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Mit Luftdruck durchs Glas

Traumjob Stuntman: Der Tübinger Matthias Schmidt will nach Hollywood

Seit seiner Kindheit hatte der Tübinger Matthias Schmidt diesen verwegenen Berufswunsch: Stuntman. Jetzt ist der 21-Jährige auf dem Weg nach Hollywood.

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Ulrike Pfeil
Matthias Schmidt bei seinem ersten richtigen Stunt: Nach einem „Car Hit“ flog er als ... Matthias Schmidt bei seinem ersten richtigen Stunt: Nach einem „Car Hit“ flog er als Motorradfahrer durch die Luft und landete auf dem Autokühler.Privatbild

Tübingen. Es war ein Kindertraum, der sich kurz vor dem Abitur an der Tübinger Waldorfschule wieder sehr konkret im Kopf festsetzte: Seit er als kleiner Junge im Fernsehen eine Stuntshow gesehen hatte, wusste Matthias Schmidt: „Das will ich mal werden.“

„Man muss sich reinkämpfen.“ Matthias Schmidt aus Pfrondorf wollte unbedingt Stuntman ... „Man muss sich reinkämpfen.“ Matthias Schmidt aus Pfrondorf wollte unbedingt Stuntman werden.Bild: Sommer

Studieren wie sein Zwillingsbruder kam für ihn nicht in Frage. „Mit der Schule war ich nach dem Abi fertig“, sagt er. Ein Leben hinter dem Schreibtisch? Unvorstellbar für den Sohn einer Lehrerin und eines Psychiaters. „Ich muss was machen, wofür ich lebe. Und Stuntman war eben mein Traum.“

Das Double von Spiderman

Einen anerkannten Ausbildungsweg für die Leute, die in Filmen anstelle der Schauspieler die gefährlichen Situationen übernehmen, sich prügeln, aus brennenden Autos rollen oder von Klippen stürzen, gibt es nicht. „In das Stunt-Business muss man sich reinarbeiten“, sagt Schmidt. „Es ist learning by doing.“

Um zu lernen, buchte er einen vierzehntägigen Workshop bei dem besten Lehrmeister, den er finden konnte: dem Schweizer Stunt-Star Oliver Keller, der es in Los Angeles zum Double von „Spiderman“ Tobey Maguire und von „Kiss and Kill“-Star Ashton Kutcher brachte. Der Workshop bei Kellers Schweizer Stunt-Firma kostete rund 3000 Euro. Für die Anzahlung gab ihm seine Mutter einen Vorschuss. Monatelang jobbte Matthias Schmidt dann im Tübinger Regierungspräsidium, um das Geld aufzubringen.

Bei dem Kurs im Sommer 2010 wurde er dann erst recht von der Stuntwelt angefixt. „Das waren meine tollsten zwei Wochen seit langem“, sagt er. Die Teilnehmer aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland übten „High Falls“ (Sprünge aus 15 Metern Höhe ins Luftkissen); „Car Hits“ (Zusammenstöße mit Autos, bei denen man durch die Luft fliegt); Feuerbrände (man steht selbst in Flammen) und – eine der wichtigsten Stunt-Disziplinen – „Fights“, also körperliche Auseinandersetzungen vom Schwert- bis zum Straßenkampf.

„Mich hat es von allen am meisten gepackt“, sagt Schmidt. Er fragte, ob er auf einen Dreh mitkommen dürfe, und zwei Wochen später saß er am Set in Solothurn, half bei Sicherheitsvorkehrungen und beim „Riggen“, wie in der Stunt-Sprache die technische Unterstützung heißt. Wenn etwa die Druckwelle einer Explosion simuliert wird, zieht ein Drahtseil den Stuntman mit Luftdruck nach hinten weg.

Seither hatte Schmidt immer wieder Jobs bei der Stuntfirma, meist Praktika ohne Bezahlung. „Geschenkt wird einem nichts in dem Geschäft“, sagt er. „Du musst immer beweisen, dass du es willst, dass du den Stress aushältst.“ Im April 2011 durfte er seinen ersten richtigen Stunt machen: In einem Sicherheitsfilm für die Schweizer Polizei musste er in einem „Car Hit“ nach einem Motorradunfall über ein Auto fliegen und auf dem Kühler landen. Später wurden noch Flammen in den Hintergrund montiert.

Der Stunt erinnert an den Unfall von Samuel Koch, der bei „Wetten dass?“ mit Sprungfedern über Autos setzte, stürzte und schwer verletzt wurde. Hat dieser Unfall Matthias Schmidt beeindruckt? Selbstverständlich habe man darüber gesprochen, sagt er, weist aber gleich auf einen Unterschied hin: „Wir machen nichts, ohne gesichert zu sein.“ So hing auch er beim Sprung über das Auto mit der Taille an einem Drahtseil. „Im Film kann man ja schneiden und retouchieren.“

Im August wurde Schmidt in das Stunt-Team von Oliver Keller aufgenommen, was zunächst vor allem eine gute Referenz ist. Er nutzte sie, um sich drei Monate lang bei den besten Stuntleuten der Welt in Hollywood umzusehen. Wie er dort von Trainern und Kollegen aufgenommen wurde, hat ihn vollkommen begeistert. Sogar den einen oder anderen Stuntjob hätte er bekommen können – es scheiterte nur am Visum, das keine Arbeitserlaubnis für die USA vorsah. Die will er sich jetzt unbedingt besorgen, umso bald wie möglich nach Los Angeles zurückzukehren.

Jeden Tag Kraft-und Fitness-Training

Körperliche Fitness ist die Grundvoraussetzung für den Beruf. Schmidt, der in Pfrondorf wohnt, trainiert jeden Tag Kraft und Ausdauer. Um die richtige Landung nach „High Falls“ zu üben, mietete er schon mal eine Schulturnhalle, wo er sich aus sechs Metern Höhe auf weiche Matten fallen ließ. Verletzt hat er sich noch nie. Aber Stunts seien sehr wohl schmerzhaft – „sonst könnten es ja die Schauspieler selbst machen“. Ängstlich dürfe man nicht sein, denn „aus Angst entstehen Fehler.“ Aber Respekt müsse man vor der Aufgabe immer haben. Und Konzentration.

Nun hofft Schmidt, dass in Hollywood bald ein Stunt-Partner für einen Schauspieler gesucht wird, dem er ähnlich sieht. Und er träumt davon, wie er brennend blitzschnell von einem Schnappseil zehn Meter weit durch eine berstende Glasscheibe gezogen wird. Neulich im Warner Studio hatte ein Stuntman gerade so eine „Ratchet“-Szene gespielt. „Da kribbelt’s mich gleich“, sagt Matthias Schmidt.

05.01.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 07.01.2012 - 12:03 Uhr

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