Ist Protestieren erblich? Was der Humangenetiker Nikolaus Blin dazu zu sagen hat, entgeht der Studentin mit der bunten Strickmütze. Langsam sinken die Augenlider, der Körper rutscht im Sofa ein paar Zentimeter tiefer, in eine bequeme Haltung. Protestieren rund um die Uhr ist anstrengend. Irgendwann lässt die Kondition nach. 72 Stunden Vorträge haben protestierende Studenten organisiert.
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Ist Protestieren erblich? Was der Humangenetiker Nikolaus Blin dazu zu sagen hat, entgeht der Studentin mit der bunten Strickmütze. Langsam sinken die Augenlider, der Körper rutscht im Sofa ein paar Zentimeter tiefer, in eine bequeme Haltung. Protestieren rund um die Uhr ist anstrengend. Irgendwann lässt die Kondition nach.
72 Stunden Vorträge haben protestierende Studenten organisiert. Die Aktion soll auf Missstände im Bildungssystem aufmerksam machen. Man würde sich durchaus mehr Resonanz wünschen. Am Mittwoch sind um die Mittagszeit gerade mal 70 Studenten im besetzten Kupferbau-Hörsaal 21. Etwa so viele wie in der vergangenen Nacht. Und das bei 24 500 Studierenden. Aber es ist halt, wie es ist: Viele haben keine Zeit zu protestieren, sie müssen Leistungspunkte sammeln.
Dabei gibt es im Kupferbau mehr zu erleben als Protest-Rituale. Hier schimmert eine andere Art von Universität durch. Für 72 Stunden wird der Höhenunterschied zwischen Morgenstelle und Wilhelmstraße nivelliert. Hier darf der Student aus seinem Bachelor-Bildungstunnel auftauchen und die Faszination anderer Fächer erleben. Etwa wenn der Biologe Andreas Nieder über die „Neurobiologie des Vogelsangs“ referiert, Sprache und Vogellaute vergleicht. Der Leierschwanz-Vogel, so lernen hier auch Geisteswissenschaftler, ist in der Lage, andere Vogelstimmen, das Bellen von Hunden oder das Geräusch einer Motorsäge täuschend echt nachzuahmen. Und Papageien können nicht nur Rhythmus wahrnehmen, sondern sich auch danach bewegen – also tanzen. „Das war ein Super-Vortrag“, erzählt Germanistik-Studentin Gül Köse. „Auch für Laien war das verständlich.“
Krebstherapie und Schweinegrippe, Film-Rhetorik und Baudenkmäler – im Kupferbau ist ein Studium Generale zu erleben, das mit einer Leichtfüßigkeit daherkommt, die vielen echten Studium-Generale-Vorträgen abhanden gekommen ist. Auch Kurioses ist erlaubt: Ob der Vortrag des Physikers Willy Kley („Aliens auf dem Weg zur Erde?“) in direktem Zusammenhang steht zum Thema von Kai Freund („Raumfahrt in Entenhausen“)?
Fast alle Dozenten halten nicht nur Vorträge, sondern nehmen Stellung zum Bildungsstreik. Das findet der Student Kolja Thurner, der sich im Kupferbau die Nacht um die Ohren geschlagen hat, besonders gut. Wenn der Informatiker Herbert Klaeren Auswüchse der Bildungsbürokratie bloßstellt oder der Humangenetiker Nikolaus Blin die Studenten bestärkt: „Protestieren lohnt sich!“, schiebt das auch den Dialog zwischen Studenten und Dozenten an. „Die meisten sind nach ihrem Vortrag abends oder nachts noch auf ein Bier dageblieben“, erzählt Student Jonathan Blum.
Plötzlich stellt man fest, dass man auch an einer Massen-Universität ins Gespräch kommen kann. Zum Beispiel mit der Gleichstellungsbeauftragten Regine Gildemeister über Kategorien der Diskriminierung. Oder mit Oberbürgermeister Boris Palmer darüber, dass seit der Sanierung des Burse-Vorplatzes dort die Bänke fehlen. Was doch sehr schade und wenig gemütlich sei. Auch eine Schulklasse nutzte den Bildungsmarathon für einen Info-Besuch und interviewte Studenten.
Bis zum Ende der Vortragsreihe am Samstag um 18 Uhr steht noch viel Interessantes auf dem Programm, geht es unter anderem um Kreuzzüge, Körpersprache und um Hochschulpolitik. Heute um 21 Uhr wird es voraussichtlich eine Diskussion mit Uni-Rektor Bernd Engler geben. Anschließend: ein Konzert und den Vortrag „Party und Politik“.