Tübinger Kinobilanz 2011: Überraschung in Orange und ein echter König an der Spitze der Charts
Zauber-Prinz Harry und Stotter-King George lieferten sich im Vorjahr ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Gunst der Tübinger Kinozuschauer. Die Überraschung an der Kinokasse waren aber zwei nostalgische Komödien deutscher Herkunft. Beim Arsenal hat man derweil 2012 zum Jahr der Entscheidung ausgerufen.
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Klaus-Peter Eichele
Der Überraschungshit des Jahres: Die Bhagwan-Komödie "Sommer in Orange" lockte 6700 Zuschauer ins Tübinger Kino Museum (Platz 7).
Bei Volker Lamm, dem Betreiber der größten Tübinger Kinos Blaue Brücke und Museum, halten sich im Rückblick auf das Kinojahr 2011 Freud und Leid die Waage. Am Ende landete er nach eigenen Angaben bei den gleichen Zuschauerzahlen wie im Jahr davor, das wegen der Fußball-WM allerdings ziemlich schwachbrüstig war. Deutschlandweit hat der Kinobesuch nach vorläufigen Zahlen um zwei Prozent zugenommen.
Das mäßige Ergebnis führt Lamm darauf zurück, daß ein Großteil der Mainstream-Ware aus Hollywood weit hinter den kommerziellen Erwartungen zurückgeblieben sei. Jenseits der unverwüstlichen Goldesel Harry Potter (Platz 2 in Tübingen mit 12500 Zuschauern) und "Fluch der Karibik"-Captain Sparrow (Platz 3 mit 8400 Besuchern) versackten etliche vorab als Zuschauer-Magnete gehandelte Event-Movies im grauen Mittelfeld der Lokalcharts, egal ob Roboter-Remmidemmi ("Transformers 3"), Superhelden-Spektakel ("Thor") oder die sonst so krisensicheren Trickfilme ("Cars 2").
Stotternd an die Spitze der lokalen Kinocharts: "The King's Speech" mit 13600 Zuschauern.
Selbst 3D half in der Regel nicht weiter; vielmehr scheint ein erheblicher Teil des Publikums schon keine Lust mehr auf Brillen oder gesalzene Aufpreise zu haben. So entschieden sich im direkten Vergleich fast 40 Prozent der Tübinger für die parallel gezeigte 2D-Version des letzten Harry-Potter-Films.
Auf Lamms Haben-Seite steht eine ganze Reihe von Filmen, die vor Jahresfrist kaum jemand auf der Rechnung hatte - allen voran das britische Historiendrama "The King's Speech", das es mit Flankenschutz vom Kino Arsenal, wo der Film zeitgleich in der Originalfassung gezeigt wurde, mit insgesamt 13600 Besuchern an die Spitze der hiesigen Kinocharts schaffte. Nicht minder überraschend kam der Triumphzug Natalie Portmans als "Black Swan": Das vertrackte Psychodrama aus dem Ballerina-Milieu trugen mehr als 8300 Zuschauer auf den vierten Platz. Beide Filme schneiden in der Endabrechnung deutlich besser ab als deutschlandweit, wo sie die Plätze 9 und 11 belegen.
Platz 2: Das große Harry-Potter-Finale wollten 12500 Zuschauer sehen. 4600 davon bevorzugten die 2D-Version.
Noch größere Sprünge nach vorn - von den Rängen 25 und 72 in die hiesigen Top Ten - machten zwei eher kleine deutsche Komödien, die verschmitzt Vergangenes aufbereiten: "Almanya" die Ankunft der ersten türkischen Gastarbeiter und "Sommer in Orange" den Bhagwan-Kult in den achtziger Jahren. Nimmt man noch Filme wie Woody Allens "Midnight in Paris" (Platz 9), "Das Labyrinth der Wörter" mit Gérard Depardieu (Platz 12), den Edel-Western "True Grit" (Platz 14) und Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels" (Platz 15) hinzu, ist der Trend klar: Das Hightech-freie Erzählkino für ein eher älteres Publikum feierte 2011 ein beachtliches Comeback - in Tübingen noch deutlich ausgeprägter als im Rest der Nation.
Das vierte Piraten-Abenteuer von Captain Jack Sparrow - erstmals in 3D - wollten 8400 Zuschauer sehen - Platz 3.
Während die neu erwachte Liebe zum Gediegenen Volker Lamm halbwegs die Bilanz gerettet hat, hadert man im Arsenal und Atelier weiterhin schwer damit, dass fast alle finanziell attraktiven Arthaus-Filme bei der Konkurrenz gespielt werden - aktuell der französische Überflieger "Ziemlich beste Freunde", den Arsenal-Betreiber Stefan Paul gern parallel eingesetzt hätte.
Dabei verlief das abgelaufene Jahr für die beiden Kleinkinos so schlecht nicht: Im Herbst wurden sie mit dem mit 15000 Euro dotierten Spitzenpreis der baden-württembergischen Filmförderung ausgezeichnet, und auch mit den Zuschauerzahlen ging es moderat aufwärts (plus 6 Prozent auf über 38000). Rentabel sei das aber noch lange nicht, betonen Paul und Programm-Macher Dieter Betz. "Ich habe 2011 noch mal viel privates Geld in die Kinos gesteckt, um uns bei den Verleihen zu entschulden. Jetzt muss der Aufschwung kommen, sonst gehen hier die Lichter aus", sagt Paul.
Ganz knapp dahinter mit 8300 Zuschauern auf auf Platz vier: "Black Swan"
Konkret peilen die beiden 2012 ein Viertel mehr Besucher an - andernfalls habe Tübingen zwei Kinoleinwände und "wichtige Orte in der Kulturlandschaft" (Paul) weniger. Realistisch ist ein solcher Zuwachs wohl nur, wenn Arthaus-Kracher vom Schlage "Sommer in Orange" künftig auch im Arsenal oder Atelier gespielt werden - was wiederum den Kuchen des Konkurrenten Lamm verkleinern würde, der mehr denn je von solcher Ware zehrt.
Ob der Konflikt um die "Brotfilme" einvernehmlich gelöst oder der Wind zwischen den beiden Kinobetreibern rauer wird, lässt Paul offen: "Ich will keinen Streit mit Volker Lamm - aber für uns geht es um nackte Überleben".
Die weiteren Platzierungen: 5. Kokowääh (7700 Zuschauer); 6. Hangover 2 (7000 Zuschauer), 7. Sommer in Orange (6700 Zuschauer); 8. Almanya (6700 Zuschauer); 9. Midnight in Paris (5500 Zuschauer); 10. Breaking Dawn - Teil 1 (4700 Zuschauer); 11. Johnny English 2 (4700 Zuschauer); 12. Das Labyrinth der Wörter (3900 Zuschauer); 13. Fast And Furious Five (3700 Zuschauer); 14. True Grit (3600 Zuschauer); 15. Der Gott des Gemetzels (3600 Zuschauer); 16. Bad Teacher (3500 Zuschauer).
Rottenburger Waldhorn mit Rekordumsatz
Während deutschlandweit die Zahlen auf niedrigem Niveau stagnieren, hat das Rottenburger Waldhorn-Kino 2011 das umsatzstärkste Jahr seiner Geschichte hingelegt. Nach Besuchern war es mit 34207 das zweitbeste - nur 2001 kamen etwas mehr. 46 Prozent der Zuschauer sahen sich deutsche Filme an, die auch die ersten drei Plätze belegen: "Sommer in Orange" (1341), "Taste the Waste" (1116) und "Almanya" (1092). Auch der kassenstärkste 3D-Film ist mit "Pina" deutscher Herkunft.
... Großartiger und wichtiger Film, der nicht in amerikanischen Gut-Böse Klischees "funktioniert" sondern differenziert und sachlich, aber mit viel Herz auf das Elend an unseren Grenzen zu den unverblümten Sklavenregionen dieser Welt aufmerksam macht, wo jede Stunde Menschen ihr Leben lassen, ertrinken, verdursten ...