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Melancholia

Mit rauschhaften Bildern schließt Lars von Trier soziale und mentale Krankheit mit dem  Weltuntergang kurz.

Dänemark 2011

Regie: Lars von Trier
Mit: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, John Hurt, Charlotte Rampling
136 Min. - ab 12 Jahren
TAGBLATT-Wertung
    Leser-Wertung
 

Eine poetische Idee: die Schwerkraft der Depression als bedrohlichen Planeten zu zeigen. Alle haben gehofft, es würde "ein Vorbeiflug" werden, aber die Kraft von Melancholia schleudert am Ende alle aus der Welt ...

Macht Lars von Trier, der gefeierte Kunstfilmer und selbst ernannte Nazi, jetzt auf Science-fiction? Einerseits ja: In seinem neuen Film nähert sich ein bislang unbekannter Planet der irdischen Umlaufbahn. Mit kosmischer Wucht droht er die Erde zu zerschmettern und alles Leben auszulöschen. Doch folgt daraus kein Katastrophenfilm à la "Armageddon". Der bevorstehende Crash der Welten ist für den dänischen Regisseur kein Action-Beschleuniger, sondern zunächst bloß ein Hintergrundrauschen, das sich nach und nach zur bildstarken Metapher aufbläht: Weniger für Tod und Vernichtung an sich, als für die Sehnsucht danach. Für die Angst des Melancholikers vor dem Leben.

Im Vordergrund erzählt der Film die Geschichte zweier Schwestern. Claire (Charlotte Gainsbourg) hat in eine großbürgerliche Familie eingeheiratet und sich deren rigidem Regelwerk, in dem es aufs reibungslose Funktionieren ankommt, unterworfen. Die jüngere Justine (Kirsten Dunst) ist dagegen ein Gefühlsmensch, mit feinem Sensor für das Verlogene um sie herum. Bei Justines Hochzeit auf dem prunkvollen Landsitz ihres Schwagers kommt es zum Eklat. Während die Gästeschar hohle Festrituale pflegt (was von Trier zu einer galligen Sozialsatire inspiriert), wird die Braut von lähmendem Lebensekel befallen, der die Hochzeit schließlich zum Platzen bringt. Am Ende dieses ersten Teils nimmt der feindliche Himmelskörper Kurs auf die Erde.

Einige Wochen später hat sich Justines Depression dramatisch verschlimmert; sie ist zum Pflegefall ihrer resoluten Schwester geworden. Doch im Angesicht der Apokalypse, die sich als atemraubend schönes Naturschauspiel ankündigt, vertauschen sich die Rollen. Während Tatmensch Claire zu einem Häufchen Elend zusammenfällt, wächst bei Justine die Zuversicht - auf das baldige Ende aller Qualen. Zwar sagen sagen Astronomen voraus, dass die Gestirne knapp aneinander vorbeischrammen - doch wäre dies der erste Film von Lars von Trier, in dem die Ratio über die Intuition obsiegt.

In seinen weltanschaulichen Abgründen ist der Däne bestimmt kein Nazi, aber doch ein Vernunft-skeptischer Mystiker mit Hang zur dunklen Romantik. Das schmälert aber nicht den Wert des Films als symbolisch umrankte, im Kern aber realistische Krankheitsstudie. Im aktuellen "Spiegel" steht die erschütternde Geschichte dreier Mädchen, die mit ausgelassener Fröhlichkeit gemeinsam in den Freitod gegangen sind. Es sind Schwestern im Geiste von Kirsten Dunsts Justine.

Flashplayer benötigt.

Klaus-Peter Eichele


Zuletzt Kommentiert

... Großartiger und wichtiger Film, der nicht in amerikanischen Gut-Böse Klischees "funktioniert" sondern differenziert und sachlich, aber mit viel Herz auf das Elend an unseren Grenzen zu den unverblümten Sklavenregionen dieser Welt aufmerksam macht, wo jede Stunde Menschen ihr Leben lassen, ertrinken, verdursten ...


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