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Tüpfeles-Kunst von der Alb

Der Urgeschichtler Nicholas Conard präsentierte neue Superlative aus der Eiszeit

Im Hohle Fels auf der Schwäbischen Alb fand Nicholas Conards Grabungsteam schon die Venus, die weltweit älteste Menschendarstellung. Gestern präsentierte er neueste Beispiele für die älteste Malerei Mitteleuropas.

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Hans-Joachim Lang

Tübingen. „Eigentlich erwartet man nichts“, sagt der Tübinger Urgeschichtler Prof. Nicholas Conard mit der ihm eigenen Untertreibung, die das, was bei den jüngsten Grabungen in der Höhle Hohle Fels zutage kam, nur umso glanzvoller erscheinen lässt.

Nicholas Conard fasst die Eiszeitkunst nur mit Handschuh an. Unimuseumsleiter Ernst Seidl zeigt ein ... Nicholas Conard fasst die Eiszeitkunst nur mit Handschuh an. Unimuseumsleiter Ernst Seidl zeigt ein ähnliches Fundstück aus einem schon älteren Fundbericht. Bilder: Metz

Gestern Vormittag auf Hohentübingen: Der legere Professor betritt mit einem schwarzen Köfferchen das Fürstenzimmer, nimmt an einem Tisch Platz, öffnet wie ein Preziosenhändler den Kofferdeckel, holt vier helle Holzschatullen heraus und klappt auch deren Deckel hoch. Dann streift er einen weißen Baumwollhandschuh über die rechte Hand, die Kameraobjektive gehen in Stellung, und voilà: bemalte Steine.

Doppelreihen mit

rotbraunen Farbtupfen

Keine Aaahs und keine Ooohs. Was Nicholas Conard nacheinander hochhält, sieht reichlich unspektakulär aus und ist trotzdem bedeutend. Aber nur, wenn man weiß, dass man als Betrachter die bislang älteste Tradition von Malerei in Mitteleuropa vor sich sieht. Es sind Kalksteinbrocken, der größte misst 16 Zentimeter in der Länge, auf einer Seite ist in Doppelreihen rotbraune Farbe getupft. Die Malerei wurde vor 15 000 Jahren geschaffen, am Ende der letzten Eiszeit. „Diese Epoche nennt man Magdalénien“, sagt Conard, „sie ist nach dem Fundort La Madeleine in Frankreich benannt.“

Rotbraune Tupfen auf Kalksteingeröll: Ein Kunst-Stück aus der Eiszeit. Rotbraune Tupfen auf Kalksteingeröll: Ein Kunst-Stück aus der Eiszeit.

Die Steine sind nicht erst vorgestern gefunden worden, sondern jeweils zwei in den Jahren 2009 und 2010. Es waren stets studentische Grabungshelfer, die das Finderglück hatten, eine Japanerin, eine US-Amerikanerin, ein Kanadier und ein Iraner. „Sie gehören zu den besten in der internationalen Gruppe“, lobt der Chef den tüchtigen wissenschaftlichen Nachwuchs. Die kostbaren Fundstücke lagen in einigen Metern Tiefe auf Höhlenlehm inmitten von Kalkgeröll. Mit anderen Worten: mit Glück allein ist es nicht getan, ohne geschulten Blick sind die Steine, zumal wenn sie noch verdreckt sind, nicht als Kunst-Stücke zu identifizieren. „Im Sediment sehen die nach gar nichts aus“, bekräftigt Nicholas Conard.

Hinlänglich bekannt ist eiszeitliche Höhlenmalerei in Westeuropa, sie ist vor allem in Frankreich und Spanien gut dokumentiert. Im Gegensatz zu den Zeichnungen, die dort an den Wänden prangen, fanden die Tübinger Urgeschichtler auf der Alb nur Geröllstücke mit doppelreihigen Tupfen.

Hartes Klima auf der

Schwäbischen Alb

Dass in den Höhlen der Alb nicht ähnliche Wandkunst überliefert ist, führt Conard unter anderem auf die harten Klimabedingungen in der Region zurück, die zu einer kontinuierlichen Erosion und Zerstörung der Höhlenwände führten. Es gibt einen tröstlichen Ausgleich: „Es ist erstaunlich, wie gut die Farbe haftet“, sagt Conard. Man weiß sogar, woraus die Farbe besteht, denn es fanden sich an der Fundstelle auch kleine Pigmentstückchen, die vermuten ließen, dass daraus die Farbe hergestellt wurde. Die Grabungstechnikerin Maria Malina, die schon bei vielen Funden der Tübinger Urgeschichtler beteiligt war, experimentierte und weiß jetzt, dass die Künstler eine Mischung aus Hämatit und Rötel benutzten, Mineralfarben, die sie mit kalkhaltigem Wasser aus der Höhle anrührten. Mit einer Art Stempel, wahrscheinlich einem Holzstöckchen, wurde dann die Farbe auf den Stein gedrückt.

Was die vier bis sieben Millimeter großen Punkte zu bedeuten haben, gibt Rätsel auf, die mit Gewissheit nicht zu lösen sind. Sicher sei nur nur, sagt Conard: „Diese Punkte sind alles andere als ein Zufall. Ich habe aber nicht die geringste Ahnung, welche Bedeutung sie haben.“ Davon könne man dennoch ausgehen: „Sie sind von Menschenhand geschaffen und haben einen relevanten Inhalt.“

Die vier Steine, die gestern vorgezeigt wurden, sind nicht die ersten ihrer Art, die bekannt sind. Conards Team hat schon 1998 ein ähnliches Stück im Hohle Fels gefunden. Gustav Rieth, der Ausgräber des Vogelherd-Pferdchens erwähnte 1934 in seinem Fundbericht, dass er in der Vogelherd-Höhle Kalksteine mit Ockerspuren, die ins Magdalénien datiert werden können, im Altmühltal – 100 Kilometer Luftlinie entfernt – hatten Archäologen schon 1912 einen gepunkteten Stein gefunden.

Ausstellung
Am heutigen Mittwoch um 18 Uhr wird im Uni-Museum auf dem Schloss eine kleine Ausstellung eröffnet, in der die neuen Fundstücke bis zum 29. Januar jeweils mittwochs bis samstags von 10 bis 17 Uhr zu sehen sind.


09.11.2011 - 08:30 Uhr

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