Wie das Lachen über Nazis funktioniert: Auf der Berlinale feierte "Iron Sky" Premiere
Von Fans wurde die Premiere des Trash-Films "Iron Sky" auf der Berlinale heiß ersehnt. Würde das Werk dem Hype gerecht werden? Und bleibt einem das Lachen über Nazis nicht im Halse stecken?
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MAGDI ABOUL-KHEIR
Tilo Prückner spielt den Wissenschaftler Dr. Richter. Foto: Tarja Jakunaho
Berlin Kämpft mit! "Join the fight", prangt auf den Eintritts-Armbändern. Schwarze Mini-Zeppeline schweben durch den Kuppelbau einer Berliner Szene-Location, aus den Boxen rumpelt skandinavischer Metal und Martialisches von "Laibach". Ein Animier-Pärchen in Lederuniform und mit Atemmaske bringt Stimmung ins Volk - als ob das bei der Premierenparty von "Iron Sky" nötig wäre.
Die Nachricht, dass "Iron Sky" auf der Berlinale Welturaufführung feiern würde, schlug Ende Januar wie eine Bombe in der Fanszene ein. Das Spektakel um Mond-Nazis hat seit 2010 im Internet zu einem Vorab-Hype geführt - ein feuchter Traum für Trash-Freunde. Der "Iron Sky"-Berlinale-Trailer wurde innerhalb weniger Tage 500 000 Mal geklickt. Die Premiere im Friedrichsstadtpalast war sofort ausverkauft.
Schon die Prämisse ist abenteuerlich: 1945 fliegen Nazis von der Antarktis auf den Mond. Dort bauen sie auf der dunklen Seite die Station "Schwarze Sonne" und warten auf ihre große Stunde. Die kommt im Jahr 2018: Sie attackieren die Erde.
Regisseur Timo Vuorensola (32) hatte bislang nur eine "Star Trek"- Persiflage mit Mini-Budget zusammengetrickst. Für "Iron Sky" brauchte er aber doch ein paar Millionen. So präsentierte er 2008 mit seinen finnischen Partnern bei den Festspielen in Cannes einen Appetithappen: 150 Sekunden Mond-Nazis und Hakenkreuz-Untertassen.
Er fand Mitstreiter in Australien - und Deutschland: Oliver Damians 27 Films Production. Der Film habe "eine urkomische, faszinierende Prämisse", sagt Damian, aber in Deutschland habe es beim Finanzieren "große Widerstände gegeben, wir wurden argwöhnisch beäugt". Von den 7,5 Millionen Euro Budget stammt immerhin eine Million aus "Crowd Funding", also von Fans. Und die wurden mit Videos, Blogs und Merchandise heiß gemacht.
Spätestens seit"Inglourious Basterds" (2009) hat sich cineastisches Nazi-Trashing dem Mainstream angenähert - auch in Deutschland scheint solch groteske Geschichtsverdauung nun möglich. Doch das Bekanntwerden der widerlichen Neonazi-Mordserie inklusive der Teilleistungsstörung des Verfassungsschutzes, wirft die Frage auf: Bleibt einem das Lachen über "Iron Sky" nicht im Halse stecken?
Das tut es nicht, weil die Story einfach zu absurd ist. "Iron Sky" ist saftiger Trash und grobe Polit-Satire: mal albern, mal bizarr, aber sehr bemüht, die Balance zwischen Geschmacklosigkeit und Political Correctness zu finden. Dem Hype kann er gar nicht gerecht werden: Er ist weder so schräg, wie Fans erhofft haben, noch so daneben, wie Tugendwächter befürchten.
Die Handlung? US-Astronauten, die nur auf dem Mond sind, um ihrer Präsidentin Wählerstimmen zu verschaffen, geraten in die Hände der Nazis. Der Schwarze Washington (Christopher Kirby) wird von Wissenschaftler Dr. Richter (Tilo Prückner) erstmal arisiert: mit "Albinisierungs"-Serum. Richters Tochter Renate (Julia Dietze) und der ehrgeizige Klaus Adler (Götz Otto) bereiten derweil den Angriff auf die Erde vor - Adler will zudem Mond-Führer Kortzfleisch (Udo Kier) die Macht entreißen.
Ein skurriler Plot zwischen Erde und Mond entspinnt sich, bei dem die Nazis der US-Präsidentin gerade recht kommen - erst werden sie zum Wahlkampf eingespannt, später dienen sie als idealer Feind. Es kommt zum "Meteorblitzkrieg", und eine Wunderwaffe namens "Götterdämmerung" hat auch ihren Auftritt. Doch es knistert zwischen Washington und Renate, die Blondine, gerät auf den rechten Weg, also vom rechten Weg ab, die Ober-Nazis bekommen ihr Fett weg, und der Amerikaner erhält endlich seine Hautfarbe zurück. Heldentaten, Hormone und Hakenkreuze - und ein Plädoyer für Toleranz!
Vuorensola spielt deftig mit Nazi-Klischees: NS-Allmachtsfantasien werden zu Weltallmachtsfantasien, wenn fliegende Reichsuntertassen aus Raumzeppelinen ausschwärmen. Die uniformierten Bösewichter sind Knallchargen, der Film findet aber eine subversive Form, mit dem berüchtigten "Faszinosum" der NS-Ästhetik zu spielen; und Laibachs Musik verwurstet Wagner vom Luna-Lohengrin bis zur Weltall-Walküre. Die beste Pointe geht freilich auf Kosten der Nordkoreaner - wie überhaupt alle rüstungsgeilen, verlogenen Machtmenschen ein Ziel des Spotts sind.
"Iron Sky" startet in Deutschland am 5. April. Für die Premiere seiner Polit-Satire könne er sich kein besseres Festival denken als die Berlinale, sagt Vuorensola. Nun, man lacht und feiert die Trash-Nazis weg - und geht dann in die kalte Berliner Nacht. Wissend, dass gar nicht so weit entfernt realer brauner Schrecken noch immer lebt.
... Großartiger und wichtiger Film, der nicht in amerikanischen Gut-Böse Klischees "funktioniert" sondern differenziert und sachlich, aber mit viel Herz auf das Elend an unseren Grenzen zu den unverblümten Sklavenregionen dieser Welt aufmerksam macht, wo jede Stunde Menschen ihr Leben lassen, ertrinken, verdursten ...