In Christian Schwochows Film „Die Unsichtbare“ geht eine Schauspielerin durch die Psycho-Hölle
Mit „Novemberkind“ gelang dem in Ludwigsburg ausgebildeten Regisseur Christian Schwochow vor zwei Jahren ein Überraschungshit. Jetzt kommt sein neuer Film ins Kino: „Die Unsichtbare“ erzählt, wie eine junge Schauspielerin von einem ehrgeizigen Regisseur an ihre Grenzen getrieben wird – und darüber hinaus.
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KLAUS-PETER EICHELE
Der gute Regisseur: Christian Schwochow war letzte Woche bei der Vorpremiere seines neuen Films im Kino Arsenal.Bild: Ulmer
Wie peinlich: Bei der Abschluss-Präsentation vor den Intendanten der Nation schläft die Theaterschülerin Fine (Stine Fischer Christensen) auf offener Bühne ein. Und ausgerechnet diese Schlaftablette von Schauspielerin hat sich der berüchtigte Regie-Star Friedmann (Ulrich Noethen) für die Hauptrolle seiner nächsten Inszenierung ausgeguckt: Fine soll Camille spielen, einen sexsüchtigen, durchtriebenen, selbstzerstörerischen Vamp – auf den ersten Blick das genaue Gegenteil ihres unscheinbaren Wesens. Und wie macht man aus einem grauen Mäuschen eine wilde Hyäne? Mit Method Acting.
Die berühmte Technik zielt auf die Authentizität der Gefühle: Der Schauspieler soll extreme emotionale Situationen aus seinem Vorleben auf der Bühne reproduzieren. Popularisiert wurde sie vom Amerikaner Lee Strasberg, an dessen New Yorker Institut Hollywood-Stars wie Marlon Brando und Robert De Niro gelernt haben. Zur Vorbereitung seines Films „Die Unsichtbare“ hat auch Regisseur Christian Schwochow, dem Theater bis dahin nur als Zuschauer vertraut war, dort einen Schauspielkurs belegt. Seine Erfahrung war zwiespältig: „Man kann mit dieser Methode ungeheuer viel erreichen, aber sie kann labile Persönlichkeiten auch kaputt machen.“ Daher ist der Theaterregisseur Friedmann kein Selbstporträt des Filmregisseurs Schwochow: „Mit seiner Kunst-Besessenheit steht er mir schon auch nahe, aber meine Arbeitsweise ist eine völlig andere. Ich versuche, den Schauspielern so wenig Druck wie möglich zu machen, und würde nie versuchen, sie gegen ihren Willen irgendwohin zu treiben.“
Der schlimme Regisseur: Der Ehrgeiz des Kunst-Besessenen Friedmann (Ulrich Noethen) kennt kein Erbarmen mit seiner Schauspielerin.
Friedmann dagegen jagt im Film seine junge Schauspielerin schonungslos durch ihre psychischen Abgründe. Das ist anfangs noch harmlos: Für das authentische Vamp-Feeling geht Fine in der Nachbarschaft mit blonder Perücke auf Männerfang. Doch der emotionale Schlüssel für die Rolle der Camille liegt tiefer: in einem verdrängten familiären Trauma; in der Angst, nicht geliebt zu werden. Von ihrem Mentor angestachelt, stößt Fine auf immer schmerzhaftere Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit – und stürzt dadurch in eine beinahe lebensbedrohliche Krise.
Dass diese Tour de Force so intensiv und mitreißend geraten ist, hat vielleicht damit zu tun, dass Fines Ängste zum Teil Schwochows eigene sind. Sein Debütfilm „Novemberkind“ über die Identitätskrise einer jungen ostdeutschen Frau geriet vor zwei Jahren zu einem sensationellen Hit in den deutschen Arthaus-Kinos. „Danach“, erzählt er, „fühlte ich mich plötzlich massiv unter Erfolgsdruck. Die Naivität, mit der ich an den ersten Film herangegangen war, war wie weggeblasen. Und ich bekam diese Theater-Geschichte mit ihren psychologischen Bögen einfach nicht in den Griff.“ Zwischenzeitlich stand ihm das Schicksal vieler deutscher Jungregisseure vor Augen, die nach einem gelungenen Debütfilm in der Versenkung verschwunden sind. Letztlich, glaubt der Regisseur, sei es ihm aber gelungen, diese Unsicherheit und Verzweiflung produktiv für den Film zu nutzen: Method Directing, sozusagen.
Eine Krise war am Ende aber doch noch zu bewältigen: die frappante Ähnlichkeit der „Unsichtbaren“ mit dem letztjährigen Oscar-Gewinner „Black Swan“. Schwochow schwört, dass er von der Existenz des Zwillings erst nach Abschluss seiner eigenen Dreharbeiten erfahren hat. „Danach hatte ich erst mal richtig schlechte Laune. Neben einem so großartigen Regisseur wie Darren Aronofsky bestehen zu können, schien mir ausgeschlossen.“ Nach viel positiver Resonanz auf Festivals, hat der 33-Jährige jedoch wieder Mut geschöpft: „Ich denke, dass beide Filme gut nebeneinander existieren können. Und vielleicht hat ’Black Swan‘ das Interesse für diese sonderbaren Theaterleute ja erst angefacht.“
... Großartiger und wichtiger Film, der nicht in amerikanischen Gut-Böse Klischees "funktioniert" sondern differenziert und sachlich, aber mit viel Herz auf das Elend an unseren Grenzen zu den unverblümten Sklavenregionen dieser Welt aufmerksam macht, wo jede Stunde Menschen ihr Leben lassen, ertrinken, verdursten ...