Tübinger Trickfilmer erweckt Goethe, Poe und Wilhelm Hauff zu Leinwand-Leben
Seine kurzen Trickfilme haben viele Preise gewonnen, seit fünf Jahren ist er Professor an der zweitgrößten Uni von Singapur. Jetzt lässt der Tübinger Hannes Rall beim Stuttgarter Trickfilmfest in seine aktuelle, noch unvollendete Arbeit blicken - die Verfilmung von Wilhelm Hauffs Kunstmärchen "Das kalte Herz".
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Klaus-Peter Eichele
Illustration für den Film "Das kalte Herz" nach Wilhelm Hauff.
Hannes Rall ist in Unterjesingen aufgewachsen, sein Großvater war dort Schulmeister und entsprechend beschlagen in heimatlichen Mythen und Sagen. Vielleicht liegt's daran, dass auch der Enkel eine Schlagseite zum Mysteriösen hat. Sein erster Film war eine Adaption von Edgar Allan Poes unheimlicher Ballade "Der Rabe" (1998), sieben Jahre später folgte der nicht minder schauerliche "Erlkönig" nach Goethe. Beide Streifen gelten inzwischen als Klassiker des zeitgenössischen deutschen Trickfilms.
Wen die expressionistischen, vorwiegend schwarz-weißen, Holzschnitt-artigen Bilder dieser Kurzfilme ein bisschen an Lotte Reiniger erinnern, rennt bei Rall offene Türen ein. Seit seiner Studienzeit ist der 45-Jährige ein Bewunderer der 1981 in Dettenhausen verstorbenen Trickfilm-Pionierin: "Ihr 'Prinz Achmed' war für mich ein Schlüsselerlebnis, besonders dieser Einklang von avantgardistischer Bildsprache und allgemein verständlicher Erzählung." Wie einst Reinigers Werke entstehen auch seine eigenen überwiegend in Handarbeit - allerdings nicht mit der Schere, sondern am Zeichentisch. Blatt für Blatt nimmt dort in Tausenden einsamer Stunden ein Film Gestalt an - für einen Achtminüter wie "Der Rabe" braucht es rund 6000 Einzelbilder, zwölf pro Sekunde.
Ursprünglich wollte Rall aber nicht Trickfilmer, sondern Comicautor werden. Prinz Eisenherz und Tim und Struppi zählten zu den Helden seiner Kindheit, später begeisterte er sich für Graphic Novels und Avantgarde à la Art Spiegelman ("Maus"). Als Jugendlicher zeichnete er Dutzende Cartoons und Bildgeschichten für einschlägige Fanzines, und selbstverständlich war er Stammkunde in Hans Merkhs legendärem Tübinger Comicladen. Irgendwann kam aber die Erkenntnis, dass aus diesem Faible kein ehrbarer Beruf zu machen ist - zumindest nicht in Deutschland, wo Comics damals noch weithin als Schund galten.
Hannes Rall
Anders beim Animationsfilm, der es in den achtziger Jahren bereits zu hochschulischen Ehren gebracht hatte - vor allem dank des Kunstprofessors und Trickfilmfest-Gründers Albrecht Ade. Unter Ade lernte Rall das Trickfilm-Handwerk, erst an der Stuttgarter Kunst-, später an der Ludwigsburger Filmakademie. Einer seiner Klassenkameraden war Volker Engel, heute einer der versiertesten Special-Effects-Macher in Hollywood ("2012"). Obwohl er mit Engel noch gut befreundet ist, möchte Rall nicht mit ihm tauschen: "In Hollywood bist du ein Rädchen in einer Maschine. Ich war immer darauf aus, meine eigenen Visionen zu verwirklichen."
Was Kompromisse nicht ausschließt: Weil sich mit künstlerisch ambitionierten Trickfilmen zwar viel Ehre, aber kaum Geld verdienen lässt, musste sich auch Rall zusätzliche Standbeine zulegen. So entwarf er Logos für die Wirtschaft (den "Göckelesmeier"-Hahn), brachte für den Kauka-Verlag Figuren aus dem "Bussi Bär" auf den neuesten Stand des Designs und entwarf Cartoons für Kundenzeitschriften. Alles ohne Groll: "Ich habe keine Berührungsangst zum Kommerz. Auch in den Auftragsarbeiten lässt sich immer eine ganze Menge Rall unterbringen." 2004 bewarb sich der Unterjesinger auf die Stelle eines Junior-Professors an einer gerade gegründeten Uni im Stadtstaat Singapur und wurde zu seiner eigenen Überraschung prompt engagiert. Acht Monate im Jahr macht er jetzt Studenten aus Südostasien mit den praktischen Grundlagen des Trickfilms vertraut und kümmert sich um deren Abschlussarbeiten. Eines seiner Hauptanliegen: "Ich will die oft auf Manga und Pixar fixierten jungen Leute dazu bewegen, sich mit den Kunststilen und Geschichten ihrer eigenen Kulturtradition auseinanderzusetzen."
Der kürzlich bis 2011 verlängerte Uni-Job lässt Rall nur noch wenig Zeit für seine eigenen Projekte wie die wiederum sehr Mystery-durchtränkte Trick-Verfilmung des Hauff'schen Märchens "Das kalte Herz". Die Geschichte vom armen Schwarzwaldköhler, der für Reichtum seine Gutmütigkeit den Mächten der Finsternis opfert, spukt seit 15 Jahren in seinem Kopf herum, seit fünf Jahren ist der Film in der Mache. "Dieses Knorrige, im Schwarzwald Verwurzelte passt ideal zu meiner Bildsprache", meint Rall, der stilistisch seinem bewährten Holzschnitt-Design treu bleibt. Allerdings werden die Charaktere in dem auf 30 Minuten angelegten Film "deutlich differenzierter" ausfallen als bei den früheren Werken. Rund 80 Prozent der Bilder sind inzwischen gezeichnet, bald kann der Feinschliff am Computer beginnen, der Rall bei aller Liebe zur Handarbeit zum unverzichtbaren Werkzeug geworden ist. Auch die Tonaufnahmen sind schon seit längerem im Kasten. Den Waldgeist spricht der im Vorjahr verstorbene Karl-Michael Vogler, bekannt als Kara Ben Nemsi in den Karl-May-Filmen der siebziger Jahre.
"Der Erlkönig" nach Johann Wolfgang Goethe.
Eine Werkstatt-Fassung vom "Kalten Herz" wird am Freitagabend in Stuttgart (20 Uhr, Kino Metropol) gezeigt, die richtige Premiere soll dann im nächsten oder übernächsten Jahr beim Trickfilmfest über die Leinwand gehen. Danach möchte Rall, sofern sich Finanziers finden, seinen Wunschtraum verwirklichen: den abendfüllenden Kino-Trickfilm. Momentan kreisen seine Ideen um einen Stoff aus der germanischen Mythologie, vielleicht die Nibelungen, aber "ohne das üblich Deutschtümelnde". Das Projekt soll keineswegs Disney & Co das Fürchten lehren, gedacht ist an eine Arthaus-Perle im Stil von "Persepolis" oder "Das große Rennen von Belleville". Denn trotz des Booms von Computer-Animation und 3D-Technik ist Rall fest davon überzeugt, dass der klassische, handgemachte Trickfilm mit seinem "unverfälschten Duktus" auch in Zukunft eine Fangemeinde finden wird.