Besuch bei den studentischen Besetzern im Kupferbau
„Unsere Forderungen sind konkret“
Nach der Räumung des Kupferbaus vor eineinhalb Wochen sind die Besetzer seit Montag wieder am alten Platz. Was wollen die Besetzer, wie reagiert das Rektorat?
Anzeige
Hans-Joachim Lang
Am Dienstagabend im Kupferbau vor dem größten Hörsaal. Gleich wird sich die Tür zum Plenum öffnen. Bild: Metz
Im größten Hörsaal des Kupferbaus, dem Hörsaal 25, hielt Thomas Urban am Montagabend einen Vortrag in der Reihe „Blick zurück nach vorn“. Der Saal war gut besetzt. Er blieb es auch, als der Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ gegen 22 Uhr zu Ende gesprochen hatte. Studierende befestigten ein großes Transparent an der Stirnwand und übernahmen die Hoheit im Saal. Damit ging der Protest gegen die Bildungspolitik auch dort weiter, wo er vier Tage zuvor durch die polizeiliche Räumung unterbrochen worden war.
Der Dialog zwischen Studierenden und Rektorat ist ebenfalls wieder aufgenommen worden, an der grundsätzlichen Bereitschaft dazu hatte es ohnehin nicht gefehlt. Rektor Bernd Engler, der mit Prorektorin Stefanie Gropper kurz nach der neuerlichen Besetzung vom Rektorat in den Kupferbau gekommen war, sicherte, nach einer Diskussion im Plenum, einstweilen Stillhalten zu. „Bleiben Sie hier drinnen“, sagte er zum Abschluss, „ich bestehe aber darauf, dass die Veranstaltungen morgen nicht blockiert werden.“
Damit war ein Modus vivendi festgelegt, an den sich nun, im Detail noch etwas modifiziert, beide Seiten halten. Seit Dienstag ziehen die Besetzer morgens vom großen Hörsaal in einen kleineren um, zum Plenum um 20 Uhr kehren sie wieder zurück. Das Plenum ist zugleich das oberste, Beschlüsse fassende Gremium. Was dort entschieden wird, kann nur durch einen anderen Plenumsbeschluss geändert oder aufgehoben werden. Nachts bleibt ein Kern von vier bis fünf Dutzend Leuten, die in Schlafsäcken auf dem harten Hörsaalboden ausharren. „Bitte erscheint tagsüber zahlreich und übernachtet, damit wir eine besetzte Besetzung bleiben“, appellierte ein Diskussionsteilnehmer am Mittwochabend im Plenum.
Tagsüber sieht man im Kupferbau geschäftiges Kommen und Gehen, Studierende bringen Kaffee in großen Thermoskannen herbei oder eine Kiste Äpfel oder einen Karton mit Hefegebäck. Auf dem Boden wird ein Transparent ausgebreitet, das beschriftet werden soll. Im Hörsaal 21, dem Rückzugsort für untertags, und im Foyer sitzen kleine Gruppen vor aufgeklappten Notebooks und diskutieren. Alles ist öffentlich, nicht nur das Plenum, sondern auch die Arbeitskreise und Workshops.
„Es gibt überall viel Diskussionsbedarf“
Für die, die sich zwischen ihren Seminaren und Vorlesungen ein paar Stunden frei nehmen, ist die Besetzung wie ein Intensivkurs in Bildungspolitik. Hat sich die Diskussion im Plenum an einem Punkt inhaltlich festgebissen, werden Arbeitskreise angeregt, andere bilden sich quasi nebenher. Mindestens 15 Gruppen sind auf diese Weise entstanden. Sie beraten über die umstrittenen Bachelor- und Masterstudiengängen oder die Lehramtsstudiengänge. Themen sind auch Studiengebühren, Mitbestimmung, Exzellenzinitiative, Campus-Neuplanung. Zwei Arbeitskreise beanspruchten am Mittwoch und am Donnerstag fast die gesamte abendliche Plenarversammlung mit den Forderungen an die Hochschulleitung und an das Land.
Ein Arbeitskreis mit wechselnder Zusammensetzung hat seinen Tisch im Foyer des Hörsaalgebäudes platziert und firmiert als „AK Info“. „Es gibt überall viel Diskussionsbedarf“, kritisiert Ulrike*. Sie studiert im 5. Semester Geographie und hat sich mit zwei Kommilitonen und zwei Kommilitonen am Donnerstagnachmittag für die Öffentlichkeitsarbeit gemeldet. Eine Schülerin kommt vorbei und lässt sich über die Aktionen informieren. Sie ist eigens aus Biberach angereist, um für ein Referat zu recherchieren. Das lässt die Herzen der Befragten höher schlagen. Eine ältere Dame erkundigt sich vorsorglich, ob am Wochenende alle Veranstaltungen stattfinden werden. „Kein Problem“, erfährt sie. Und wer die große Tafel im Foyer übersehen hat, auf der einzelne Verlegungen von Vorlesungen angezeigt sind, bekommt hier ebenfalls Auskunft.
Am Mittwochabend voriger Woche verlas Rektor Bernd Engler im Kupferbau den Räumungsbefehl. Eine Woche später diskutierte er an dieser Stelle wieder in dem erneut besetzten Hörsaal. Bild: Demmel
Agathe, gerade aus der Mensa gekommen, legt einen Stapel mit Liedtexten zum Mitnehmen auf den Tisch. Die Erstsemesterstudentin im Fach Geschichte hat einen Chor mitgegründet, der mit kurzen Darbietungen für den Bildungsstreik mobilisieren will. Kleine Kostprobe, nach der Melodie einer bekannten Ode zu singen: „Freunde schöner Bildungsfunken, Kinder vom Gymnasium / Kommet raus aus den Spelunken, kämpft für Euer Studium! / Eure Zukunft steht nun wieder auf des Messers blankem Schneid, / denn, wer stumm das alles leidet, der ist nicht mehr ganz gescheit!“
Es wird offen zugegeben: Die Beteiligung müsste größer sein, denn die Probleme gehen alle an. „Viele stehen zu uns und ermuntern uns, weiterzumachen“, sagt Alex. Er studiert im 11. Semester aufs Lehramt. Den meisten, die nach sechs Semestern ihren Bachelor-Abschluss haben sollen, fehlt die Zeit fürs hochschulpolitische Engagement. Alex kennt Klagen, dass der Druck auch die Motivation für außeruniversitäres Engagement schmälert und dass das modularisierte Turbostudium keine Freiräume für selbstbestimmtes Lernen lässt.
Die Studierenden weisen auf hohe Abbruchquoten, verringerte Mobilität, nahezu ausgeschlossene Möglichkeiten für Auslandssemester. Die neuerdings vom Rektorat propagierten achtsemestrigen Bachelor-Studiengänge werden an sich begrüßt. „Aber die, die noch auf die sechssemestrigen Studiengänge festgelegt wurden, müssen sich als Versuchskaninchen missbraucht fühlen“, meint Ulrike. Und mit künftig zweisemestrigen Master-Studiengängen, die zwangsläufig zur Promotion führen sollen, ist man auch nicht einverstanden. „Master für alle“, heißt die Gegenoffensive. Der Übergang solle jedem, der daran interessiert ist, offen stehen.
Martin, der im 4. Semester Jura studiert, hat in den bildungspolitischen Debatten der vergangenen Tage dazugelernt. Anfangs habe er dafür plädiert, die Kritik auf die Studiengänge zu konzentrieren. „Wir können das nicht isoliert betrachten“, sagt er jetzt und fügt abwägend hinzu: „Unsere Forderungen sind aber konkret.“ Wer Revolutionäre am Werk sehen möchte, muss sich anderswo umschauen.
„Das ist unsere Bewegung“
Die Besetzer sehen klar, dass ihre Aktion Anreiz für politische Gruppen und Parteien bietet, sie für sich zu vereinnahmen. „Das ist unsere Bewegung“, sagt Alex betont. Man freut sich über die zahlreich eingegangenen Solidaritätsadressen, vom BDKJ über die Hochschulsekretärinnen-Initiative bis zur Ver.di-Betriebsgruppe. Das gilt auch für die Sympathie-Bekundungen durch Parteien, bislang durch Grüne, Linke, MLPD und SPD. Aber: „Wir wollen uns nicht instrumentalisieren lassen“, sagt Martin, wohl wissend, dass man auf Unterstützung in jenen Gremien angewiesen ist, wo die Entscheidungen getroffen werden. „Es sollen aber unsere Anliegen bleiben“, setzt er nach. Wenn etwa Bundesbildungsministerin Annette Schavan „vollstes Verständnis“ für die Anliegen der protestierenden Studenten äußere, müsse man ihr mitteilen, „dass sie uns noch immer nicht verstanden hat“.
In dieser Woche schlug sich ein Arbeitskreis „Aufklärung“ eine halbe Nacht um die Ohren und überlegte, wie man wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit betreiben solle. Wie Alex sagt, gerade auch deswegen, „um Vorurteile gegen uns abzubauen“. Einige der Früchte liegen vor ihm auf dem Info-Tisch, darunter ein Flyer mit der Überschrift „Keine Angst vor der Bloch-Faust“. Im Text wird erklärt, warum sich Studierende immer wieder auf den Philosophen Ernst Bloch beziehen (“geistiger Vater protestierender Studenten“) und was es mit der geballten Faust im Emblem der Fachschaftsrätevollversammlung auf sich hat. „Die Ernst-Bloch-Faust schlägt nicht“, heißt es, sondern werde als Symbol dafür verstanden, „dass wir als Studierende nicht alles mit uns geschehen lassen“. Man berufe sich auf Bloch als „Besinnung auf ein ideologiefreies, gesellschaftskritisches Denken“.
In der Beziehung zur Hochschulleitung beteuern die Studierenden immer wieder ihren Willen zur Kooperation. Als am Mittwoch im Plenum über die Punkte beraten wurde, die das Rektorat als Adressaten haben, war außer Prorektorin Stefanie Gropper auch der Rektor eine halbe Stunde anwesend und wurde, nach seiner Wortmeldung, von Diskussionsleiter Jan-David egalitär als „Plenumsmitglied Bernd“ aufgerufen. Der Katalog, der in dieser Sitzung erarbeitet wurde, ist vielfältig: Freie Wählbarkeit der Fächerkombination bei Bachelor-Studiengängen, Ausbau der Kapazitäten des Fachsprachenzentrums, Erhalt des Clubhauses, Veröffentlichung der Senatsprotokolle, Offenlegung von Herkunft und Verwendung aller Drittmittel, keine militärischen Forschungen, Arbeitnehmervertreter im Unirat.
„Das Problembewusstsein der Studierenden hat mich sehr beeindruckt“, konzediert Bernd Engler im Gespräch mit unserer Zeitung. „Die Forderungen sind plausibel im Sinne von nachvollziehbar.“ Er habe am Mittwoch „eine gute und klare Diskussion“ erlebt, „gelegentlich auch unterschiedliche Auffassungen zu manchen Sachfragen, die auf weiteren Diskussionsbedarf schließen lassen“. Mit substanziellen Forderungen werde sich das Rektorat „ernsthaft auseinandersetzen“. Die Studierenden könnten in den nächsten Tagen mit einer offiziellen Stellungnahme des Rektorats rechnen, die auch positive Zusagen enthalten werde. „Es gibt aber Punkte, in denen ich anderer Ansicht bin. Auch habe ich den Eindruck, dass die Studierenden durchaus akzeptieren, dass ich nicht alleine agieren kann, sondern in ein bildungspolitisches Umfeld eingebunden bin.“
Am Donnerstagabend stand im Plenum bereits der nächste Marathon auf der Tagesordnung, diesmal mit den Forderungen an die Landesregierung. Die Hörsaal-Reihen waren nicht mehr ganz so geschlossen, als sich etwa 160 Teilnehmer diszipliniert und konzentriert in die Vorlage eines Arbeitskreises vertieften. Im Mittelpunkt stehen auch hier die Studiengänge. Gefordert wird noch die Wiedereinführung der Verfassten Studentenschaft mit politischem Mandat, Satzungs- und Finanzautonomie. Außerdem freie Studiendauer, Abschaffung der Studiengebühren.
„Bei minimalsten Enthaltungen“
Bis zur Erschöpfung rangen die Redner mit Satz-Ungetümen aus Gesetzestexten, gelegentlich türmten sie selber welche auf, etwa in der „bei wenigen Gegenstimmen und minimalsten Enthaltungen“ beschlossenen Forderung: „Gesetzestext § 15 Abs. 3 GymPO I soll an Stelle der Wörter „es überwiegend allein versorgen“ eine sprachliche Regelung getroffen werden, die es beiden Eltern, egal ob leibliche oder Adoptiveltern sowie vom Jugendamt anerkannte Erziehungsberechtigte, ermöglicht, Prüfungsleistungen nach Ablauf der in dieser Prüfungsordnung hierfür vorgesehenen Fristen abzulegen.“
Gegen Mitternacht war die Tagesordnung endlich abgearbeitet. Heute können die Köpfe auslüften. Um 12.37 Uhr fährt der Zug vom Hauptbahnhof nach Stuttgart zur landesweiten Demo.
* Die Beschränkung auf die Vornamen entspricht einem Wunsch unserer studentischen Gesprächspartner.