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Blind für die beste Lösung

Der Psychologe Merim Bilalic erforscht mit Schachproblemen das menschliche Denken

Wer einmal eine Lösung für ein Problem gefunden hat, dessen Gehirn ruht sich gerne darauf aus. Man wird blind für die bessere Lösung. So ist es zumindest beim Schach, vermutlich auch im restlichen Leben, sagt der Psychologe Merim Bilalic.

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Angelika Bachmann
Schach eignet sich hervorragend, um Gedankenleistungen von Menschen zu untersuchen, sagt der ... Schach eignet sich hervorragend, um Gedankenleistungen von Menschen zu untersuchen, sagt der Psychologe Merim Bilalic: 32 Figuren, klare Regeln. Und aus einer einfachen Aufstellung kann sich eine ungeheure Komplexität entwickeln. Bild: Faden

Tübingen. Schach hat nicht unbedingt etwas mit Intelligenz zu tun, sagt Merim Bilalic. Besondere Begabung sei am Anfang zwar hilfreich. Aber: „Übung macht den Meister.“ Beim Schachspiel gebe es so viel zu lernen, man brauche Jahre dazu, sich die verschiedenen Varianten anzueignen. „Am Ende gibt es kaum noch eine Korrelation zwischen Intelligenz und Fähigkeiten“, sagt der 32-jährige Psychologe.

Dabei hat Bilalic jenseits der Grenze zum Großmeister ein Interessantes Phänomen aufgespürt. Das Gehirn von Durchschnitts-Spielern ruht sich gerne auf einmal gefundenen Lösungen aus. Nur den Besten, den Großmeistern gelingt es, sich aus der Gedankenroutine zu befreien. „Einstellungseffekt“ nennt Merim Bilalic dieses Problem, das er in seiner Promotion beschrieben hat. Diese Arbeit hat ihm einen Preis der britischen psychologischen Gesellschaft eingebracht. Und zudem den Wissenschaftspreis der Karpow-Schachakademie, der demnächst verliehen wird.

Bilalic hat Schachspieler unterschiedlicher Meisterschaft mit einem Schachproblem konfrontiert. Er gab ihnen eine Konstellation vor, mit der Aufgabe, das kürzeste Matt zu finden. Hatten sie einen Weg zum Matt gefunden, waren die meisten nicht mehr in der Lage, eine kürzere Variante zu finden. „Wenn wir einmal gelernt haben, ein Problem auf eine Weise zu lösen, sind wir blind für effizientere Lösungsmethoden“, sagt Bilalic.

Ein Computer steht

nicht im Schrank

Selbst wenn die Probanden beteuerten, neue Wege in Gedanken ausprobiert zu haben, zeigte die Analyse der Augenbewegungen, dass sie sich auf den altbekannten Wegen und Feldern bewegten.

„Man benutzt sein vorheriges Wissen, seine Erfahrung, um Probleme zu lösen,“ erklärt Bilalic. Man stelle sich als Vergleich vor, man betritt ein dunkles Zimmer, ein Büro vielleicht, und tastet mit der Hand nach dem Lichtschalter – weil man weiß, dass der Lichtschalter in der Regel neben der Tür ist. In diesem Büro würde man einen Computer immer auf einem Schreibtisch erwarten. Weil man eben gelernt hat, dass Computer dort stehen – und nicht beispielsweise in Schränken.

Muster-Erkennung sei der Grundstein für jede Expertise: Egal ob man Bilanzen liest oder Geige spielt. Solche voreingestellten Muster im Gehirn sind auch der Grund dafür, warum viele Menschen die Schreibfehler in ihren eigenen Texten nicht erkennen: Man liest eben, was man dort zu lesen erwartet.

Ein Zuviel der erlernten Muster kann das Denken blockieren, so Bilalics Fazit. Nur wirkliche Meister seien dann noch in der Lage, außerhalb der vorgegebenen Bahnen zu denken: „Thinking out of the box“, nennt das der Psychologe.

„Ich habe mich schon immer dafür interessiert, warum die Menschen machen, was sie machen“, erzählt Bilalic. Die Idee, die Gedankenleistung mit Hilfe des Schachspiels zu untersuchen, ist dabei nicht neu. Bereits der Erfinder des Intelligenztests, Alfred Binet, erforschte die Denkprozesse von Schachspielern. Schachpsychologie gilt als, wenn auch unscharf abgegrenztes, Wissenschaftsfeld.

Bilalic ist quasi mit Schachspielen aufgewachsen. „Mein Vater“, erzählt er, „war ein sehr guter Spieler.“ Und Schach hat ihm über die schwierige Zeit hinweggeholfen, als der gebürtige Bosnier Mitte der 90er Jahre mit seiner Mutter vor dem Krieg nach Deutschland geflohen war. Eineinhalb Jahre lang lebten sie in Dortmund. „Eigentlich habe ich in der Zeit nur Schach gespielt.“

Nach seiner Rückkehr nach Serbien 1996 machte er Abitur (1998) und studierte Psychologie. In seiner Diplomarbeit zur Sozialpsychologie von Gruppen untersuchte er, wie die Werte von Menschen ihr Tun beeinflussen. Für Bilalic wurde das bald eine sehr persönliche Aufarbeitung des Kriegs, vor dem er wenige Jahre zuvor geflohen war.

Die Psychologie

des Bosnien-Krieges

Im Laufe der Zeit fand er es freilich zunehmend schwierig, mit dem, was er dabei herausfand, umzugehen und Distanz zu wahren. Nach dem Diplom wandte er sich deshalb anderen Themen als der Sozialpsychologie zu. „Ich konnte das nicht mehr. Manchmal muss man sich abschirmen, um seelisch gesund zu bleiben.“

Privat spielt Bilalic nach wie vor Schach, beim Schachklub Bebenhausen. Aus Spaß an der Freude. Und weil man beim Schachspielen Menschen trifft. Großmeisterambitionen hat der einstige bosnische Junior-Landesmeister nicht. „Wer wirklich an der Spitze spielen will, kann sonst nichts mehr machen.“

13.01.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 14.01.2010 - 08:44 Uhr
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