Vom Universitätsrat gewählt und vom Senat bestätigt: Stefanie Gropper ist seit 1. Oktober die erste hauptamtliche Prorektorin in der Tübinger Universitätsgeschichte.
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Hans-Joachim Lang
Stefanie Gropper Bild: Sommer
Tübingen. Noch vor zwei Jahren war Freiburg die einzige Universität in Deutschland, an der ein hauptamtlicher Prorektor amtierte. Dem Beispiel folgte inzwischen eine Reihe weiterer Hochschulen, Standard ist es jedoch nicht. Die 52-jährige Skandinavistin Stefanie Gropper gehört dem Rektorat bereits seit drei Jahren an, bislang nebenamtlich für Studierende, Studium und Lehre zuständig.
„Mir macht mein Schwerpunktgebiet Spaß“, sagt die quirlige Professorin, die seit 1996 in Tübingen lehrt. Nach Ablauf ihrer ersten Amtszeit wollte sie gerne weitermachen. „Für mich war das die logische Konsequenz.“ Vieles war erst angestoßen worden und ihr Wunsch war groß, nichts Halbfertiges zurückzulassen.
Nicht nur im Kupferbau, wo Studierende derzeit aus Protest an Missständen des Bildungssystems einen Hörsaal besetzt halten, ist – im übertragenen Sinne – eine der universitären Großbaustellen zu besichtigen, mit denen Gropper befasst ist. Zu den Themen gehören außer den Studienbedingungen auch die Verwendung der Studiengebühren und die derzeitigen Studienreformen. Dass nur die wenigsten der damit verbundenen Probleme hausgemacht sind, verkleinert die Verantwortung keineswegs. Die hauptamtliche Stelle gewährt nun dafür mehr Zeit, aber auch zusätzliches Gewicht.
„Wir müssen die Kritik in ein ruhiges Fahrwasser bekommen, indem wir zeigen, dass wir die Kritik ernst nehmen und konstruktiv umsetzen“, sagt Gropper im AUDIMAX-Gespräch. Vornean steht der Bologna-Prozess, also die Vorgabe der europäischen Bildungsminister, bis 2010 ein einheitliches europäisches Hochschulsystem zu schaffen. Dessen Umsetzung hat die Universitäten in heftige Turbulenzen gebracht.
Aber wie macht man das, wenn man auch selbst ernst genommen werden möchte? „Das wichtigste Element des Bologna-Prozesses ist noch gar nicht umgesetzt“, umschreibt Gropper ihren konstruktiven Ansatzpunkt. „Es geht mir dabei um die Perspektive der Studierenden. Das heißt, dass Studiengänge so konzipiert werden müssen, dass die Studierenden ihr Studium erfolgreich absolvieren und für ihr künftiges Berufsleben einen anerkannten Abschluss erreichen können.“ Demgegenüber sei jedoch bislang die Perspektive der Lehrenden maßgebend gewesen. „Es stand eher die Frage im Vordergrund, welche von ihren Steckenpferden sie im Studiengang unterbringen konnten.“
Eine Reform aus einem Guss konnte auf diesem Weg nicht entstehen. Es sind daraus „Mosaiksteine geworden, die schlimmstenfalls nicht zusammengepasst haben“. Wo aber Studiengänge, wie beschrieben, auf Studierende ausgerichtet werden sollen, hat die viel zitierte „Freiheit der Lehre“ ihre Grenzen. Die Prorektorin gibt sich überzeugt: „Jeder mit Verantwortungsgefühl gegenüber den Studierenden wird das nicht bis zum Geht-nicht-mehr ausreizen.“ Was in den Bachelor-Studiengängen von den Studierenden verlangt werde, müsse eben auch durch regelmäßige Lehrveranstaltungen abgedeckt werden.
„Dazu gehört auch unser Qualitätsmanagement“, sagt Gropper. Zwar seien alle Fächer laut Hochschulgesetz verpflichtet, ihre Lehrveranstaltungen zu evaluieren. Aber wenn die Verfahren verschieden sind, werden die Vergleiche schief. Darum müssen standardisierte Evaluationsprogramme entwickelt werden. Eine entsprechende Satzung wurde bereits beschlossen, praktische Konsequenzen stehen auf dem Plan. Die Prorektorin wünscht sich, dass „die Qualität der Lehre genauso ernst genommen wird bei der Gesamtbewertung einer Fakultät wie die Forschung“. Ist das System der Qualitätssicherung leistungsfähig genug, kann die Hochschule hoffen, Studiengänge selbst überprüfen und anstelle des Wissenschaftsministeriums das gesamte Genehmigungsverfahren übernehmen zu können.
Es knistert erheblich im alten Gebälk der Alma Mater, überall wird umgebaut. Zu den spürbaren Veränderungen gehört die Bündelung aller Teilbereiche der Zentralen Verwaltung, die mit Studium und Lehre zu tun haben, sowie entsprechender Stabsstellen zentraler Einrichtungen in ein gemeinsames Dezernat. „Das soll auch als Signal verstanden werden, dass wir Studium und Lehre als eine Serviceeinrichtung für Studierende verstehen.“
Zu den neuen Tönen aus der Universität gehört in jüngster Zeit auch die Empfehlung, die Studiengänge für den Bachelor-Abschluss auf vier (statt drei) Jahre auszulegen. Diese Empfehlung ist bereits in einem Leitfaden ausformuliert. „Wir wollen die Fächer nicht dazu zwingen. Aber immer mehr Fächer wollen vierjährige Studiengänge einrichten, auch solche, die sich bislang vehement gesperrt haben.“
Bei allem Laisser-faire, findet die Prorektorin, muss der Blick auf dem Ganzen ruhen. Zu den Fehlentwicklungen gehören nämlich Studiengänge, die wie ein Flickenteppich unabhängig voneinander entstanden sind, am Ende aber nicht zu einem Ganzen verwoben werden konnten, weil die Schnittstellen nicht stimmten. Gropper: „Wenn ich zwei Studiengänge kombinieren will als Haupt- und Nebenfach, muss das passen.“ Tatsächlich kam es aber vor, dass etwa bei den Neuphilologen im Hauptfach 100 und im Nebenfach 60 Punkte verlangt wurden, bei den Sozialwissenschaftlern 120 beziehungsweise 40. „Das haben wir jetzt vereinheitlicht.“ Eine ähnliche Gleichstellung gilt jetzt von vornherein für alle neuen Studiengänge und solche, die überarbeitet werden müssen.“ Das werde „flächendeckend umgesetzt“, mitunter freilich zeitversetzt. „Wo ein Studiengang erst letztes Jahr in Kraft trat, kann man nicht zumuten, alles wieder umzuwursteln. Also muss es eine Übergangszeit geben.“
Aus den teils heftigen Diskussionen über den Bologna-Prozess zeigt sich für Prorektorin Gropper als grundlegende Erkenntnis: Nicht der Master- sondern der Bachelor-Abschluss sollte die Regel sein – allerdings erst nach vier Jahren. „Mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen, warum die Diskussion falsch geführt wurde.“ Die meisten hätten nämlich den Magister als Modell vor Augen und leiteten davon ab, dass der Master „das eigentlich Wertvolle“ und darum der Normalfall sein müsse.
Man sollte indes von unten her argumentieren und überlegen, was zu einem vollständigen Studium gehöre, das für einen Beruf außerhalb der Universität qualifiziert „Es zeichnet sich während des Studiums relativ bald ab, ob jemand eine wissenschaftliche Ader hat.“ Während der zwei Semester nach dem Bachelorabschluss könne dann, wer Wissenschaftler werden wolle, die Gebiete vertiefen, in denen er promovieren wolle und für die geplante Dissertation eine Vorstudie verfassen. „Der Master sollte der Einstieg in die Promotion sein.“