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„Shoah“-Regisseur Claude Lanzmann

Der weltberühmte Franzose war nach dem Krieg Stipendiat im Maison de France

Lange bevor er mit dem monumentalen Dokumentarfilm "Shoah" weltberühmt wurde, lebte der Filmemacher Claude Lanzman zwei Jahre lang in Tübingen.

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Hans- Joachim Lang
Artikelbild: Der weltberühmte Franzose war nach dem Krieg Stipendiat im Maison de France Claude Lanzmann bei den Filmfestspielen 2001 in Cannes. Bild: AP

Michel Tournier studierte bereits ein Jahr in Tübingen, als er im Juli 1947 Claude Lanzmann vom Bahnhof abholte. Mittlerweile sind die beiden Franzosen weltberühmt geworden. Lanzmann, der in den Fünfzigern in Paris mit Simone de Beauvoir zusammenlebte, wird gemeinhin mit dem Film „Shoah“ identifiziert. „Tournier war ein guter Kamerad, ein lustiger Bursche, ein Schicksalsgefährte mit einfachen und klaren Ideen“, sagt Lanzmann über den Kommilitonen und späteren Romancier.

Es war keine Selbstverständlichkeit, dass der 21-jährige Franzose, der als Oberschüler an Partisanenaktionen gegen die deutschen Besatzer beteiligt war, zwei Jahre nach dem Krieg nach Tübingen kam, um hier Philosophie zu studieren. Manche Juden wollten nach den Erfahrungen des Holocaust keine einzige Silbe mehr in deutscher Sprache lesen.

Artikelbild: Der weltberühmte Franzose war nach dem Krieg Stipendiat im Maison de France „Shoah“: Leitmotivisch rollt immer wieder eine Dampflok über die verrottenden Gleise in Richtung Vernichtungslager. Der Lokführer beim Rückblick aus dem fahrenden Zug.

Claude Lanzmann jedoch war, wie auch seine beiden Brüder und seine Schwester, ohne jüdische Sozialisation aufgewachsen, in seiner Familie spielten jüdische Kultur und jüdische Religion keine Rolle. Gegen die Nazis hatte er als Linker gekämpft. Seine jüdische Herkunft begann erst für ihn wichtig zu werden, als er auf Jean-Paul Sartres 1946 veröffentlichte „Betrachtungen zur Judenfrage“ aufmerksam wurde. Die Verbrechen der Nazis, sagte Lanzmann im Frühjahr in einem Interview mit der „Zeit“, hätte er damals noch gar nicht ermessen können. Es scheint, als wundere es ihn selbst, dass er sich in der Nachkriegsära nicht von Deutschland ferngehalten hat.

Matrone mit sanfter Stimme

Nach seiner Ankunft in Tübingen im Herbst 1947 bezog der Student ein Quartier in der Südstadt nahe der Bahnlinie, Adresse Hegelstraße 17/1. „Dort sah oder hörte ich vierundzwanzig Stunden am Tag Züge fahren“, erinnert er sich bis zum heutigen Tag. „Der Vermieter dieser einfachen Wohnung war ein kleiner, dicker Schwabe von glücklichem Naturell.“ Dessen Frau beschreibt Lanzmann als „eine Matrone mit sanfter Stimme, die mir unbedingt jeden Wunsch erfüllen wollte“. Der pensionierte Verwaltungsobersekretär Hermann Riese und seine Frau Rosa, ein kinderloses Ehepaar, nahmen den jungen Mann gerne bei sich auf. „Ich durfte mich auch in der guten Stube aufhalten.“

Artikelbild: Der weltberühmte Franzose war nach dem Krieg Stipendiat im Maison de France Die Tübingen-Postkarte links aus der Nachkriegszeit veranschaulicht durch die französische Aufschrift („Bords du Neckar“ – „Neckarufer“) das Besatzungsstatut. Das Bild wurde in Höhe des Französischen Offizierskasinos fotografiert.

  Claude Lanzmann war an der Pariser Sorbonne in Philosophie eingeschrieben, nach Tübingen war er in der Absicht gekommen, das Studium abzuschließen. Als Thema einer Diplomarbeit war geplant: „Leibniz und die Monadologie“. Weder Leibniz noch die deutsche Sprache waren jedoch der Grund für ihn gewesen, ausgerechnet Tübingen auszuwählen. „Leibniz hat ja sein ganzes Werk in Latein verfasst“, sagte Lanzmann 1985 in einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk. Tatsächlich hatte ihn Michel Tournier, den er aus Paris kannte, überredet nach Tübingen zu kommen.

In einem Beitrag für das jüngste Heft der von der Akademie der Künste herausgegebenen Kulturzeitschrift „Sinn und Form“ nennt Lanzmann schlicht materielle Annehmlichkeiten, auf die ihn sein Kommilitone Tournier aufmerksam gemacht hatte: „Mit einem Dienstauftrag der Militärregierung konnten französische Studenten eine Art Stipendium erhalten: sechzig Mahlzeiten pro Monat, die in der Maison de France einzunehmen waren, einem gemütlichen Anwesen, von dem aus man das Neckartal überschaute und muskulöse junge Deutsche sah, die dort wie die Engländer in Cambridge und Oxford ruderten.“ Ein weiteres: Das Stipendium berechtigte auch zu einer Wohnung.

ichel Tournier hatte diesen Vorteil schon ein Jahr früher genutzt. Er war 22 Jahre alt, als er das erste Mal nach Tübingen gekommen war. In einer Gruppe von 30 ausländischen Studierenden hatte er im Sommer 1946 an einem „Cours de vacances“ teilgenommen, drei Wochen im Schwarzwald und drei Wochen in der Universitätsstadt. 30 deutsche Kommilitonen hatten ebenfalls dazu gehört, darunter Hellmut Waller, in dessen Tübinger Elternhaus Tournier während der zweiten Kurshälfte untergebracht war. 29 französische und englische Gäste hatten im August 1946 die Stadt wieder verlassen, einer war geblieben.

Tournier wollte Philosoph werden und hatte Tübingen als den passenden Ort empfunden für grundlegende Studien zur deutschen klassischen Philosophie. Als Spätberufener fand er erst Jahrzehnte danach zur Literatur und veröffentlichte als 42-Jähriger seinen ersten Roman. Dass Waller dann mit der deutschen Ausgabe nicht ganz zufrieden war, begründete eine außergewöhnliche Zusammenarbeit. Denn fortan betätigte sich der sprachbegabte Jurist in seiner knappen Freizeit als Übersetzer Tourniers: Allein fünf Romane und sechs Bände mit Novellen und Erzählungen übertrug er ins Deutsche, zahlreiche kleinere Arbeiten nicht mitgezählt.

„Tournier, seit 1946 einer meiner wenigen nahen Freunde in Tübingen, machte mich 1947 mit dem aus Frankreich eingetroffenen Claude Lanzmann bekannt“, erzählt Waller, der heute in Bebenhausen lebt. Auch mit ihm sei eine, „freilich beiderseits viel weniger bedeutsame“, Freundschaft entstanden. Und diese hatte einen für ihn bemerkenswerten Akzent: „Er war der erste Jude, den ich kennenlernte.“ Man habe sich gegenseitig besucht, und er wisse noch genau, dass Lanzmann „mit besonderem Stolz in der Straße wohnte, die nach dem Philosophen Hegel benannt ist“.

Mehrere Stunden täglich Leibniz gelesen

In seinen Erinnerungen an Tübingen erwähnt Lanzmann, dass er „in der Hegelstraße mehrere Stunden täglich“ Leibniz gelesen habe, berichtet von zwei Besuchen Gilles Deleuzes in Tübingen, der wie Tournier und er Deutschland als „Heimat der Philosophie“ gesehen habe. Doch mit Tournier habe er die „lichtvollsten Mußestunden“ verbracht. „Er ritt gern und redete mir zu, es ebenfalls zu versuchen. In Tübingen gab es einen Armee-Reitclub, den ein Oberst Whitechurch leitete. Ich wurde dort Mitglied, und unter der Fuchtel eines Befehle und Beleidigungen bellenden ehemaligen Wehrmachtsausbilders lernte ich die Figuren der Reitkunst, ohne Sattel reiten, von einem galoppierenden Pferd abspringen und wieder aufsitzen, indem man im Sägemehl zu seiner Flanke rennt. Ich war recht gut und wurde mit jeder Unterrichtsstunde besser.“

Eine Studentenakte Claude Lanzmanns ist im Universitätsarchiv nicht überliefert. Er selbst erwähnt auch keine Vorlesungen oder Seminare, die er besucht hätte. „Ich hatte nie den Eindruck, dass er ernsthaft studierte, der Homme à femmes in ihm war sichtlich aktiver“, sagt Waller in vornehmer Zurückhaltung, Lanzmann sei "in Rede, Aufzug, Gebaren und Lebenswandel ein Bohemien“ gewesen. Tornier, unverblümter: Lanzmann habe „eine Theorie nach der anderen um die drei großen Probleme seines Lebens“ gebaut: „seine Gesundheit, das Geld und die Frauen.“ Er habe nach Erfolg bei Frauen gehungert und er sei immer ans Ziel gekommen, indem er in ihnen „eine wunderliche Mischung von Schrecken, Lachen und Mitleid erregte“. Wenige Jahre später, in Paris, hätte nicht einmal Simone de Beauvoir widerstehen können. Immerhin sechs Jahre, von 1952 bis 1958, verbrachten sie miteinander.

„Schlimm wie andere, berüchtigtere Lager“

In Tübingen traf Lanzmanns Interesse auf eine Sekretärin der Militärregierung. „Sie kam ein- oder zweimal in meine gute Stube in der Hegelstraße, wo sie mich mit ihren schönen Beinen und ihren hohen Absätzen reizte.“ Sein Annäherungsversuch sei schroff abgewiesen worden, schreibt er. „Mit einem Juden gehe ich nicht ins Bett“, habe sie ihn angegiftet, am nächsten Tag hätte ihr Vorgesetzter und „wohl auch ihr Liebhaber“ empfindliches Übel angedroht. „Meine Beziehungen zu den deutschen Studentinnen waren zum Glück weniger frustrierend. Wendi von Neurath, die ich durch Tournier kennenlernte, lud mich ein, das Wochenende auf dem Familienbesitz in der Nähe von Stuttgart zu verbringen.“ Sie war die Nichte des früheren Reichsaußenministers.

Das Gut der Neuraths lag in Vaihingen. Lanzmann: „Am Nachmittag führte mich Wendi durch das Gut, und auf einmal, ohne dass eine Abzäunung, ein Hinweis, ein Zeichen es angekündigt hatten, war ich in einem Konzentrationslager, mit Etagenbetten, Latrinen, Galgen, Peitschen, gestreifter Kleidung, Holzschuhen – ein ungeheures, aber noch verständliches Durcheinander. Das Konzentrationslager Stuttgart-Vaihingen war das erste, das ich sah. Den Historikern ist es wohlbekannt. Mit seinen grausamen Haftbedingungen war es genauso schlimm wie andere, berüchtigtere Lager.“ Die „Wege des Lebens“ schreibt Lanzmann, hätten ihn „von der Spur Wendi von Neuraths“ entfernt.

Nach einem Jahr in Tübingen unterrichtete ihn der Direktor des Tübinger Maison de France, der offenbar gute Beziehungen hatte, von einer freien Lektorenstelle an der neuen Freien Universität von Berlin. Lanzmann bewarb sich und wurde genommen. „Anfang November landete ich in Tempelhof. Ich war knapp dreiundzwanzig.“ 1950 kehrte er nach Paris zurück, arbeitete als Journalist, unter anderem an der von Sartre und Beauvoir gegründeten „Revue Les Temps Modernes“, deren Mitherausgeber er wurde.

Von 1970 an wandte sich Lanzmann dem Kino zu, 1974 begann er mit den langwierigen Arbeiten für den 1985 im Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilm „Shoah“. Neun Stunden lang kommen darin ausschließlich Zeitzeugen zu Wort, Opfer wie Täter, Zuschauer und Mitwisser. Es gibt in dem Film keine Sekunde mit Archivmaterial, denn es ist eine Dokumentation ausschließlich über das Erinnern an den Holocaust.

Hellmut Waller hat den früheren Kommilitonen nach 1948 nicht mehr gesehen, nur einmal ein Briefchen erhalten. Die Ausstrahlung von „Shoah“ im Deutschen Fernsehen im Frühjahr 1986 ließ er sich nicht entgehen. „Die Fakten des Films sind mir bekannt gewesen“, sagte er damals dem TAGBLATT. Einzelheiten hatte er nicht zuletzt auch als Generalstaatsanwalt in Stuttgart aus umfangreichen Ermittlungsverfahren gewusst, in denen es um die Judenvernichtung ging. „Aber es gab vieles, auch optisch, für mich zu entdecken. Die Aussagen waren überzeugend, der Film ist mehr als eindrucksvoll.“

08.10.2009 - 13:53 Uhr | geändert: 12.11.2012 - 19:20 Uhr

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