Als Theorie noch sexy war
Dutschke-Darsteller Christoph Bach über Mauersprünge und Schachtelsätze
Der in Gomaringen aufgewachsene Schauspieler Christoph Bach ist am kommenden Dienstag in seiner bisher spektakulärsten Rolle zu sehen. In dem ZDF-Dokudrama „Dutschke“ spielt der 34-jährige Wahlberliner den charismatischen Studentenführer der Apo-Zeit, der noch heute für manche politische Kontroverse gut ist.
Klaus-Peter Eichele
Ja, das ist er doch: Christoph Bach als Rudi Dutschke, hier vor Heidelberger Studenten beziehungsweise Komparsen.
Herr Bach, Sie kommen ursprünglich aus der Steinlachtäler Punkszene. Da war man auf einen Polit-Hippie wie Rudi Dutschke sicher nicht gut zu sprechen? Christoph Bach: Punkszene ist ziemlich übertrieben, in den Neunzigern war ja davon nicht mehr so viel übrig. Trotzdem haben wir haben damals noch ein Fanzine herausgegeben. Ich kann mich aber tatsächlich nicht daran erinnern, dass wir damals viel über Rudi Dutschke diskutiert hätten.
Regisseur des Films ist Stefan Krohmer, der in Reutlingen aufgewachsen ist. Kennen Sie sich von früher?Nein, er ist drei, vier Jahre älter als ich. Wir sind uns damals noch nicht über den Weg gelaufen.
Krohmer hat in einem Interview gesagt, dass sich ihm anfangs die Faszination für Dutschke überhaupt nicht erschlossen hat. Ging es Ihnen ähnlich?Auch ich hatte anfangs das gängige Medienbild des nur auf Politik fixierten Agitators, der mit seinen Reden ganze Säle in Bann schlägt, vor Augen. Bei meiner Recherche bin ich aber früh auf Material gestoßen, das ihn auch anders zeigt. Es gibt Filmaufnahmen, in den man ihnen lachen oder als hellwachen Zuhörer sieht. Oder Tonbandmitschnitte, wo er seine Reden mit einem Witz beginnt und man ihn ganz entspannt erleben kann. Ich musste schließlich feststellen: Es gibt viele Rudi Dutschkes.
Wie sind Sie an die Rolle herangegangen?Am Anfang habe ich monatelang nur gelesen. Über Dutschke wird ja auch erzählt, er habe in den Hochphasen seines Studiums zwölf bis dreizehn Stunden am Tag über seinen Büchern verbracht. Er hatte ja auch immer diese berühmte schwere Tasche voller Lektüre dabei. Man darf aber nicht vergessen: Es war damals durchaus sexy, theoriebeschlagen zu sein. Irgendwann habe ich mir aber gesagt: Stopp! Entspann Dich mal. Und mich mehr auf die Film- und Tondokumente konzentriert, um ein Gefühl für seine Gestik und Redeweise zu bekommen.
Neben Spielszenen enthält der Film Interviews mit Weggefährten wie Dutschkes Witwe Gretchen oder seinem Freund Gaston Salvatore, aber auch mit Gegnern wie Eberhard Diepgen. Haben Sie auch mit Zeitzeugen gesprochen?Ich hatte ja schon im Vorfeld die Möglichkeit, mir die ganzen Interviews anzuschauen, die Stefan Krohmer und Drehbuchautor Daniel Nocke geführt hatten. Ich habe mich dann dafür entschieden, nur Gretchen Dutschke einmal persönlich zu treffen. Das war ein wichtiges Gespräch, weil das ganze Recherchematerial im Kopf plötzlich lebendig wurde.
Haben Sie sie auch nach den Dreharbeiten getroffen? Ist Sie zufrieden mit Ihnen als Rudi?Wir haben uns nach einer Preview kurz getroffen. Sie hat mir die Hand gegeben und gelacht.
Was war schauspielerisch die größte Herausforderung?
Es war harte Arbeit, den typischen Dutschke-Sound – die langen Schachtelsätze, dieses Heben der Stimme am Satzende – genau zu treffen, ohne in eine Parodie abzugleiten. Noch schwieriger waren einige körperliche Herausforderungen. Es gibt die Szene, in der er auf der Flucht vor der Polizei über eine Mauer springt. Dutschke war ja ursprünglich Leichtathlet und hätte das sicher mit links geschafft. Ich habe mindestens 15 Versuche gebraucht.
Für viele ist Dutschke ein Heiliger. Andere sehen in ihm einen Vordenker des Terrorismus. . ..Der Film bildet mehr die Kontroverse über diese Themen ab, als dass er klare Antworten liefert. Teilweise ist es ja so, dass sich die Spielszenen und Interviewaussagen widersprechen. Es ist eben auch ein Film über das Trügerische der Erinnerung. Unser Anliegen war, die Zuschauer auf unterhaltsame Art zum selbständigen Denken anzuregen.
Und Ihre persönliche Meinung?Ich kann an Rudi Dutschke einiges finden, das mich auch heute noch anspricht. Beispielsweise die Glaubwürdigkeit in Verbindung mit seinem politischen Engagement. Er hat ja auch vorgelebt, was er vertreten und eingefordert hat.
Der Film verwendet viel Zeit auf die Phase nach dem Attentat, als Dutschke schwer krank war. War das notwendig?Auch diese Frage wird ja im Film heiß diskutiert. Gaston Salvatore schlägt vor, man sollte ihn unbedingt nach dem Attentat enden lassen, alles weitere sei bedeutungslos. Mir wäre das zu sehr in Richtung Heldenepos gegangen. Und gerade in der Zeit danach erfährt man ja Wesentliches darüber, was aus der Bewegung wurde. Dutschke hat schon kurz nach dem Attentat alle verfügbaren Kräfte darauf verwendet, in die politische Szene zurückzukehren und sich dabei auch überfordert. Da ist eine Gebrochenheit, aber auch Willenskraft zu spüren, die viel erzählt und die auch schauspielerisch reizvoll ist.
Ohne das Attentat – was wäre aus Rudi Dutschke geworden?Die Frage unterstellt, dass er nach dem Attentat politisch tot war. Das greift aber zu kurz. Er hat sich in den siebziger Jahren stark in den neuen sozialen Bewegungen engagiert und war ja auch in der Gründungsphase der Grünen aktiv.
Christoph Bachs Karriere begann in der Theater-AG des Mössinger Quenstedt-Gymnasiums. Später belegte er Workshops am Tübinger Landestheater und ließ sich schließlich in Berlin zum Profi-Schauspieler ausbilden. Große Kinorollen hatte er bis dato vor allem in kleinen Nachwuchsfilmen (zuletzt „66/67 - Fairplay war gestern“), dem breiten Publikum wurde er mit mehreren „Tatort“-Auftritten und als Ossi-Flüchtling in dem RTL-Wendeepos „Prager Botschaft“ bekannt. Die „Dutschke“-Rolle rückt den 34-Jährigen nun vollends ins Rampenlicht. Im Herbst wird man Bach wieder auf der Kinoleinwand sehen können: In der französischen Produktion über den internationalen Top-Terroristen Carlos spielt er dessen deutschen Handlanger Hans-Joachim Klein, der nach dem blutigen Überfall auf die Wiener Opec-Residenz der Gewalt abgeschworen hat und sich jahrelang vor seinen Ex-Genossen und der Polizei verstecken musste.