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Sechs Stunden rechts, sechs Stunden links rum

Das Mittwochs-Interview Der Bittelbronner Ultramarathonläufer Hans-Jürgen Schlotter über seinen Start in Griechenland

Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, da lief der Bittelbronner Hans-Jürgen Schlotter an 64 Tagen durch Europa. Am Montag steht er wieder am Start, wenn um 12 Uhr die besten Ultralangstreckenläufer der ganzen Welt in Athen beim 5. Internationalen Ultramarathon-Festival auf eine 1000-Meilen-Distanz, das sind 1610 Kilometer, geschickt werden. Im Interview mit der SÜDWEST PRESSE erzählt der 47-Jährige, wie er das schaffen will, wann er schläft, und wie er in New York beim Graswachsen zugeschaut hat.

 
Artikelbild: Von Ansprachen und Bruderanrufen

SÜDWEST PRESSE: Sie fliegen erst am Sonntag nach Griechenland, am Montag gehen dort die „1000 Meilen von Athen“ los. Ist das, auch unter dem Gesichtspunkt, dass in Griechenland gerade unruhige Zeiten herrschen, nicht ein bisschen knapp?

Artikelbild: Das Mittwochs-Interview  Der Bittelbronner Ultramarathonläufer Hans-Jürgen Schlotter über seinen Start in Griechenland

Hans-Jürgen Schlotter: Ich hoffe nicht. Natürlich muss ich damit rechnen, dass die Bus- oder Taxifahrer gerade streiken oder gar ein Generalstreik ist. Der Lauf ist ja im ehemaligen Olympiagelände, das ist ungefähr 30 Kilometer außerhalb von Athen in Richtung Piräus. Wenn ich Pech habe, muss ich halt schauen, wie ich vom Flughafen zum Start komme. Dann laufe ich die 30 Kilometer auch noch.

Sie nehmen es mit Humor…

…im Ernst, ich nehme an, dass alles reibungslos läuft! Der Bereich, in dem wir laufen, ist ein abgesperrtes Areal, wo sonst niemand hinkommt. Da ist von den Unruhen nichts zu spüren.

Abgesperrtes Areal, bedeutet das nicht die blanke Eintönigkeit? Vom Transeuropalauf sind uns noch Ihre Schilderungen über die Natur, über Blumen und Pflanzen in bester Erinnerung. Und jetzt nur Asphalt?

Ja, es ist in der Tat so, dass auf abgesperrten Gelände auf einem exakt vermessenen 1000-Meter-Rundkurs gelaufen wird. Wir sind da völlig unter uns, da gibt’s auch kaum Zuschauer. Das heißt natürlich auch, dass die psychische Belastung eine ganz andere ist als zum Beispiel einem Etappenrennen wie dem Deutschland- oder Transeuropalauf. Überhaupt kann man so einen Non-Stop-Lauf mit Mehrtagesläufen gar nicht vergleichen.

Non-Stop-Lauf, was heißt das konkret?

Es geht darum, die 1000 Meilen, das sind 1610 Kilometer, so schnell wie möglich zu laufen. Man kann sich den Lauf selbst einteilen, selbst die Pausen und Ruhezeiten bestimmen. Um die Gesamtdistanz zu bewältigen, hat man vom 15. bis zum 31. März Zeit. Das sind 17 Tage, ich hoffe aber stark, dass ich weniger brauche, denn ich will noch ein paar Tage Urlaub anhängen.

Was haben Sie sich zum Ziel gesetzt?

Wenn ich gesund bleibe, und das ist die oberste Voraussetzung, denke ich, dass ich täglich etwa 20 Stunden auf den Beinen sein kann. Mit vier Stunden Schlaf werde ich wohl auskommen. Natürlich läuft man viel langsamer als bei einem Etappenrennen. Wer zu schnell läuft, hat schon verloren. Ich hoffe, dass ich die Distanz in 13 Tagen, vielleicht auch in zwölf schaffe. Da müsste ich im Durchschnitt 125 Kilometer pro Tag laufen.

So etwas kann man ja nicht trainieren. Wie haben Sie sich denn vorbereitet?

Nach dem Transeuropalauf mit seinen knapp 4500 Kilometern im letzten Jahr habe ich es zunächst etwas ruhiger angehen lassen. Man kann ja nach so einer Strapaze nicht abrupt aufhören! Ich bin ein bisschen gelaufen, so 40 bis 50 Kilometer die Woche, und ich bin viel Fahrrad gefahren. Ab November habe ich dann die Laufdistanzen ein bisschen erhöht auf 100 bis 120 Kilometer die Woche. Richtig hochgefahren hab ich das Pensum dann ab Januar mit etwa 200 Kilometer die Woche. Da bin ich dann zwei Mal die Woche von meinem Arbeitsplatz in Sindelfingen heim nach Bittelbronn gelaufen, das sind so etwa 50 Kilometer, und dann am Wochenende nochmal 100 Kilometer. Allerdings war es in diesem Winter mit dem vielen Schnee, der ja lange liegen geblieben ist, doch extrem schwierig.

Ist die Regenerationszeit vom Transeuropalauf, der am 19. April 2009 im italienischen Bari startete und am 21 Juni am Nordkap zu Ende ging, mit seinen 4500 Kilometern in 64 Tagen nicht doch ein bisschen kurz? Normalerweise sagt man ja, der Körper braucht ein Jahr, um sich von solchen Strapazen zu erholen.

Ich denke nicht, denn so komisch sich das anhört: Ich habe mich beim Transeuropalauf nicht übermäßig verausgabt. Ich war eigentlich nie so richtig fertig im Ziel. Man muss ja bedenken, damals war ich im Schnitt sieben Stunden unterwegs, die Regenerationszeit bis zum Start am nächsten Morgen war verhältnismäßig lang. Das ist jetzt sicher ganz anders.

Sie gelten ja als einer, der bei Etappenläufen die längeren Etappe liebt. Kommt Ihnen das jetzt bei den 1000 Meilen entgegen?

Das kannmansonicht sagen, dennEtappen- undNon-Stop-Läufe sind zwei paar Stiefel. Aber es istschon richtig: Längere Distanzen liegen mir. Ein Beispiel: Beim ersten Transeuropalauf von Lissabon nach Moskau, das waren in 64 Tagen über 5000 Kilometer wurde ich Neunter. Da wurden im Schnitt fast 78 Kilometer amTaggelaufen. Der 2009er Transeuropalauf war 500 Kilometer kürzer, da war der Tagesdurchschnitt nur noch bei 70 Kilometer. Das kam manchem jungen Hüpfer entgegen. Ich wurde Elfter. Und Ingo Schulze plant ja 2012 schon den nächsten Lauf von Schottland nach Gibraltar, der ist nochmal kürzer, das ist nichts für mich.

Wenn Sie in Athen täglich deutlich über 100 Kilometer laufen wollen, wie ernährt man sich da?

Wichtig ist das Trinken! Ich denke, dass ich so zehn Liter im Tag brauche. Vom Veranstalter gibt’s Frühstück, Mittag- und Abendessen. Von Haus aus esse ich viel Obst und Gemüse, beim Lauf jetzt auch ein paar fettige Sachen – also Oliven und Nüsse.

Wann wol len Sie schlafen?

Wenn das Wetter mitspielt und es nicht zu kalt ist, werde ich wohl nachts durchlaufen und dann am Tage so etwa vier Stunden ruhen. Es kann aber auch sein, dass jetzt im April kalte Fallwinde von der Bergen herunterkommen. Dann muss ich umdisponieren. Das muss man mal abwarten.

Nachts laufen, ist das nicht noch eintöniger als am Tag?

Das macht mir nichts aus! Neben der physischen Belastung ist auch die Psyche, das Mentale, in Athen von entscheidender Bedeutung. Es ist eine extreme Dauerbelastung von Körper und Geist. Ich hab damit keine Schwierigkeiten, vorausgesetzt, ich bleibe gesund. Bei den 5000 Kilometern von New York, die ich im Jahr 2006 in 47 Tagen gelaufen bin, ging es auf einem 885 Meter-Rundkurs so richtig im Kreis herum. Da hab ich dem Gras beim Wachsen zugeschaut.

Wenn man tagelang immer nur einen Rundkurs läuft, kriegt man da nicht einen Drehwurm?

Die Richtung wird alle sechs Stunden gewechselt, also sechs Stunden rechts rum, sechs Stunden links rum. Das hat orthopädische Gründe, denn man läuft ja im Kreis, und der jeweils innere Fuß wird mehr belastet. Um das auszugleichen, wechselt man alle sechs Stunden die Richtung.

Da ist ja auch das richtige Schuhwerk gefragt.

Da hab ich zum Glück einen Spezialisten an der Hand: Seit New York im Jahr 2006 bekomme ich die Laufschuhe vom Türk Fuß-Vital-Center in Freudenstadt gesponsert. Das war damals ein Tipp von einem Lauffreund. Und die Gebrüder Harald und Herbert Türk waren gleich begeistert von dem, was ich mache. Sonst sieht's es ja mit Sponsoring in unserem Laufsport nicht so gut aus. Bild / Interview: kpd

Ich habe mich beim Transeuropalauf nicht übermäßig verausgabt.

10.03.2010 - 08:30 Uhr
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