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Das weiße Band

In Michael Hanekes Drama wird das auf Autorität und Gehorsam fußende Sozialgefüge eines Dorfes von einer Serie mysteriöser Gewaltakte erschüttert.

Österreich 2009

Regie: Michael Haneke
Mit: Christian Friedel, Leonie Benesch, Ulrich Tukur, Ursina Lardi, Burghart Klaußner
145 Min. Von der FSK nicht geprüft
TAGBLATT-Wertung
    Leser-Wertung
 

Ingmar Bergman hat das schon vor Jahren besser gemacht.

Seltsame Vorfälle erschüttern den ruhigen Fluss des Alltags in einem norddeutschen Bauerndorf kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Arzt des Fleckens wird durch einen gespannten Draht vom Pferd geworfen und schwer verletzt. Einige Wochen später wird der schmächtige Sohn des Großgrundbesitzers übelst misshandelt; das gleiche Leid widerfährt einem geistig behinderten Buben, der kurz nach der Attacke zudem spurlos verschwindet. Die Verursacher dieser und noch weiterer Schreckenstaten bleiben vorerst im Dunkeln. Das klingt nach einem Krimi, aber diese Erwartung erfüllt Michael Haneke, der Chef-Sozialkritiker des europäischen Kunst-Kinos, in seinem mit der Goldenen Palme dekorierten Film nur zum kleinen Teil.

Die Geschichte, räsoniert der Off-Erzähler bereits im ersten Satz, werfe ein erhellendes Licht auf die späteren Vorgänge in Deutschland. Eine Ursachenforschung in Sachen Faschismus also? Doch auch dafür muss man um mehrere Ecken denken. Wesensmerkmale des Nationalsozialismus wie Antisemitismus, Volksgemeinschaft und Militarismus spielen hier überhaupt keine Rolle. Der noch vorwiegend vormoderne Schauplatz des Geschehens scheint näher an der Epoche des Bauernkriegs als an der Nazizeit.

In stechend scharfen Schwarz-weiß-Bildern entwirft Haneke das Szenario einer auf absoluter patriarchaler Macht fußenden Dorfgemeinschaft. Die armen, ausgemergelten Bauern stehen unter der Fuchtel des Gutsbesitzers (Ulrich Tukur), der nach Belieben über ihr Wohl und Wehe entscheiden kann. Gedanken an Rebellion keimen zwar hier und da auf – finden aber keine soziale Basis. Dafür sorgt neben der wirtschaftlichen Abhängigkeit die Religion in ihrer rigidesten protestantischen Ausprägung. In Gestalt des von Burghard Klaußner satanisch gespielten Pfarrers exerziert sie speziell an Kindern den Gehorsam gegenüber jedweder Obrigkeit und die Unterdrückung allen Lustempfindens. Beste Voraussetzungen also für die Herausbildung „autoritärer Charaktere“ im Sinne Erich Fromms, womit dann doch der Bogen zum Faschismus geschlagen ist.

Irgendwann, legt Hanekes Erzählung nahe, wird der Druck auf die ewig Getretenen so stark, dass er sich in sinnloser, ungerichteter Gewalt entlädt – mal gegen oben, mal gegen unten. Ob es sich um eine Verschwörung der Dorfkinder handelt, die als schwächstes Glied im Machtgefüge am schlimmsten unter der Repression zu leiden haben, bleibt trotz mancher Indizien offen. Der einzige, der die Ursache des Terrors zumindest erahnt, ist der gutmütige Lehrer (Christian Friedel), der zudem als Erzähler der Geschichte fungiert. An den Verhältnissen ändern kann er nichts. Dem tapferen Mann bleibt nur die Flucht aus der Hölle – in die Stadt und in den Ehestand mit dem von der Tübinger Schülerin Leonie Benesch großartig authentisch gespielten Kindermädchen Eva

Siehe auch: Die Filmkarriere der Tübinger Schülerin Leonie Benesch

Flashplayer benötigt.

Klaus-Peter Eichele


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