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Drive

In dem kunstvollen Actionkrimi wird Ryan Gosling als Fahrer von Fluchtautos in den Sog des organisierten Verbrechens gezogen.

USA 2011

Regie: Nicolas Winding Refn
Mit: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac
101 Min. - ab 18 Jahren
TAGBLATT-Wertung
    Leser-Wertung
 

Ein Film, der nachwirkt. Gerade der selbst in Action-Szenen ruhig ablaufende Plot tut in Zeiten gut, da Filmschnitte im Zehntelsekundentakt die Regel sind.

 Während die eine Hälfte des Kinos in immer neue digital-technische Dimensionen vorstößt, blickt die andere mehr oder weniger wehmütig zurück in die analoge Vergangenheit. Der zehn Mal für den Oscar nominierte „Artist“ feiert das Stummfilm-Kino der zwanziger Jahre, der elf mal berücksichtigte „Hugo Cabret“ verneigt sich vor den Altmeistern des Fantasyfilms und „Drive“ sucht sein Heil in den Gangster- und Actionfilmen der siebziger Jahre. Das hat das Oscar-Komitee zwar nicht so massiv beeindruckt (nur eine Nominierung in der Trost-Kategorie Tonschnitt) – dafür aber die Jury in Cannes, die Nicolas Winding Refn den Preis für die beste Regie zusprach.

Der erste Hollywoodfilms des Dänen huldigt dem menschenscheuen Einzelgänger, wie man ihn aus Jean-Pierre Melvilles „Der eiskalte Engel“ oder Martin Scorseses „Taxi Driver“ kennt. Anders als Travis Bickle ist der von Ryan Gosling gespielte namenlose Driver allerdings kein psychisch Durchgeknallter, sondern eine durch und durch sanftmütige Erscheinung – jedenfalls solange man seinem Moralempfinden nicht ins Gehege kommt. Seine Passion ist das Autofahren, was er als Stuntman beim Film auslebt und gelegentlich als Chauffeur von Kleinkriminellen, die er nach ihren nächtlichen Raubzügen schnell und sicher durch Los Angeles eskortiert. Die erste Sequenz des Films, die minutiös eine dieser Fluchtfahrten schildert, ist von atemraubender inszenatorischer Präzision.

Im Folgenden verliebt sich der einsame Wolf in seine hübsche Nachbarin, was ihn nicht davon abhält, deren frisch aus dem Knast entlassenen Ehemann vor den Nachstellungen der Mafia zu beschützen. Das ritterliche Unterfangen zieht ihn freilich selbst immer tiefer in den Sog des organisierten Verbrechens. Zugegeben: Dieser Plot stünde auch einem Film mit Jason Statham gut zu Gesicht, allerdings dürften sich dessen Fans von dem schleppenden Erzähltempo eher provoziert fühlen. Action- und Gewaltexzesse sind sparsam eingestreut, was ihre Wirkung aber umso nachhaltiger macht. Die FSK war davon offenbar so verstört, dass sie dem Film die Jugendfreigabe verweigert hat.

In der Hauptsache bietet „Drive“ aber ein vorwiegend friedliches Defilee der Stimmungen, Schauplätze und Objekte: Die düstere Autowerkstatt mit ihren teils stylishen, teils schäbigen Karossen; das nächtlich glitzernde Straßenlabyrinth von Los Angeles; die markante Jacke des Drivers, die er allen Blutspuren zum Trotz bis zum Ende nicht ablegt. Selbst die charakterlich kaum konturierten Figuren sind letztlich nur Teil dieser faszinierend atmosphärischen Parade der Kinofetische.

Ob das nun unter Mainstream oder Arthaus fällt, ist genauso schwer zu beantworten wie bei den retrospektiven Filmen Quentin Tarantinos („Jackie Brown“) oder der Brüder Coen („Burn After Reading“), mit denen „Drive“ manches gemeinsam hat. Allerdings verweigert sich Regisseur Refn jedwedem ironischem Zugriff auf seine filmhistorischen Lieblinge. Ihm ist es todernst mit seiner Hommage.

So cool ist Kino nur, wenn es ohne Digital-Mätzchen in den Rückspiegel schaut.

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Klaus-Peter Eichele


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