Beim Außendreh des Spielfilms "Wer, wenn nicht wir"
Andres Veiel: "Jeder muss sich ein eigens Bild zusammenbauen"
Eine blühende Obstbaumwiese am Schönbuchrand bei Hagelloch, eine hufeisenförmige Festtafel mit viel Prominenz aus Film und Fernsehen: Imogen Kogge („Polizeiruf“-Kommissarin), Susanne Lothar („Das weiße Band“) und natürlich die beiden Hauptdarsteller Lena Lauzemis und August Diehl. Für den Spielfilm „Wer, wenn nicht wir“, wird gerade die Verlobung von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper gedreht.
Klaus-Peter Eichele
Ensslin? Verlobung? Regisseur Andres Veiel schmunzelt, wenn man sich ein bisschen verwundert zeigt, dass die spätere RAF-Terroristin und der Hippie-Rebell solch bürgerliches Gebaren pflegten – und das zu einem Zeitpunkt, als beide längst aus dem heimeligen Tübingen ins wilde Berlin übergesiedelt waren. Der gebürtige Stuttgarter mag solche Irritationen. „In den Medien beginnt die Geschichte der RAF mit den immer gleichen Bildschleifen der Schüsse auf Ohnesorg und Dutschke“, sagt Veiel im Interview. Was davor war, werde konsequent ausgeblendet. Zu Unrecht.
Als Teenager ist Veiel oft mit der Straßenbahn von Möhringen, seinem Heimatort, quer durch Stuttgart nach Stammheim gefahren, um für die Schülerzeitung den Prozess gegen Baader, Ensslin & Co unter die Lupe zu nehmen. Vom Mitbegründer der örtlichen Jungen Union wandelte er sich zum juvenilen RAF-Sympathisanten – bis ihm die Flugzeugentführung nach Mogadischu jegliche Revoluzzer-Romantik austrieb. Intellektuell ist das Thema Terrorismus jedoch bis heute sein Wegbegleiter geblieben. In „Black Box BRD“, seinem berühmtesten Dokumentarfilm, hat er mit Erfolg versucht, der schemenhaften dritten RAF-Generation in Person des bei einer Festnahme-Aktion ums Leben gekommenen Wolfgang Grams eine Kontur zu geben.
Gruppenbild mit Wiese:„Wer, wenn nicht wir“ gehört auf dieses Foto von den Hagellocher Dreharbeiten – von links nach rechts: Ex-LTTler Michael Wittenborn, Hauptdarsteller August Diehl, Lena Lauzemis, Hanno Koffler, Henriette Nagel, Maria Victoria Dragus, Stefanie Groß, Greta Bohacek (unten), Anne Leppin, Gabriele Röthemeyer, Thomas Kufus, Imogen Kogge, Susanne Lothar, Judith Kaufmann und Regisseur Andres Veiel. Bild: Sommer
Von diesem trüben Endpunkt des wechselseitigen Totschießens geht „Wer, wenn nicht wir“ zeitlich zurück ans andere Extrem, rekonstruiert sozusagen eine Urszene des deutschen Terrorismus. 1962, als sich Ensslin und Vesper an der Tübinger Uni kennen lernten und bald darauf ein Liebespaar wurden, waren Vietnamkrieg und Stadtguerrilla noch weit weg. Umso bedeutsamer war für viele junge Leute die Auseinandersetzung mit der damals noch jüngsten deutschen Geschichte, verkörpert durch die Elterngeneration, die bei Vesper besonders bizarre Blüten trieb. Sein Vater, der Dichter Will Vesper, war (wohl auch noch nach dem Krieg) ein glühender Nazi, aus dessen patriarchaler Dominanz sich der Sohn nur unter größten Wehen herauswinden konnte. In seinem Tübinger Kleinverlag publizierte er anfangs sowohl moderne linke Literatur wie auch die völkischen Werke seines Vaters – mit Ensslin als fleißiger Helferin.
Für Andres Veiel ist dies aber mehr ein familienpsychologisches Phänomen als das erste Anzeichen einer Entwicklung, die mit dem vom RAF-Mann zum Neonazi gewendeten Horst Mahler endete: „Ich bin kein Anhänger der schlichten These, dass in der Vorgeschichte der RAF bereits ein faschistoider Nährboden angelegt ist.“ Zumal Vesper und mehr noch Ensslin schon früh klar geworden sei, dass die Veröffentlichung der Nazi-Schwarten ein Irrweg war.
Was also ist der politische Hintergrund des Films? Veiel geht es um die „feinen Haarrisse“, die sich durch die deutsche Gesellschaft zogen, lange bevor sich die Studenten radikalisiert haben und einige in den Untergrund abgedriftet sind. Um die oft unterschlagene Tatsache, dass der Aufbruch der späteren Achtundsechziger schon Jahre früher im Kleinen begonnen hat.
Die Liebesgeschichte zwischen Ensslin und Vesper sei dafür ein zwar extremes, aber erzählerisch höchst ergiebiges Beispiel. Nach ihrer Tübinger Zeit, die laut Veiel von einer „symbiotischen Liebe, fast abgeschottet vom Rest der Welt“ geprägt war, gerieten die beiden in Berlin in den Bannkreis der aufstrebenden Studentenbewegung.
1967 kam ihr Kind Felix zur Welt; kurz darauf löste sich Ensslin von dem eher intellektuellen Vesper zugunsten des Tatmenschen Andreas Baader. Hin- und hergerissen zwischen Mutterliebe und der Forderung, alles Bourgeoisie hinter sich zu lassen, entschied sie sich für die revolutionäre Option. Der Film wird kurz vor dem ersten Schuss enden, mit dem Baader 1970 aus der Haft befreit wurde. Vesper nahm sich ein Jahr später in der Psychiatrie das Leben, sein autobiografischer Roman „Die Reise“ blieb unvollendet.
Allerdings will Veiel auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als sei beider Weg in die Gewalt und Selbstzerstörung geradlinig oder gar vorgezeichnet gewesen. Dafür gebe es viel zu viele offene Fragen, ein „Ursachendickicht“ von der familiären Prägung bis hin zum Zufall, das auch der Regisseur selbst nicht immer durchblickt. War besagte Verlobung mit allen spießigen Schikanen, für die das Paar extra von Berlin nach Schwaben zurückgekehrt ist, ein Kotau vor den Eltern? Oder der Beweis, dass man sich endgültig von ihnen gelöst hat und jetzt seinen eigenen Weg geht? Veiel: „Der Zuschauer muss sich aus dem Kaleidoskop von Möglichkeiten ein eigenes Bild zusammenbauen“. Bei „maximaler Vielschichtigkeit spannend und stringent zu erzählen“, lautet seine eigene Zielvorgabe.
Dokumentarische Genauigkeit strebt der erfolgreiche Dokumentarfilmer bei seinem ersten Spielfilm-Projekt übrigens nicht an. Beispiel Verlobung: Die wurde in Wahrheit weder in Hagelloch noch auf einer Obstbaumwiese vollzogen, sondern im Kursaal von Bad Cannstatt.
Die Tübinger Dreharbeiten gehen bis Ende nächster Woche. Danach zieht die Crew weiter nach Berlin und Schleswig-Holstein. In die Kinos kommt der Film wohl erst 2011.
August Diehl als Bernward Vesper – „was will man mehr?“
Vor eineinhalb Jahren stand August Diehl, der die Rolle Bernward Vespers im Film übernommen hat, noch für Quentin Tarantino in dessen Nazi-Trash-Opus „Inglourious Basterds“ vor der Kamera. Ein Abstieg von der Champions-League in die Tübinger Bezirksliga? „Überhaupt nicht“, plaudert der 34-Jährige während einer Drehpause gut gelaunt in die Journalisten-Mikrofone – auch wenn der Unterschied zwischen den beiden Projekten schon riesig sei. „Tarantino war Comic und Oper, jetzt drehen wir einen realistischen, historischen Film.“ Das Politische der Figur Vesper will Diehl trotzdem nicht zu hoch hängen: „Im Grunde ist es doch eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von jemandem, der seinen Platz im Leben im sucht und letzten Endes scheitert“. Ganz durchdrungen hat er die Figur Vesper aber noch nicht: „Wir drehen ja chronologisch und sind noch ganz am Anfang. So taste ich mich Schritt für Schritt an diesen Menschen heran.“ Und trotz des traurigen Ausgangs der Geschichte (Vesper beging 1971 in der Psychiatrie Selbstmord) mache die Arbeit einen „Riesenspaß“: „Das Drehbuch ist fantastisch, ich habe eine wunderbare Filmpartnerin und einen tollen Regisseur – was will man mehr?“