem das Kartellbüro logierte, hatte auch Herbert Engelsing seinen Arbeitsplatz, Jurist und Produktionsleiter bei der Filmfirma Tobis. Eschenburg bewunderte ihn für seine Schläue, mit der er alltäglichen Zumutungen begegnete. Er war mit Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ befreundet, half nach deren Verhaftung den Angehörigen. Es gelang ihm auch, was nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 nur äußerst wenige erwirken konnten: Er heiratete im November 1937 eine Frau, die nach den damaligen rassistischen Definitionen als „Halbjüdin“ klassifiziert wurde. Theodor und Erika Eschenburg waren die Trauzeugen, und 1939, nach der Geburt der Eschenburg-Tochter Christine, wurde Ingeborg Engelsing Patin. Auch mit dem Taufpaten der 1949 geborenen vierten Tochter Susanne blieben die Eschenburgs auf Linie. Es war Walter Bauer, der am NS-Widerstand beteiligt war, 1944 zum Tod verurteilt wurde und nur knapp der Hinrichtung entging.

Carl Langbehn, Engelsings Sozius und im November 1944 in Plötzensee hingerichtet, hatte etlichen verhafteten Juden zur Ausreise verholfen. Unter anderem Fritz Pringsheim, der im Oktober 1938 ins KZ eingeliefert worden war. Das DVPW-Gutachten bezeichnet Langbehn als einen der Hauptakteure in dem „Arisierungsverfahren“ gegen Fischbein. Er vertrat einen Geschäftspartner Fischbeins und handelte wahrscheinlich auch im Interesse Fischbeins, zumal er noch vor Eschenburg für die Passverlängerung plädiert – womöglich in gemeinsamer Absprache?

Wochen später in Buenos Aires

Wilhelm Fischbein, damals 34 Jahre alt, konnte schließlich am 15. Januar 1939 ausreisen. Er emigrierte nach Großbritannien und lebte fortan als William James Fischbein in London. Sein drei Jahre älterer Bruder Bernhard kam mit seiner Familie nach. Wie uns dessen in Argentinien lebende Enkelin Juliana Fischbein berichtete, reisten ihre Großeltern und deren Sohn wenige Wochen später weiter und ließen sich in Buenos Aires nieder, um dort ähnliche Produkte herzustellen wie zuvor bei der Lozalith AG. Ehemalige Beschäftigte von Wilhelm Fischbein berichten, dass ihr ehemaliger Chef etlichen Mitarbeitern zur Ausreise verhelfen konnte und dass er die Absicht hatte, die Produktion mit den jüdischen Mitgliedern der Belegschaft nach London zu verlegen. Inwieweit dies gelang, wäre noch zu erforschen.

Theodor Eschenburg hatte durch seinen Job große Bewegungsfreiheit, auch im Ausland. Jedes Jahr war er mehrfach in Europa unterwegs, gelegentlich traf er dort auch Emigranten. Das Kriegsende erlebte er in der Schweiz, wohin er im Februar 1945 reiste, um den Streit eines schwedischen und eines englischen Reißverschlussherstellers zu schlichten.


23.01.2013 - 08:30 Uhr | geändert: 23.01.2013 - 15:39 Uhr

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