Die Arthaus-Krise dämpft den Boom an den hiesigen Kinokassen
Plus 16 Prozent Besucher, plus 25 Prozent Umsatz - die deutschen Kinobetreiber hatten 2009 allen Grund zum Jubeln. In Tübingen gesellt sich zur Freude jedoch auch mächtig Katzenjammer.
Anzeige
Klaus-Peter Eichele
Tübinger Kino Top-Ten 2009:
1. Avatar 3D (13000 Zuschauer, bis 17. Januar 2010); 2. Ice Age 3 (12500), 3. Harry Potter und der Halbblutprinz (10900), 4. Slumdog Millionär (10700); 5. Illuminati (8800); 6. Wickie und die starken Männer (7500); 7. Oben 3D (6300); 8. Zweiohrküken (6000); 9. New Moon - Bis(s) zur Mittagsstunde (5900); 10. Der Vorleser (5900).
Mit einem Besucherzuwachs von rund zehn Prozent steht Volker Lamm zweifellos auf der Gewinnerseite. Allerdings gibt der Betreiber der Kinos Museum und Blaue Brücke zu bedenken, dass das Level in den Jahren davor äußert niedrig war: "2007 hatten wir das schlechteste Jahr der Firmengeschichte". Auch deutschlandweit sei man von den Goldgräber-Zahlen zu Anfang des vorigen Jahrzehnts (2001: 178 Millionen Kinogänger; 2009: rund 140 Millionen) noch weit entfernt.
Ein Großteil des Lamm'schen Zuwachses rührt vom 3D-Kino - obwohl er die dafür notwendige Technik erst vor vier Monaten in zwei Säle der Blauen Brücke einbauen ließ. Allein James Camerons Science-fiction-Spektakel "Avatar" lockte bis Mitte Januar rund 13000 Zuschauer in die Blaue Brücke; auch der dreidimensionale Trickfilm "Oben" lief ordentlich. Dass der Boom unvermindert anhält, glaubt Lamm allerdings nicht: "In nächster Zeit sind nur Animationsfilme in 3D angekündigt. Ich schätze, dass es da bald Ermüdungserscheinungen geben wird." Insofern zögert er noch, auch das Museum entsprechend aufzurüsten.
Dass Lamm trotz dieser Investition nur unterdurchnittlich zulegen konnte, liegt an der Krise seines zweiten Standbeins, des Arthaus-Kinos. Tatsächlich geht der Aufschwung des Vorjahres fast ausschließlich aufs Konto von millionenschweren Mainstream-Filmen aus deutscher (stolze 27 Prozent Marktanteil) und Hollywood-Produktion. Künstlerisch Anspruchsvolles war dagegen vorwiegend Kassengift. Selbst im akademischen Tübingen schaffte es mit "Slumdog Millionär", der erstaunliche 10700 Besucher anzog, nur ein klassischer Arthaus-Film in die Top Ten. Lamm macht für den Niedergang vor allem die Überfülle an der Kinostartrampe verantwortlich - Filme, die ohne massiven PR-Flankenschutz auskommen müssen, würden in diesem Gedrängel einfach zermalmt.
Viel mehr als Lamm, der sich dank seiner Marktmacht immerhin die Rosinen herauspicken kann, leidet sein Konkurrent Stefan Paul unter der Misere des Kunstkinos. Die für Arsenal und Atelier übrig bleibenden Brosamen interessierten übers Jahr gerade mal knapp 37000 Zuschauer - nochmals 20 Prozent weniger als im schon ziemlich desolaten Jahr 2008. Zum Vergleich: Vor acht Jahren lockte allein "Die fabelhafte Welt der Amélie" mehr als 20000 Besucher ins Arsenal.
Nach Jahren des Abstiegs scheint Paul selber nicht mehr so recht daran zu glauben, dass irgendwann wieder goldene Zeiten anbrechen. "Mit unseren 100 und 80 Plätzen sind wir für die größeren Arthaus-Verleihe einfach uninteressant". Und seit der Einstellung von Ex-Filmtage-Chef Dieter Betz als Marketing-Fachkraft ist das Verhältnis zu Volker Lamm, der früher den ein oder anderen attraktiven Film an die Konkurrenz abgetreten hat, getrübt (wir haben berichtet). Ein Versuch, das Steuer herumzureißen, ist immerhin die jüngst erfolgte Umstellung vom wochenaktuellen zum Monatsprogramm mit buntem Infoheft.
Die zunehmende Unlust des Publikums, sich auf etwas schwierigere Themen einzulassen, bekam auch Pauls Arsenal-Filmverleih zu spüren. Preisgekrönte und entsprechend hoffnungsvoll gestartete Filme wie das französische Kollaborations-Drama "Ein Geheimnis", die Seiltänzer-Doku "Man On Wire" oder die Familien-Groteske "Home" versackten im kommerziellen Mittelmaß. Die stabil bleibenden DVD-Verkäufe können solche Kino-Flops wenigstens teilweise ausgleichen.
Aber vielleicht ist ja schon eine weitere Trendwende im Gange. Jedenfalls hat Fatih Akins ambitionierte, beim Festival in Venedig hoch dekorierte Sozialkomödie "Soul Kitchen" in nur dreieinhalb Wochen bereits 7000 Zuschauer in Tübingen eingesammelt - und sich damit wohl schon jetzt einen Top-Ten-Platz im laufenden Jahr gesichert.