[X]
 per eMail empfehlen


   

Interview

Barbara Sukowa über die Frau zwischen Kräutern und Klöstern

Im Kloster Maulbronn wurde unter dem Titel „Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“  ein Kinofilm über die Äbtissin aus dem Mittelalter gedreht. Wir sprachen mit Barbara Sukowa, die in dem Streifen die Hauptrolle spielt, über eine faszinierende Frau und ihre Zusammenarbeit mit der Regisseurin Margarethe von Trotta.

Anzeige


Claudia Zimmer
Artikelbild: Barbara Sukowa über die Frau zwischen Kräutern und Klöstern Barbara Sukowa als Hildegard von Bingen.
Frau Sukowa, wie haben Sie sich mit dieser bemerkenswerten Frauenfigur aus dem Mittelalter auseinander gesetzt, um sich ihr anzunähern und sie zum Leben zu erwecken?

Sukowa: Ich habe viel über Hildegard von Bingen gelesen, beispielsweise die wunderbare Biographie von Barbara Beuys „Denn ich bin krank vor Liebe“. Wie ich mich als Äbtissin zu verhalten habe, erfuhr ich durch das Studium der Benediktinischen Regeln. Ich habe ihre Psalmen gelesen, ihre Musik angehört, und lese oft in der Bibel, besonders das Evangelium ihres Lieblingsapostels Johannes. Beim Umsetzen einer Rolle ist es wichtig, zulassen zu können. Auch das Unbewusste spielt in unserem Beruf eine Rolle. Man kann und muss nicht alles erklären, was beim Schauspielen in einem passiert, denn sonst gäbe es ja kein Geheimnis mehr.

Gibt es im Wesen Hildegards, so wie sie im Drehbuch vorgestellt wird, etwas, das Sie besonders berührt hat?

Sie war oft krank. Kinder, die nicht in die Welt gehen können, sondern ans Bett gefesselt sind, entwickeln häufig Phantasien und werden in besonderer Weise kreativ. Dieses Phänomen erinnerte mich an Rosa Luxemburg. Der „Trotz des Schmerzes“ macht einen ein bisschen zum Außenseiter, lässt aber Kräfte in einem wachsen, besonders psychische, wenn man es schafft, die Widerstände zu überwinden und zu leben.

Sehen Sie in der Figur Hildegards Parallelen zu Ihrem eigenen Leben?

Hildegard von Bingen war aufgrund ihrer vielseitigen Talente eine facettenreiche Persönlichkeit: Visionärin, Heilerin, Komponistin und eigenwillige Magistra eines Benediktinerinnenklosters im 12. Jahrhundert. In den Köpfen der meisten Menschen existiert sie ja hauptsächlich als „Kräuter-Hildegard“. Diese Frau war aber auch eine mit allen Wassern gewaschene Geschäftsfrau, die ihre Interessen gegenüber hohen kirchlichen Würdenträgern durchzusetzen wusste. Die Kämpfe, die sie real geführt hat, versuche ich in der filmischen Arbeit nachzuempfinden. Auch ich übe zwar erfolgreich verschiedene künstlerische Aktivitäten aus. Hier ist jedoch, würde ich sagen, der Begriff der Demut am Platz, denn ihre Erfolge gehören in eine ganz andere Kategorie. Sie bewältigte ein unglaubliches Arbeitspensum und wurde dennoch für ihre Zeit ungewöhnliche 81 Jahre alt.

Was schätzen Sie besonders an der Arbeit mit Margarethe von Trotta?

Ich schätze so vieles an ihr. Sie ist so sehr Mensch. Ich schätze die wunderbare Atmosphäre mit ihr. Sie kann unheimlich gut zuhören, und weil sie selber Schauspielerin war, weiß sie um die Schwierigkeiten, seinen Fokus in diesem sehr technischen Medium auf seiner Konzentration und seinen Emotionen zu halten. Sie begleitet einen wirklich, und ich finde es phantastisch, mit ihr zu arbeiten. Dadurch, dass wir uns so gut kennen — wir haben jetzt fünf Filme miteinander gemacht — brauchen wir gar nicht mehr viel zu sprechen.

Aus Ihrer Zusammenarbeit mit Margarethe von Trotta sind beeindruckende Filme über Frauen unserer Zeitgeschichte entstanden. Einer davon ist „Vision“. Gibt es auch zwischen Ihnen ein gemeinsames inneres Anliegen oder Ziel?

Ja, es gibt eines. Es ist kein formuliertes Ziel, Margarethe wählt den Stoff aus, aber für jeden von uns geht es bei der Zusammenarbeit um Mitdenken und Mitempfinden. Thema sind für uns natürlich Frauen, und zwar solche Frauen, die aus der ihnen von Männern zugewiesenen Rolle heraustreten, ihren eigenen Weg bestimmen wollen und sich nicht scheuen, anzuecken und zu kämpfen. Auch Hildegard hat für ihre Zeit unvorstellbare Tabus gebrochen. Selbst in ihrer Musik ist sie neue Wege gegangen.

Was waren für Sie die speziellen Herausforderungen dieses Films?

Erstens, die Aufgabe, sich in das Denken eines Menschen aus dem zwölften Jahrhundert hineinzuversetzen. Man sucht nach Berührungspunkten, und muss akzeptieren, dass es eigentlich unmöglich ist. Die Welt sah anders aus für den damaligen Menschen. Himmel, Hölle und Fegefeuer waren im Mittelalter unbestreitbare Realitäten, die mit dem heutigen Weltbild der meisten Menschen wenig zu tun haben.

Und dann: Bin ich die richtige Besetzung? Wird man mir die Rolle glauben, und kann ich die Zuschauer für diese Frau begeistern, der es durch ihre außerordentliche Autorität gelang, dass ihre Visionen offiziell anerkannt und sogar vervielfältigt wurden. Visionen hatten im Mittelalter viele Menschen, aber nur wenige konnten ihre Umwelt davon überzeugen.

Der Begriff Vision steht nicht nur für die Kunst, Unsichtbares zu sehen. Er meint auch, ein Bild der gewünschten Zukunft zu haben, für das wir uns begeistern und dann genauso andere begeistern können. Haben Sie auch eine eigene Vision?

Heutzutage besteht die Gefahr, dass die Zuschauer sich verschließen und abstumpfen bei all dem, was es in den Medien zu sehen gibt. Ich wünsche mir, dass die Menschen es nicht verlernen, differenziert wahrzunehmen, und gefühlsmäßig ansprechbar bleiben, ohne sich manipulieren zu lassen. Ich möchte sie anregen, für den anderen und die andere Kreatur offen zu bleiben und mit ihnen mit zu empfinden.Frau Sukowa, wie haben Sie sich mit dieser bemerkenswerten Frauenfigur aus dem Mittelalter auseinander gesetzt, um sich ihr anzunähern und sie zum Leben zu erwecken?

Sukowa: Ich habe viel über Hildegard von Bingen gelesen, beispielsweise die wunderbare Biographie von Barbara Beuys „Denn ich bin krank vor Liebe“. Wie ich mich als Äbtissin zu verhalten habe, erfuhr ich durch das Studium der Benediktinischen Regeln. Ich habe ihre Psalmen gelesen, ihre Musik angehört, und lese oft in der Bibel, besonders das Evangelium ihres Lieblingsapostels Johannes. Beim Umsetzen einer Rolle ist es wichtig, zulassen zu können. Auch das Unbewusste spielt in unserem Beruf eine Rolle. Man kann und muss nicht alles erklären, was beim Schauspielen in einem passiert, denn sonst gäbe es ja kein Geheimnis mehr.

Gibt es im Wesen Hildegards, so wie sie im Drehbuch vorgestellt wird, etwas, das Sie besonders berührt hat?

Sie war oft krank. Kinder, die nicht in die Welt gehen können, sondern ans Bett gefesselt sind, entwickeln häufig Phantasien und werden in besonderer Weise kreativ. Dieses Phänomen erinnerte mich an Rosa Luxemburg. Der „Trotz des Schmerzes“ macht einen ein bisschen zum Außenseiter, lässt aber Kräfte in einem wachsen, besonders psychische, wenn man es schafft, die Widerstände zu überwinden und zu leben.

Sehen Sie in der Figur Hildegards Parallelen zu Ihrem eigenen Leben?

Hildegard von Bingen war aufgrund ihrer vielseitigen Talente eine facettenreiche Persönlichkeit: Visionärin, Heilerin, Komponistin und eigenwillige Magistra eines Benediktinerinnenklosters im 12. Jahrhundert. In den Köpfen der meisten Menschen existiert sie ja hauptsächlich als „Kräuter-Hildegard“. Diese Frau war aber auch eine mit allen Wassern gewaschene Geschäftsfrau, die ihre Interessen gegenüber hohen kirchlichen Würdenträgern durchzusetzen wusste. Die Kämpfe, die sie real geführt hat, versuche ich in der filmischen Arbeit nachzuempfinden. Auch ich übe zwar erfolgreich verschiedene künstlerische Aktivitäten aus. Hier ist jedoch, würde ich sagen, der Begriff der Demut am Platz, denn ihre Erfolge gehören in eine ganz andere Kategorie. Sie bewältigte ein unglaubliches Arbeitspensum und wurde dennoch für ihre Zeit ungewöhnliche 81 Jahre alt.

Was schätzen Sie besonders an der Arbeit mit Margarethe von Trotta?

Ich schätze so vieles an ihr. Sie ist so sehr Mensch. Ich schätze die wunderbare Atmosphäre mit ihr. Sie kann unheimlich gut zuhören, und weil sie selber Schauspielerin war, weiß sie um die Schwierigkeiten, seinen Fokus in diesem sehr technischen Medium auf seiner Konzentration und seinen Emotionen zu halten. Sie begleitet einen wirklich, und ich finde es phantastisch, mit ihr zu arbeiten. Dadurch, dass wir uns so gut kennen — wir haben jetzt fünf Filme miteinander gemacht — brauchen wir gar nicht mehr viel zu sprechen.

Aus Ihrer Zusammenarbeit mit Margarethe von Trotta sind beeindruckende Filme über Frauen unserer Zeitgeschichte entstanden. Einer davon ist „Vision“. Gibt es auch zwischen Ihnen ein gemeinsames inneres Anliegen oder Ziel?

Ja, es gibt eines. Es ist kein formuliertes Ziel, Margarethe wählt den Stoff aus, aber für jeden von uns geht es bei der Zusammenarbeit um Mitdenken und Mitempfinden. Thema sind für uns natürlich Frauen, und zwar solche Frauen, die aus der ihnen von Männern zugewiesenen Rolle heraustreten, ihren eigenen Weg bestimmen wollen und sich nicht scheuen, anzuecken und zu kämpfen. Auch Hildegard hat für ihre Zeit unvorstellbare Tabus gebrochen. Selbst in ihrer Musik ist sie neue Wege gegangen.

Was waren für Sie die speziellen Herausforderungen dieses Films?

Erstens, die Aufgabe, sich in das Denken eines Menschen aus dem zwölften Jahrhundert hineinzuversetzen. Man sucht nach Berührungspunkten, und muss akzeptieren, dass es eigentlich unmöglich ist. Die Welt sah anders aus für den damaligen Menschen. Himmel, Hölle und Fegefeuer waren im Mittelalter unbestreitbare Realitäten, die mit dem heutigen Weltbild der meisten Menschen wenig zu tun haben.

Und dann: Bin ich die richtige Besetzung? Wird man mir die Rolle glauben, und kann ich die Zuschauer für diese Frau begeistern, der es durch ihre außerordentliche Autorität gelang, dass ihre Visionen offiziell anerkannt und sogar vervielfältigt wurden. Visionen hatten im Mittelalter viele Menschen, aber nur wenige konnten ihre Umwelt davon überzeugen.

Der Begriff Vision steht nicht nur für die Kunst, Unsichtbares zu sehen. Er meint auch, ein Bild der gewünschten Zukunft zu haben, für das wir uns begeistern und dann genauso andere begeistern können. Haben Sie auch eine eigene Vision?

Heutzutage besteht die Gefahr, dass die Zuschauer sich verschließen und abstumpfen bei all dem, was es in den Medien zu sehen gibt. Ich wünsche mir, dass die Menschen es nicht verlernen, differenziert wahrzunehmen, und gefühlsmäßig ansprechbar bleiben, ohne sich manipulieren zu lassen. Ich möchte sie anregen, für den anderen und die andere Kreatur offen zu bleiben und mit ihnen mit zu empfinden. Der Film startet am 24. September 2009 in den deutschen Kinos.
26.07.2009 - 14:38 Uhr | geändert: 05.11.2009 - 14:18 Uhr

Anzeige

Zuletzt Kommentiert

... Großartiger und wichtiger Film, der nicht in amerikanischen Gut-Böse Klischees "funktioniert" sondern differenziert und sachlich, aber mit viel Herz auf das Elend an unseren Grenzen zu den unverblümten Sklavenregionen dieser Welt aufmerksam macht, wo jede Stunde Menschen ihr Leben lassen, ertrinken, verdursten ...


Berkel über Die Farbe des Ozeans

Im Bereich:


nach Begriff